150 Jahre Eisenbahn: Als das Tempo ins Lennetal kam

Anzeige zur Betriebseröffnung vom 11. Juli 1860 im Wochenblatt für den Kreis Altena.

ALTENA ▪ Es war ein neues Kapitel der Technikgeschichte, und es begann um 7 Uhr und 20 Minuten. An einem Montagmorgen. Wahrscheinlich mit einem Pfiff aus der Trillerpfeife. Am 16. Juli 1860 um 7.20 Uhr verließ der erste fahrplanmäßige Personenzug den Bahnhof Altena.

Sein Ziel war Hagen, das er eine Stunde später erreichen würde. Von jetzt an würden sich Räume zusammenziehen, auch größere Entfernungen würden schnell zu überwinden sein. Zum Nachdenken: Wer damals von Plettenberg aus zum Altenaer (Kopf-)Bahnhof wollte, nutzte die Postkutsche - und brauchte dreieinhalb Stunden. In dieser Zeit gelangt man heute mit einem Pkw an die Nordsee. Von Werdohl aus dauerte die Reise zum Anschluss an das große Verkehrsnetz immerhin noch zwei Stunden. Heute benötigen die Züge von Abellio eine halbe Stunde, um Hagen zu erreichen.

Abordnung der Königlichen Eisenbahndirektion

Am Sonntag vor der Betriebseröffnung, am 15. Juli 1860, hatten der Altenaer Bahnhof und ein Sonderzug nach Letmathe zur Abholung von auswärtigen Ehrengästen noch den Honoratioren gehört. Eine Abordnung der Königlichen Eisenbahndirektion in Elberfeld, eine Delegation der Bergisch-Märkischen Eisenbahngesellschaft, „Landrath“ von Holtzbrinck und natürlich Bürgermeister Schmieding mit seinem sechsköpfigen Fest-“Comité“ trafen mit einem reich geschmückten Sonderzug um 14 Uhr in der Stadt ein.

Das „Wochenblatt für den Kreis Altena“ als Vorgänger des AK widmete der Errungenschaft einer wachsenden Industrienation am 18. Juli 1860 seine ganze erste Seite. Drei Spalten in eng gesetzter Frakturschrift zeigen an, dass hier etwas Besonderes passiert war. Wo sonst Berlin und Potsdam als Sitz des Königshauses domierten, gab es diesmal nur Altena - und die Bahn: „Von allen Seiten wurde der Festzug mit lautem Jubel begrüßt, das Schwenken mit weißen Tüchern und die Hochrufe der überall stehenden dichten Zuschauerhaufen wollten kein Ende nehmen.“ Die Musik spielte, die Eisenbahn als revolutionäres Transportmittel des späten 19. Jahrhunderts war angekommen in Altena - und ein weiterer großer Schritt zur Fertigstellung der Ruhr-Sieg-Strecke getan.

Festessen beim Gastwirt August Quitmann

Bald nach der Ankunft begab sich die Gesellschaft zu einem Festessen, das die Stadt Altena beim Gastwirt August Quitmann ausrichtete. Dort wird einiges los gewesen sein: „Etwa 250 Personen aus allen Ständen hatten sich im Quitmann‘schen Saale zu diesem Festessen vereinigt“, berichtet das AK. Ganz wörtlich kann man die Angabe „alle Stände“ aber wohl nicht nehmen: Die „Beamten des Festzuges“, also das fahrende Personal, wurden nämlich derweil beim „Gastwirth Klinke“ verköstigt.

Bis die Ruhr-Sieg-Strecke dann durchgängig befahrbar war, sollte es zwar noch bis zum 6. August 1861 - und damit etwas mehr als ein Jahr - dauern, aber diese letzte Etappe wurde mit nahezu rasantem Tempo überwunden. Schon im Januar 1862 wurde eine Schnellzugverbindung nach Frankfurt eingerichtet. Innerhalb von sieben Stunden war die Mainmetropole jetzt zu erreichen. Früher habe man für eine solche Reise „mehrere Tage“ gebraucht, stellte das Kreisblatt fest.

Effektive und schnelle Verbindung

Die Vorgeschichte vollzog sich dagegen eher gemächlich: Schon 1835 war von Siegener Seite der Bau einer „Eisenbahn“ von Siegen ins Ruhrgebiet beantragt worden - der Bau einer „Pferde-Eisenbahn“, wohlgemerkt. Schon damals war den Vätern der Initiative klar, dass hier zwei frühindustrielle Zentren eine effektive und möglichst schnelle Verbindung benötigten: Das Kohlerevier an der Ruhr und die Eisenhütten an der Sieg. Beide waren auch für den preußischen Staat sehr wichtig. Aber Behördenmühlen mahlten auch damals bisweilen langsam, und so zog sich das Genehmigungsverfahren hin. 1851 wurde dann von einem mittlerweile in Hagen ins Leben gerufenen „Hauptkomitee“ endlich der Bau einer „Dampfeisenbahn“ beantragt. Diese Technologie hatte sich zügig entwickelt, seit 1835 zwischen Nürnberg und Fürth der „Adler“ verkehrte.

Und jetzt ging es vergleichsweise schnell. Die Baugenehmigung für die Ruhr-Sieg-Strecke erging 1856, nur fünf Jahre später. Der erste Spatenstich erfolgte 1858 unter Regie der Bergisch-Märkischen Eisenbahngesellschaft, die 1843 in Elberfeld gegründet worden war.

Von Hagen ausgehend näherte sich der Streckenbau über Letmathe (Eröffnung im März 1859) rasch Altena. Auch die Industrie, die sich von der neuen Transporttechnologie ein kräftiges Wachstum versprach, beteiligte sich an der Finanzierung - vielleicht ein früher Fall von „Public-Private-Partnership“, wie gemeinsame Finanzierungen von öffentlicher Hand und Wirtschaft heute genannt werden.

Ruhr-Sieg-Bahn als großer Wurf

Für die Bergisch-Märkische Eisenbahngesellschaft wurde die Ruhr-Sieg-Bahn zweifellos zum großen Wurf: Der Reingewinn des Jahres 1876 wurde mit satten 3,5 Millionen Reichsmark ausgewiesen, 1880 waren es 2,8 Millionen Mark.

Die Burgstadt, damals schließlich auch noch Kreisstadt, spielte im Konzert der Bahnhöfe entlang der 106 Kilometer langen Strecke zwischen Hagen-Hauptbahnhof und Siegen als Bahnbetriebsswerk eine durchaus gewichtige Rolle: Seit der Inbetriebnahme des Bahnhofs gab es Lokschuppen mit Drehscheiben für sechs Lokomotiven. Im deutlich größeren Siegen gab es solche Einrichtungen zwar für neun Loks, aber Letmathe und Kreuztal zum Beispiel mussten sich mit zweien begnügen. Die Rolle als Bahnbetriebswerk spielte Altena allerdings nur ein halbes Jahrhundert lang. ▪ Thomas Keim

Interessante Links:

Abellio - http://www.abellio.de

Pro Bahn - http://www.pro-bahn.de/mittelhessen/dill.htm

Erlebnisrouten - http://www.erlebnisrouten.eu/02_reisen/02_bahnreisen/bahnreise_ruhr-sieg-strecke_01.html

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