Gebürtiger Altenaer zum Thema Migration

"Ich bin kein Ausländer, ich heiße nur so" - Amir Shaheen berichtet über sein neues Buch

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Autor Amir Shaheen mit seinem neuen Buch.

Altena - „Wo kommen Sie her?“ Das ist eine Frage, die dem Schriftsteller Amir Shaheen häufig gestellt wird. Obwohl er in Altena aufgewachsen ist, nehmen viele an, er sei Ausländer. Falsch.

Seine Erfahrungen thematisiert er in seinem neuen Buch „Ich bin kein Ausländer, ich heiße nur so“, das in diesem Monat erschienen ist. Im Interview mit Marie Veelen spricht er über das Buch und das Thema Rassismus.

Herr Shaheen, gab es ein konkretes Ereignis, warum Sie sich entschlossen haben, dieses Buch zu schreiben?

Amir Shaheen: Tatsächlich war eher die Summe der Ereignisse ausschlaggebend. Würde ich jedoch ein konkretes Erlebnis nennen, wäre es der Fragebogen zum Kuraufenthalt, der mir in Deutsch und Türkisch zugesendet wurde – in der Annahme, Türkisch sei meine Muttersprache. 

In den ersten 30 Jahren meines Lebens habe ich mir nie Gedanken um meinen Migrationshintergrund gemacht. Klar, der war vorhanden, aber das Wort gab es früher gar nicht. In Altena habe ich damals solche Vorfälle auch nie erlebt. 

Doch gerade in den vergangenen 15 bis 20 Jahren, etwa seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA, häufen sich diese Ereignisse in meinem Leben, dass mich jemand fragt, wo ich herkomme oder mich mit Salam begrüßt, in der Annahme ich sei kein Deutscher.

Sind die im Buch geschilderten Ereignisse wirklich alle so geschehen?

Shaheen: Ja, die Unterlagen in türkischer Sprache habe ich tatsächlich erhalten. Auch die Szene bei der Bundeswehr ist so passiert: Als mich mitten in der Nacht während der Grundausbildung in Hemer der Gruppenführer und sein Kollege weckten, um mich zu fragen, ob ich Araber oder Jude sei, weil mein Name nicht deutsch sei. 

Das war allerdings ein Einzelfall im Sauerland und für mich damals nicht weiter wichtig. Natürlich schildere ich das überspitzt, und die Dialoge hat es so nicht gegeben, das habe ich ausgeweitet.

Sind es eher solche Bemerkungen aus Unwissenheit, die gar nicht böse gemeint sind, oder haben Sie auch mit rassistischen Angriffen zu kämpfen?

Shaheen: Mir persönlich sind eher Bemerkungen begegnet, die gut gemeint waren, auch weil einige übervorsichtig sind. Aber Menschen mit einer anderen Hautfarbe wird es sicher anders gehen.

Ich sehe meines Erachtens auch nicht fremdländisch aus, vor allem nicht, seit meine Haare nicht mehr schwarz, sondern grau sind. Ich habe auch das Gefühl, viele Menschen machen einen Unterschied, ob jemand aus dem EU-Ausland oder einem anderen Land kommt.

Macht es für Sie denn einen Unterschied, ob jemand aus Unwissenheit so handelt oder bewusst?

Shaheen: Auf jeden Fall. Was ich erlebt habe, beruhte wie gesagt eher auf Unwissenheit. Aber wenn ich das Gefühl hätte, dass mich jemand im vollen Wissen spüren lassen will, ich würde nicht dazu gehören, wäre das tatsächlich rassistisch. 

Die Grenzen sind fließend. Im Nachwort meines Buches schreibe ich, dass ich mich nicht diskriminiert, benachteiligt oder ausgegrenzt fühle. Es kommt auch auf den Kontext und den Ton an. Vieles ist wirklich nur gut gemeint, aber es ist auf Dauer schon lästig und ärgerlich, immer seine Abstammung oder vermeintliche Herkunft erläutern zu müssen. 

Die Frage ist, warum muss das alles so bewertet werden? Warum ist ein Migrationshintergrund überhaupt relevant? Der wichtigste Satz in meinem Buch ist wohl, dass es nur zwei Menschen ohne Migrationshintergrund gibt – Adam und Eva.

Polizeigewalt ist in Verbindung mit Rassismus derzeit ein sehr aktuelles Thema. Haben Sie sich von der Polizei schon einmal diskriminiert oder ungerecht behandelt gefühlt aufgrund ihrer Wurzeln?

Shaheen: Ich hatte noch nie mit der Polizei zu tun. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass ich mal von der Polizei kontrolliert wurde. Nun bin ich mittlerweile auch über 50, sehe nicht sonderlich arabisch aus. 

Es steht aber völlig außer Frage, dass andere Menschen andere Erfahrungen mit der Polizei gemacht haben. Über die Jahre hat sich viel verändert. Das Phänomen Shisha-Bars oder Clan-Kriminalität gab es damals auch noch nicht.

Das Berliner Diskriminierungsgesetz soll Menschen vor Diskriminierung durch öffentliche Stellen, z.B. wegen ihrer Hautfarbe oder Herkunft, schützen. Wie stehen Sie dazu?

Shaheen: Es ist gut und richtig, wenn etwas gesetzlich geregelt wird. Aber es muss auch von den Menschen verinnerlicht werden und in ihrem Herzen ankommen. Einen latenten Rassismus scheint es in Deutschland durchaus zu geben. 

In anderen Ländern sicherlich auch, aber wir leben hier. Und Respekt ist ebenfalls ganz wichtig. Wir sollten genau hingucken, wie wir mit einem Menschen umgehen und ihn nicht sofort in eine Schublade stecken, denn das bringt uns nicht weiter.

Was war Ihre Intention, als Sie das Buch geschrieben haben?

Es ist ein satirisches Buch über ein ernstes Thema. Ernste Auseinandersetzungen mit dem Thema gibt es schon genug. Es wäre wünschenswert, dass der Leser selbst einmal kritischer betrachtet, wie er sich verhält und nicht einfach weitermacht wie bisher. 

Wenn mein Buch auf humorvolle Weise dazu beitragen könnte, wäre viel gewonnen. Vor kurzem in einem Hotel in Bremen bin ich jemandem begegnet, der eine schwarze Hautfarbe hatte und fließend Deutsch sprach. 

Ich würde den jetzt nicht als erstes fragen, woher er kommt. Schließlich frage ich jemanden, der mit Nachnamen Koslowski heißt, auch nicht, woher er stammt, obwohl es kein deutscher Name ist. Migration ist ein fester Bestandteil des Lebens. Für mich ist der Farbige ebenso Deutscher.

Zur Person

Amir Shaheen ist 54 Jahre alt  und in Altena aufgewachsen. Er absolvierte das Abitur am Burggymnasium und anschließend seinen Wehrdienst in Hemer.

Danach ging er erst nach Stuttgart und wechselte 1988 nach Köln, wo er Germanistik, Anglistik, Theater-, Film und Fernsehwissenschaft studierte und noch heute lebt.

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