Mit 24 Jahren schon Amtsleiter

Er sichtet ein letztes Mal die Akten:  Foto: Bender

Altena -   Heute beginnt der Jahresurlaub von Wolfgang Friess. Es wird sein letzter sein: Mitte August beginnt für den städtischen Fachbereichsleiter Jugend und Soziales der passive Teil der Altersteilzeit. Ein junger Hund, wandern und fotografieren, die Familie und Reisen – all’ das steht ab jetzt für den 60-Jährigen im Lebensmittelpunkt.

Blick zurück ins Jahr 1978: Es lief nicht ganz rund im Altenaer Sozialamt, auf Bitten des damaligen Verwaltungschefs Reinhard Riechert ordnete der Kreis seinen damals 24-jährigen Mitarbeiter Wolfgang Friess nach Altena ab, wo er sofort als kommissarischer Amtsleiter eingesetzt wurde. „Das war natürlich eine Chance“, erinnert er sich heute, berichtet aber auch, dass ihn die Aufgabe schwer gefordert habe. „Ich bin heute noch dankbar für die großartige Unterstützung, die ich damals von Lukas Basqué und Reinhard Riechert erfahren habe“, sagt Friess. Und: „Ich habe mich dann freigeschwommen“.

Als Diplom-Verwaltungswirt ist Friess im Prinzip Allrounder, könnte also überall eingesetzt werden. „Ich habe aber schnell gemerkt, dass mir das Soziale liegt“, berichtet er – deshalb hat er diesen Fachbereich auch nie verlassen.

Zuerst also das Sozialamt – da wird verwaltet, es geht um Hilfe zum Lebensunterhalt und ähnliche bürokratische Dinge und weniger um praktische Sozialhilfe. „Trotzdem haben wir gestaltet“, blickt Friess auf jene Jahre zurück. Altena war die erste Stadt im Kreis, die eine komplett rechnergesteuerte Verwaltung im Sozialhilfebereich installierte, lange vor Einführung des medizischen Dienstes der Krankenkassen entwickelten Friess und seine Mitarbeiter zusammen mit dem Kreis ein System zur Kategorisierung von Pflegeleistungen.

Viel Bürokratie also. Trotzdem hatte Friess auch in dieser Funktion immer wieder mit den Problemfamilien jener Jahre zu tun. „Ich konnte immer gut zuhören“ – darauf führt er es zurück, dass er diese oft schwierige Arbeit so erledigte, dass Beschwerden oder gar öffentliche Kritik eher die Ausnahme waren. „Wenn die Leute das Gefühl haben, dass man sie ernst nimmt, dann haben die auch Verständnis für einen negativen Bescheid“.

1999 wurden Friess zusätzliche Aufgaben übertragen: Der frischgewählte Bürgermeister Dr. Andreas Hollstein strukturierte die Verwaltung um, Friess wurde Fachbereichsleiter und übernahm als solcher auch die Leitung des Jugendamtes. „Bis dahin ging es um die Frage, ob noch genug Essen im Kühlschrank steht. Ab dann plötzlich auch um ein womöglich akut gefährdetes Kind“, verdeutlicht Friess den großen und sogar dramatischen Unterschied beider Aufgaben. Ganz wesentlich sei für ihn gewesen, auch in diesem Bereich auf erfahrene, gute und kompetente Mitarbeiter zu treffen, die er zudem aus der Arbeit im Sozialamt meist schon kannte. Allen voran nennt er Hildegard Brass, die eine wesentliche Stütze für ihn gewesen sei.

Eine in mehrfacher Hinsicht spannende Aufgabe sei das Jugendamt für ihn gewesen, schildert Friess. Das Projekt „Altena früh am Ball“, das erste mehrere Kindergärten umfassende Familienzentrum in ganz NRW, die kreative Gestaltung der Kindergartenlandschaft bei stark rückläufigen Kinderzahlen, das neue Familienbüro in der Stadtbücherei – all das fiel in seine Dienstzeit. Das große Engagement aller, die sich „von Amts wegen“ um Kinder und Jugendliche zu kümmern haben und die Kooperationsbereitschaft der Kindergartenträger hätten ihm dabei besonders imponiert, sagt er.

Dieser Vernetzung sei es zu verdanken, dass in den vergangenen Jahren vieles gut gestaltet werden konnte. Sie habe auch dazu geführt, dass es eine Art Frühwarnsystem gebe – sei das Wohl eines Kindes gefährdet, falle das im Normalfall sehr schnell auf. Kurze (Dienst)Wege ermöglichten dann schnelles Handeln. Allerdings: „Alles weiß man nie“ – deshalb verstehe er es auch als großes Glück, dass in seiner Zeit als Jugendamtsleiter kein Kind durch Gewalt oder Vernachlässigung zu Tode gekommen sei.

Dass die Stadt ein Jugendamt haben und dafür auch einen Amtsleiter bestellen muss, das ist gesetzlich vorgeschrieben – zumindest auf dieser Ebene wird Friess also einen Nachfolger bekommen. Wer’s wird, steht allerdings noch nicht fest – der Jugendhilfeausschuss hat dabei ein Wörtchen mitzureden, er hat dazu aber noch nicht getagt. Von Thomas Bender

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