Dienstagsstammtisch pflegt seit 65 Jahren Altenaer Unternehmerkultur

Hugo Zoebes letztes Hemd

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Hans Alfred Schillo, Bruno Hüttemeister, Hans Jürgen Hesse, Peter Adolf Welsholz und Stammwirt Franz-Georg Brillert (v.l.) stießen am Dienstag auf 20-jährige Freundschaft bei Pilling an. Ingesamt besteht der Stammtisch schon seit 65 Jahren

Altena - Hans Alfred Schillo, Bruno Hüttemeister, Hans Jürgen Hesse, Peter Adolf Welsholz und Franz-Georg Brillert stoßen an: Auf den Tag genau vor 20 Jahren stand der Dienstagsstammtisch beim Pilling-Wirt auf der Matte und bat um Einlass. Das ließ sich Brillert nicht zwei Mal sagen, denn dieser Kreis war ebenso berühmt, wie berüchtigt. Mittlerweile existiert er 65 Jahre.

Angefangen hatte alles mit Gustav Röhmhild. Wenn der Wirt des Märkischen Hofs sah, wie sich die Bahnhofsschranke schloss, dann zapfte er zwei Bier an. Gerd Schiffner und Hermann Stromberg nahmen nach Vorlesungsschluss gern einen kleinen Umtrunk bei ihm. Immer im „Jedermannseck“ und fast immer zur gleichen Zeit. „So ist der Dienstagsstammtisch entstanden“, weiß Hans Alfred Schillo. Gerd Stromberg, der den Kreis noch ohne Dr. im Namen gegründet hatte, war bis 2016 noch festes Mitglied.

Hans Alfred Schillo besitzt es noch: Das „letzte Hemd“ von Hugo Zoebe.

 „Leider ist er dann 91-jährig verstorben“, bedauern die verbliebenen Mitglieder. Heutiger Alterspräsident ist Karl-Friedrich Bätzel (Jahrgang 1926), gefolgt von Günter Suermann (Jahrgang 1929), Peter Adolf Welsholz (Jahrgang 1932), Hans Georg Gossmann (Jahrgang 1934), Bruno Hüttemeister (Jahrgang 1934), Hans Alfred Schillo (Jahrgang 1935), Friedrich-Wilhelm Berg (Jahrgang 1936), Hans-Jürgen Hesse (Jahrgang 1938), Peter Muschiol (Jahrgang 1942) und Gerd Bosserhoff (Jahrgang 1943). Dass nicht mehr alle 14-tägig bei Pilling zusammenkommen, ist keine Frage des Alters, sondern auch des Wohnortes: Nach Hamm, Maintal und Bad Tölz hat es drei der Herren verschlagen. Einst trafen sie sich wöchentlich, erst im Märkischen Hof und nach dessen Schließung und Abriss im Jahr 1960 im Burgrestaurant bei Wirt Robert Beißfänger. Der witterte einst ein gutes Geschäft, als einer der Freunde mal gegen den kleinen Hunger eine Pfanne Bratkartoffeln für alle bestellte: „60 Mark hat die gekostet. Der hat portionsweise abgerechnet!“ erinnern sich die Männer lachend.

Kupfergeld

 Eines Tages rächten sie sich, indem sie ihren Deckel mit Kupfergeld bezahlten. Gut, als „arm“ galt der Dienstagsstammtisch wahrhaftig nicht: Zum größten Teil bestand er aus Unternehmern, die zumeist der Drahtindustrie nahestanden. „Den Wohlhabendsten konnte man immer leicht erkennen: Der mit dem kleinsten Portemonnaie!“ lacht Hans Alfred Schillo.

Erinnerung ans „Räucherfest“: Ein angezündeter Tannenzweig sollte für frischen Duft sorgen, doch da stand der ganze Tisch in Flammen. Das Foto hat Franz-Georg Brillert aufbewahrt.

 Alle betonen aber: „Wir sind und waren nie ein Eliteclübchen. Aufgenommen wurde, wer in die Runde passte.“ Steht sogar in den Statuten, handgeschrieben, immer am Mann, ebenso wie eine aktuelle Mitgliederliste. Nie ohne „das letzte Hemd von Otto Zoebe“ geht außerdem Hans Alfred Schillo aus dem Haus: Ein zum Hemd gefalteter Zehn-Mark-Schein des Stammtischmitbegründers, der für die Dienstagsrunde auch Geburtstage seiner Familie sausen ließ. Fehlte mal ein Freund, weil er verreist war, dann schickte er eine Postkarte mit folgendem Code: Punkt, Strich, Punkt. Jeder Wirt wusste: Eine Runde Schnaps, eine Runde Bier und eine Runde Korn ging auf den Deckel des Absenders. Wenn der ganze Stammtisch unterwegs war, passierten die dollsten Sachen. Ganz Deutschland haben die Freunde bereist, zudem Paris, Brügge, Belgien... Legendär auch die Fahrten zum Sechs-Tage-Rennen. Dr. Peter Klüppelberg kaufte bei einer dieser Touren mal eine ganze Tombola auf - und bekam nicht mal ein Drittel seiner Investition wieder raus.

Unser Glück

„Unser Glück war und ist, dass wir immer verständnisvolle Frauen hatten“, schildern die Männer. Einmal im Jahr werden sie fein zum Essen ausgeführt vom Dienstagsstammtisch. Der macht weiter, solange es geht und sich mindestens noch zwei Gesprächpartner einfinden können. „Nette Gesellschaft hält ja auch jung!“

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