Wendeanzüge und 50 Pfennig Lohn: Horst Böllinghaus ist seit 60 Jahren Schneidermeister

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Horst Böllinghaus zeigt  den Diamantenen Meisterbrief.

Altena -  Er hießt Stift, erhielt kaum 50 Pfennig Lohn pro Stunde und schneiderte aus einem Stoff zweimal einen Anzug: Horst Böllinghaus haut viel erlebt in 60 Jahren als Herrenschneider.

Ein Herrenanzug von der Stange kostet heute oft nicht mehr als 150 Euro. Als Horst Böllinghaus zum 1. April 1948, wenige Monate vor der Währungsreform, als Schneiderlehrling seine Ausbildung begann, musste ein Kunde für einen handgenähten Herrenanzug „gut und gerne 400 Mark zahlen. Viel Geld“, erinnert sich der 85-Jährige, der jetzt von der Handwerkskammer zu Arnsberg mit dem Diamantenen Meisterbrief ausgezeichnet wurde. 

Ein Anzug hielt 15 Jahre

Der durchschnittliche Monatslohn lag damals in Deutschland bei rund 350 Mark (heute etwa 180 Euro). „Doch diese Investition“, so sagt der gebürtige Altenaer, „war gut angelegt. Männer trugen Hose, Sakko und Weste nicht selten mehr als 15 Jahre.“ 

Und er fügt etwas an, was viele ganz sicher nicht mehr wissen: „Es war üblich, dass Anzüge danach auch noch gewendet wurden. Wir haben also alle Nähte aufgetrennt und den Stoff im Wortsinne gedreht und daraus wieder einen Anzug genäht.“ Somit war die Anschaffung dieses Kleidungsstückes fast so etwas wie eine „Anlage fürs Leben“. 

In die Lehre ging der Burgstädter bei Paul Friele. „Der führte zwar keinen Meistertitel, besaß aber eine Ausnahmegenehmigung, um Stifte, wie wir damals hießen, ausbilden zu dürfen.“ Der gestrenge Lehrherr war nur einer von „mindestens fünf Schneidern in der Stadt“. 

"In den Beruf gerutscht"

Dort, wo heute das Lutherhaus steht, hatte Friele seine Werkstatt. Die hatte der junge Horst schon vor seinem Lehrantritt oft betreten. „Ich habe während meiner Kinder- und Jugendzeit oft Botengänge für Friele erledigt. So bin ich auch in den Beruf gerutscht. Eigentlich wollte ich Schreiner werden. Dann sind in meiner Jugendzeit die Berufs-Buchstaben ein wenig durcheinandergeraten.“ 

In seiner Lehrzeit betrug die Arbeitszeit „wöchentlich 48 Stunden, sogar samstagsnachmittags mussten wir ran. Weniger als 50 Pfennig waren damals in etwa mein Lohn pro Stunde. Wenn ich in der Lehrstube saß, waren meine Kumpels meist schon unterwegs. Die Pfadfinderei war mein großes Hobby.“ 

Kleidung in schwarzem Tuch verhüllt

Deshalb hat sich auch sein erstes Trinkgeld tief bei ihm eingebrannt. „Es war der 21. Juni 1948, der Tag nach der Währungsreform. Ich habe einen Anzug zu einer Geschäftsfrau gebracht. So ein Stück trug man auf dem Arm. Der Anzug war mit einem schwarzen Tuch verhüllt. Die Frau hat mir eine Deutsche Mark als Trinkgeld zugesteckt. Das war üppig und richtig viel Geld für einen Stift wie mich.“ 

Nach der Lehre arbeitete Böllinghaus als Geselle und später als Meister in Plettenberg, Oberstdorf, München und weiteren Städten. Ein Herrenanzugschneider, so hatte es Horst Böllinghaus vom Ausbilder eingeimpft bekommen, „arbeitet immer sauber, akkurat und verarbeitet möglichst nur gutes Tuch.“ 

30 Jahre im Modehaus Neuhaus

So habe er es auch Zeit seines Berufslebens gehalten. Das führte ihn später als Mittdreißiger wieder zurück nach Altena. „Ich habe dann 30 Jahre bis zum Renteneintritt im Modehaus Neuhaus gearbeitet. Eine schöne Zeit.“ 

Natürlich hat Böllinghaus nicht nur Anzüge genäht. Er führte auch Kleiderreparaturen durch. Noch heute greift der Meister ab und zu zu Nadel und Faden. „Aber nur für meine Frau, mich selbst und die engere Familie.

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