Industrie 4.0: Wie eine Wirtschaftsregion den nächsten Schritt geht

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Tüfteln an digitalen Lösungen: die Studierenden beim Hackathon. Dort trafen Vertreter der südwestfälischen Universitäten mit heimischen Unternehmern zusammen.

Altena - Industrie 4.0: Was ist das? Und was hat das mit unserer Region und den Firmen  hier zu tun? Eine Spurensuche. Erste Station: eine schicke Villa in der Altenaer Innenstadt.

Lindenstraße 45, direkt neben St. Matthäus: Dort ist die GWS zuhause, die Gesellschaft für Wirtschafts- und Strukturförderung im Märkischen Kreis. Sie wurde vor 20 Jahren gegründet, um Firmen in der Region dabei zu helfen, Förderprogramme und auch neue Gewerbeflächen zu finden.

 Sie kümmert sich auch um Nachfolge-Regelungen und organisiert gemeinsame Messeauftritte der oft eher kleinen Firmen in der Region. Digitalisierung, Internet, Vernetzung: Das sei für die Industrie in Südwestfalen nichts Neues, betont GWS- Geschäftsführer Jochen Schröder. „Industrie 4.0 ist hier in der Region schon lange ein Thema“. 

Und es auch Aufgabe der GWS, sie dabei zu begleiten. Aber worum geht es bei dem Thema überhaupt? Menschenleere Fabriken, in denen Produkte aus dem 3D-Drucker kommen und von Robotern verpackt werden? 

Definition Industrie 4.0

Die beiden GWS-Digitalisierungsprofis Sonja Pfaff und Andreas Becker verweisen auf Prof. Dr. Jürgen Bechtloff vom Fachbereich Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften der Fachhochschule Südwestfalen. Nach seiner Definition könne man von Industrie 4.0 immer dann reden, wenn es um den webbasierten Datentransfer zur Erschließung neuer Geschäftsmodelle gehe. 

Griffiger wird es, wenn Sonja Pfaff vom Hackathon berichtet, den die GWS im Sommer veranstaltete. In der Humboldtvilla in Lüdenscheid suchten Studierende der FH Südwestfalen 24 Stunden lang „digitale Antworten“ auf Fragestellungen, die Firmen aus der Region vorgegeben hatten. 

Gabelstapler erkennt Gefahr selbst

Beispiel Gabelstapler: Bevor er in Betrieb genommen wird, muss ein Sicherheitscheck erfolgen. Eine Pflicht, die oft als lästig empfunden und deshalb eher nachlässig erfüllt wird. Die Studenten erarbeiteten Vorschläge zur Automatisierung dieses Prozesses. „In einem nächsten Schritt wäre es denkbar, den Stapler und die Mitarbeiter, die sich in seinem Umfeld aufhalten, so miteinander zu verbinden, dass der Stapler stehen bleibt, wenn er sich auf Kollisionskurs mit einem Menschen befindet“, sagt Pfaff mit Blick in die Zukunft. 

Geld spielt dabei für Unternehmen natürlich auch eine Rolle. Auch Geld, das man sparen kann. Das zeigt das Projekt, für das es beim Hackathon den ersten Preis gab: Er ging an ein Team, das für eine Firma in Werl ein Konzept zur vorbeugenden Wartung entwickelte. 

Ein völlig neues Messsystem kontrolliert Verschleißteile und schlägt so rechtzeitig Alarm, dass gehandelt werden kann, bevor es zum Ausfall der Maschine kommt. Für Andreas Becker ist das ein Paradebeispiel dafür, wie Digitalisierung Abläufe in kleineren Firmen optimieren kann. 

Reparieren bevor es zu spät ist

„Sensoren kosten ja heute nicht mehr viel“, sagt er. Setze man sie richtig ein, dann könnten sie auch bereits vorhandene, noch nicht digitalisierte Maschinen so überwachen, das Ausfallzeiten verringert würden. Dafür gibt es sogar einen Fachbegriff: Wenn vorhandene Anlagen so umgerüstet werden, dann spricht man von Retrofit. 

Wie schaffen es Sonja Pfaff und Andreas Becker, dieses Thema für alle Unternehmen im Kreis zu beackern? Auch hier liegt des Rätsels Lösung im Netzwerk, aber diesmal nicht im digitalen. 

Die GWS gehört dem Transferverbund Südwestfalen an und arbeitet mit dem Hochsauerlandkreis, der Wirtschaftsförderung des Kreises Soest und den Industrie- und Handelskammern in Arnsberg und Hagen zusammen. Außerdem wirken die Fachhochschule Südwestfalen und Hamm-Lippstadt in diesem Verbund mit.

Die Digitalisierungsprofis der GWS: Sonja Pfaff und Andreas Becker (r.)

Aufgabe des Transverbundes ist es, Betriebe und Fachleute zusammenführen. Dafür sorgen Technologie-Scouts wie Becker, die aus der Praxis kommen. Der Neuenrader Kunststoffingenieur hat die Aufgabe, gezielt Kontakte zwischen Betrieben und „Problemlösern“ der regionalen Hochschulen und Institute herzustellen. GWS-Chef Schröder betont: „Das funktioniert sehr gut.“ 

Mitarbeiter fit für die Zukunft machen

Mit Veranstaltungen wie den 3D-Tagen, die die GWS kürzlich in Lüdenscheid anbot, sollen Unternehmer und Führungskräfte aus der Region für das Thema Zukunft sensibilisiert werden. Das klappe gut, versichert Becker: Unternehmen, die sich seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten am Markt behaupten, hätten sich immer wieder neuen Anforderungen und Trends anpassen müssen. 

Das Thema Wandel sei den Unternehmern somit vertraut. Und die Mitarbeiter? Hier greift das nächste Netzwerk: Die GWS ist einer der Gesellschafter der Agentur Mark, sie sich Personalentwicklung auf die Fahnen geschrieben hat und mit Firmen darüber nachdenkt, wie die Mitarbeiter für die digitale Welt fit gemacht werden können. In der schicken Villa an der Lindenstraße öffnen sich also viele Türen zur Industrie 4.0

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