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Impfpflicht im Gesundheitswesen: Betroffene beziehen klare Position 

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Von: Susanne Fischer-Bolz

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Krankenschwestern und Pfleger stehen wieder im Fokus. Sie müssen sich impfen lassen.
Krankenschwestern und Pfleger stehen wieder im Fokus. Sie müssen sich impfen lassen. © Jens Büttner

Droht tatsächlich eine Kündigungswelle im Pflegesektor? Werden viele Krankenschwestern und Pfleger das Handtuch werfen, wenn am 16. März die „einrichtungsbezogene Impfpflicht“ in Kraft tritt und sie sich nicht zwingen lassen wollen, das zu tun, was sie nicht möchten, aber von ihnen verlangt wird? Betroffene beziehen deutlich Position.

Altena/Nachrodt – „Ja, viele werden kündigen“, sagt Eleonora Tomic. Die Krankenschwester aus Altena arbeitet in der Hans-Prinzhorn-Klinik in Hemer. „In der Pflege gibt es wie allerorts in der Gesellschaft Impfgegner und Skeptiker. Einige werden sicher sagen, dass sie sich nicht erpressen lassen werden“, glaubt die 41-Jährige, die in der Nachtschicht arbeitet und selbst geimpft ist. Viele Diskussionen gebe es aber auf ihrer Station dazu nicht. „Die Pflege geht ohnehin am Stock und es wäre besser, wenn die Politik bei diesem Thema zurückrudern würde“, findet Eleonora Tomic und hofft, dass das „Vorbild Bayern“ greift. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hatte mit seiner Ankündigung, dass Bayern die Impfpflicht für das Pflegepersonal vorerst aussetzen will, für Aufruhr gesorgt. SPD-Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach wirft Markus Söder vor, nicht nur Leben zu gefährden, „sondern auch die Glaubwürdigkeit von Politik“.

Wie soll es durchgesetzt werden?

Bis zum 15. März müssen Beschäftigte in Krankenhäusern, Pflegeheimen und anderen Gesundheitseinrichtungen vollständig geimpft sein. Dadurch sollen besonders Schutzbedürftige wie ältere Menschen und Patienten mit schweren Erkrankungen vor einer Corona-Infektion geschützt werden. „Es geht nicht darum, das Personal zu schikanieren, sondern die Pflegebedürftigen zu schützen“, so der Bundesgesundheitsminister. Ungeimpfte müssen nun damit rechnen, dass sie ihre Arbeitsstätte nicht mehr betreten dürfen. Doch: Nicht klar ist, wie dies durchgesetzt werden soll. Laut NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann werden die Länder bei der Umsetzung der anstehenden Corona-Impfpflicht im Stich gelassen.

Krankenschwester fühlt sich unter Druck gesetzt

Apropos im Stich gelassen: Das ist durchaus ein Gefühl, das Pflegekräfte empfinden. Seit Ausbruch der Pandemie stehen sie im Fokus. „Man appelliert an unsere Verantwortung. Wenn wir keine Zeit mehr haben für die Patienten, weil wir zu schlecht besetzt sind und alles dokumentieren müssen, ist das völlig in Ordnung. Wenn wir nicht geimpft sind, dann schreien alle auf“, ärgert sich Krankenschwester Katja M., deren vollständiger Name der Redaktion bekannt ist. Und auch Claudia Wiechel regt sich auf: „Ich verstehe nicht, warum die Impfpflicht gerade in der Pflege so groß aufgemacht wird.“ Die Krankenschwester aus Brenscheid arbeitet in der Sportklinik. Sie ist geimpft, „aber ich habe mich sehr schwer damit getan und mich dann dafür entschieden, um einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten“. Sie fühlte sich unter Druck gesetzt.

„Dann bricht das System zusammen“

„Wenn jetzt diejenigen gehen müssen, die sich nicht impfen lassen, stehen wir vor einem großen Problem“, sagt Claudia Wiechel. Ob das eine beachtliche Zahl an Kollegen sein wird, „kann ich nicht beurteilen“. Den Pflegenotstand gebe es bereits jetzt. „Die Mitarbeiter werden immer öfter krank, wechseln ihren Beruf. Sie können nicht mehr. Und wenn jetzt noch die Mitarbeiter ausfallen, die nicht geimpft sind, bricht das ganze System zusammen“, glaubt die Nachrodt-Wiblingwerderin. Auch eine Impfpflicht für alle sei nicht zu begrüßen. Anders als die Masern- oder Hepatitisimpfung mache eine Impfung gegen einen über die Luft übertragenen Virus wenig Sinn, meint sie. „Wir sehen ja, was passiert. Im Grunde gibt es für alle die Gefahr, die Krankheit trotzdem zu bekommen und trotzdem weitergeben zu können“, so Claudia Wiechel.

Spielball von Politik und Behörden

Die Argumentation, dass man durch die Impfung gegen schwere Verläufe geschützt ist, sieht die Krankenschwester aber durchaus als ein gutes und wichtiges Argument. „Viele Schwestern, die täglich sehen, wie die Menschen mit Covid dahinvegetieren, haben sicher auch Angst davor. Und es ist auch so: Wenn man selber Vorerkrankungen hat, wägt man ab: Was ist schlimmer? Durch die Impfung in fünf oder zehn Jahren an irgendetwas zu erkranken, was heute noch nicht erkannt ist, oder hoffe ich, dass mich Covid mit Impfung nicht so schlimm erwischt? Aber jeder sollte für sich selbst eine Entscheidungsfreiheit haben“, findet Claudia Wiechel. Pflege sollte kein Spielball von Politik und Bürokratie sein.

„Bei uns ist der Großteil durchgeimpft“

So dramatisch schätzt Andreas Schlennstedt die Lage nicht ein. Der Krankenpfleger aus Nachrodt arbeitet in der Vamed-Klink in Hagen-Ambrock, einer Fachklinik für neurologische und neurochirurgische Rehabilitation und für Pneumologie. „Bei uns ist der Großteil durchgeimpft“, erzählt er. Sich impfen zu lassen, war für ihn selbstverständlich – aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Es bestehe immer die Gefahr, dass man eine Infektion bekomme, mit nach Hause nehme und dort andere anstecke. „Die Impfung ist natürlich auch keine Garantie, nicht zu erkranken. Aber im Idealfall bekommt man keinen schweren Verlauf.“ Andreas Schlennstedt glaubt nicht, dass es eine dramatische „Flucht der Pflegekräfte“ geben wird. „Wo wollen sie denn hin? In dem Beruf, den sie nicht ohne Grund gewählt haben und den sie sicher auch gern machen, können sie dann nicht mehr arbeiten.“ Dann müsse man auch erst einmal eine Alternative finden, die das gleiche Geld einbringe. „Man kann ja nicht ungelernt in irgendeinem Beruf arbeiten. Vielleicht Regale einräumen. Diejenigen, die das vielleicht vorhaben, würden sich ja dann deutlich schlechter stellen.“ Die Impfpflicht nur für Pflegekräfte sieht Andreas Schlennstedt allerdings kritisch. „Dann sollte sich doch bitte die gesamte Bevölkerung impfen lassen. Dann hätte man sicher mehr das Gefühl, dass alle an einem Strang ziehen.“

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