Juristisch ist der Fall von Altena so gut wie erledigt

Ein Jahr nach dem Horrorunfall: Die Opfer leiden bis heute

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Auf Hilfe angewiesen: Niyazi Topcu (Mitte) mit Imam Mikdat Güclin (l.) und Yussuf Sahin an der Unfallstelle.

Altena – Vor einem Jahr fuhr ein Auto in eine Gruppe von vier Männern und verletzte diese schwer. Die Opfer bleiben für ihr Leben gezeichnet. Juristisch ist der Fall so gut wie erledigt.

Freitag, der 8. Juni 2018, hat das Leben von Niyazi Topcu (58) von Grund auf verändert. Ebenso wie jenes von Yussuf Sahin (59), Mehmet Topal (64) und Imam Mikdat Güclin (52). 

Die vier Männer wollten sich nach dem Besuch des Freitagsgebetes im Fastenmonat Ramadan ein wenig die Beine vertreten, als sie kurz vor dem Abzweig auf die Fritz-Berg-Brücke auf dem Gehweg von einem Auto erfasst und schwer verletzt wurden. 

Bis zu 25 Meter mitgeschleift

„Ich habe an diesen Mittag so gut wie keine Erinnerung mehr“, sagt Topcu. Nur so viel weiß er noch: „Ich hatte plötzlich große Schmerzen, dann wurde alles schwarz.“ Zeugen des „Horrorunfalls von Altena“, wie der Vorfall von der überregionalen Presse getauft wurde, sagten ihm später, er sei bis zu 25 Meter vom Unfallauto, einem blauen Corsa, mitgeschleift worden und durch die Luft geflogen. 

Muss gepflegt werden: Mehmet Topal (64).

Heute sitzt der ehemalige Berufskraftfahrer im Rollstuhl. Das selbstständige Laufen fällt ihm schwer. Er hat Narben am Kopf, große motorische Ausfälle, das rechte Augenlid hängt herab, seine Sehkraft hat ebenfalls stark gelitten und er klagt über ständige Kopfschmerzen. 

Erst kürzlich war er wieder in einer Klinik, „weil ich das alles noch nicht verarbeiten kann“. Er habe nach wie vor nachts Albträume und tagsüber Angstzustände. Seinen zwei Freunden und dem Imam aus der Moschee-Gemeinde gehe es ähnlich. 

Ein Opfer im Pflegeheim

Einer, Mehmet Topal (64), wohne aufgrund seiner Verletzungen nach dem Unfall heute in einem nahen Pflegeheim. Er könne sich nicht mehr ohne fremde Hilfe versorgen. „Er bedarf einer Rund-um-Pflege aufgrund seiner Verletzungen. „Furchtbar, einfach furchtbar“, sagt Niyazi Topcu.

Am Tag des Unfalls landeten vier Rettungshubschrauber, die aus allen Teilen NRWs angefordert wurden, am Unfallort. Alle Beteiligten bis auf Yussuf Sahin wurden aufgrund ihrer schweren Verletzungen in Spezialkliniken ins Ruhrgebiet geflogen und dort monatelang behandelt. 

"Leben von Grund auf verändert"

Auch die Familien der Unfallopfer haben gelitten – und leiden noch. „Es geht vielfach nicht ohne psychologische Betreuung“, sagt Topcu. „Dieser Schicksalsschlag hat unser Leben von Grund auf verändert. Wir drei sind froh, dass es unserem Imam etwas besser geht. Gesund ist er aber auch noch nicht.“ 

Die Frau, die den Unfall verursachte, eine 29-Jährige, hat weder Topcu noch einer seiner Kollegen je zu Gesicht bekommen. „Wir haben auch nichts gehört. Kein Wort. Keine Entschuldigung. Gar nichts.“ Natürlich haben alle Unfallopfer einen Anwalt eingeschaltet, der sich um die Wahrnehmung ihrer Rechte kümmert. „Zum Stand des Verfahrens möchte ich nichts öffentlich sagen. Nur so viel: Alles ist noch in Fluss, nichts wirklich abschließend geregelt.“ 

Die Polizei nahm damals sofort die Ermittlungen zur Unfallursache auf. Zunächst wurde das Unfallauto auf technische Mängel untersucht –ohne greifbares Ergebnis. In einem weiteren Schritt wurde das Airbag-Steuergerät des Opel Corsa besonders ausgelesen. Auch dashalf nicht, eine Ursache zu ermitteln.

Befragungen und Vernehmungen der unverletzten Unfallverursacherin schlossen sich an. Auch menschliches Versagen stand zur Debatte. Doch selbst intensive Vernehmungen von Zeugen brachten keine Antworten auf die Frage nach dem Warum dieses tragischen Mittags auf der Lüdenscheider Straße. 

Verdacht auf Anschlag

Der auch überregional in TV, Radio und Presse viel beachtete Unfall rief seinerzeit sogar den türkischen Generalkonsul für NRW auf den Plan. Er sprach persönlich mit einer Delegation bei Bürgermeister Dr. Andreas Hollstein im Rathaus vor und äußerte den Verdacht, es könne sich um einen gezielten Anschlag auf Landsleute gehandelt haben. Die Boulevard-Presse in der Türkei schrieb im Nachgang immer wieder von einem feigen Anschlag auf türkisch-stämmige Menschen in Altena.

Lesen Sie nach: So war es vor einem Jahr

Die Polizei konnte letzten Endes keine Beweise für einen Vorsatz finden und übergab den Fall nach wochen- und monatelanger Ermittlungsarbeit an die Staatsanwaltschaft Hagen – als tragischen Unfall mit Personenschaden. 

Staatsanwaltschaft: kein Vorsatz erkennbar

Zu diesem Ergebnis kommt auch die Staatsanwaltschaft. Dr. Gerhard Pauli, für Presseanfragen zuständiger Oberstaatsanwalt, sagt auf Anfrage, es sei nicht zu einer Anklage gegen die Corsa-Fahrerin gekommen. Die Ermittler gingen abschließend von einem tragischen Unglücksfall aus und nicht von Vorsatz. „Wir haben den Fall erst kürzlich vorläufig eingestellt“, sagt Pauli. 

Er erläutert, dass die Unfallfahrerin eine „angemessene Geldbuße“ zahlen müsse. Deren Höhe habe ein Gericht bestätigen müssen. „Vorläufig eingestellt“ bezieht sich jedoch nur auf den Zahlungsvorgang. Wenn das Geld tatsächlich geflossen ist, werde der Fall endgültig zu den Akten gelegt. Im juristischen Fachjargon handelte es sich bei diesem Unfall um einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr. Die verhängte Geldbuße fußt auf dem Tatbestand der fahrlässigen Körperverletzung. 

Unfallopfer Niyazi Topcu sagt dazu bitter: „Ich selbst werde wohl nie wieder hinter dem Steuer eines großen Fahrzeuges sitzen können. Leider sage ich. Das war einmal mein Leben."

So war es im Juni 2018:

Auto fährt in Fußgängergruppe

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