Hüttenleute waren keine Bauern

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Hans Ludwig Knau vor einer Karte mit den Schlackenhalden, die Hüttenleute hinterlassen haben. ▪

ALTENA ▪ Gestein gilt zu Recht als schweigsam. Das scheint sich aber zu ändern, wenn es in die Hände von Volker Haller gerät. Haller ist 2. Vorsitzender der Naturwissenschaftlichen Vereinigung Lüdenscheid und war am Mittwochabend mit dem bekannten Heimatforscher Hans Ludwig Knau aus Kiespe für einen Vortrag im Festsaal der Burg zu Gast. Knau hatte dort als aktives Mitglied der „Freunde der Burg“ ein Heimspiel. Von Thomas Keim

Das Duo hat sich in der Nachfolge von Manfred Sönnecken intensiv mit hiesigen Erzlagerstätten und ihrem Abbau sowie mit der Eisenverhüttung im heimischen Raum befasst und präsentierte den „neusten Stand der Forschung auf diesem Gebiet.“ So versprach es Dr. Christiane Todrowski vom gastgebenden Verein.

Hans Ludwig Knau oblag der zweifellos dankbarere Teil des Vortrages, nämlich die historische Einleitung zu geben und den wirtschaftsgeschichtlichen Rahmen zu skizzieren, in dem sich die Eisengewinnung und -verarbeitung zwischen Dahle/Evingsen und der Rahmede entwickelt hatte. Haller konzentrierte sich dagegen mehr auf Details wie die Eigenschaften und Beschaffenheit der Erzgesteine und musste häufiger auf fachliche Einzelheiten zurückgreifen, die sich der Darstellung im Rahmen eines populärwissenschaftlichen Vortrags widersetzen.

Aufschlussreiche Erkenntnisse aber brachte das kombinierte Sachwissen der beiden Referenten zweifellos: Da wäre die Rolle der Hüttenleute zu nennen, die zunächst an den (etwa 60 Zentimeter hohen) Rennfeuern und den fast drei mal so hohen und heißeren Rennöfen das Eisen aus dem Erzgestein schmolzen. Diese Hüttenleute hätten „sehr zu Unrecht“ keinen ehrbaren Platz in der Geschichte bekommen, denn „ihre Tätigkeit ist ohne Überlieferung geblieben und aus dem Gedächtnis der Menschen restlos verschwunden“, so Hans Ludwig Knau.

Nur die Schlacken, die Reste ihrer Arbeit, erinnern noch an diesen Berufsstand, der für die wirtschaftliche Entwicklung im märkischen Sauerland so wichtig war. „Sie beherrschten die Kunst, in kleinen Schmelzapparaten in einem Arbeitsvorgang Eisen- und Stahlqualitäten herzustellen, die direkt geschmiedet werden konnten“, so Knau. Diese Männer mussten einen „äußerst komplexen Vorgang“ kontrollieren, ohne dass sie wie heutige Hütteningenieure die chemischen Bestandteile ihres Rohstoffes kannten. Im Rennofen konnte zum Beispiel nur manganarmes Erz verwendet werden, das Rennfeuer dagegen brauchte manganreiches Erz. Und es gab gerade im Altenaer Gebiet sehr viele dieser Hüttenleute: In einem Umkreis von fünf Kilometern um die Burg sind fast 700 Rennfeuerhütten belegt.

Beide Referenten kamen zu einem interessanten Schluss: Es habe sich bei den Hüttenleuten um „versierte Spezialisten“ gehandelt. Damit sei eine gebräuchliche Darstellung falsch, die sich auch heute noch oft in heimatkundlicher Literatur findet: „Eine solche Leistung konnten keine Bauern erbringen, die das Eisen noch 'nebenher' machten“, schlussfolgerte Hans Ludwig Knau.

Da war er sich ganz einig mit Volker Haller. Man müsse hier von „hauptberuflichen Spezialisten“ sprechen. Wenn von einer Verhüttung als bäuerlichem Nebenerwerb geschrieben werde, sei das mindestens kritisch zu sehen oder aber „nicht haltbar“, sagte Haller. Allein die Beherrschung des Rennverfahrens und der Umgang mit den verschiedenen Erzgesteinen habe sicherlich den ganzen Mann gefordert.

Haller steuerte noch einen zweiten wirtschaftsgeschichtlich interessanten Aspekt bei, der das Erzaufkommen im Altenaer Raum angeht: Wichtigstes Erzmineral ist hier Ankerit (Braunspat), das zum so genannten Brauneisenstein verwittert. Am Dahler Ossenberg gab es davon bedeutende Mengen. Ein Nachteil des Ankerits ist allerdings sein vergleichsweise geringer Eisengehalt, der natürlich nicht im Sinne der mittelalterlichen Hüttenleute war. Haller, der von Dr. Todrowski als „der Steinspezialist“ vorgestellt wurde, hat die These aufgestellt, dass die vor Ort zu findende Menge an ausreichend eisenhaltigem Brauneisenstein nur für etwa 30 Jahre regelmäßiger Verhüttung ausgereicht hätte. Die Lösung ihrer Rohstoffsorgen fanden Altenas mittelaterliche Hüttenleute im Import - und zwar aus Hemer. Von dort wurde das Erz Hämatit herbeigeschafft, das im Felsenmeer schon sehr früh (nach dem 10. Jahrhundert) abgebaut wurde.

In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts (ab 1250 also) sorgte dann ein Technologiesprung dafür, dass die eisenarmen Altenaer Brauneisensteine wieder sehr begehrt waren und die Importe „bis zur Bedeutungslosigkeit“ (Haller) an Wichtigkeit verloren. Die Rennverhüttung wurde nämlich durch die effizienteren Floßöfen (auch Massenhütten gennannt) abgelöst, die nun auch Brauneisenstein mit geringem Eisengehalt wirtschaftlich nutzen konnten. Das erste schriftliche Zeugnis davon stammt aus dem Jahr 1395 und betrifft eine „Massenhütte“ im Nettetal, die nach Überzeugung Hans Ludwig Knaus an der Bachstraße zu suchen wäre. Das Bergwerk, das diese Hütte mit Erzgestein belieferte, befand sich am Gehegden. Seine Spuren wie den Pingenschlund, in dem ein einzelner Baum wächst, gibt es noch heute.

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