Hohe Schäden

Nach Hochwasser in Altena: Manche Läden für immer zu?

Das Warten auf ein Wunder
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Das Warten auf ein Wunder: Das Hochwasser hat Altena und damit auch das Café hart getroffen.

In der Innenstadt hat das Hochwasser erbarmungslos gewütet. Nicht nur das Café Nostalgie hat es hart getroffen.

Altena - Schäden in Höhe von 80000 Euro stehen im Raum. Eine Summe, die Nilüfer Seker nicht stemmen kann. Es gibt kein Inventar mehr. Nichts mehr. Außer einer einzigen Kaffeemaschine. „Aber Altena ohne Nili, ohne das Café, das kann doch keiner wollen“, sagt Christiane Haupt, die als eine Helferin in der Not zum Dankeschön-Kaffeetrinken bei Inge Voss eingeladen war. Mit dabei war auch Marlies Rechenberg.

Tischlein deck dich schließt

Nicht mehr öffnen – und das steht fest – wird Sylviis „Tischlein deck dich“. An der Lennestraße 9 wird es niemals wieder herzhafte Hausmannskost geben. „Das haut nicht mehr hin“, sagt Silvia Schmerder. Ihre Tränen sind getrocknet. Jetzt sagt sie: „Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten.“ Den Laden möchte sie natürlich nicht als Baustelle verlassen, sondern „wir bauen ihn wieder auf. Nicht für uns, sondern für einen Mieter, der auch schon gefunden ist.“ Eine Gastronomie werde es aber nicht mehr geben. 5000 Euro Soforthilfe vom Land werden für die Sanierung genutzt. 3000 Euro hat Silvia Schmerder für ihre Wohnung über dem Geschäft bekommen, die in der Flut ebenfalls untergegangen ist. Nur ein einziger Sessel hat überlebt. „Ich war 20 Jahre selbstständig, musste immer zusehen, dass ich klar komme. Da wird mich so ein bisschen Wasser nicht umhauen. Ich habe am Anfang geweint und war wütend, aber von Emotionen wird es ja nicht besser“, sagt Silvia Schmerder. Sie hat ihre Gastronomie aufgegeben. Aufgeben müssen.

Nilüfer Seker hofft auf ein Wunder

Nilüfer Seker hofft dagegen noch für ihr Café Nostalgie auf ein Wunder. Und das könnte aus dem großen Spendentopf der Stadt kommen. „Ich möchte keinen Kredit mehr aufnehmen, kein Risiko mehr eingehen“, sagt Nili, der das Herz brechen würde, wenn sie ihr Eiscafé nie wieder aufschließen könnte. „Aber ich war immer für die Stadt da, vielleicht ist die Stadt auch jetzt für mich da“, sagt sie vorsichtig. Trotz persönlichem Unwetter-Drama hatte sie eine Spendenaktion vor der Tür ins Leben gerufen. Für andere. 5800 Euro sind durch Kaffee und Torte und vor allem aufgrund der Hilfsbereitschaft der Gäste zusammengekommen. Für sich hat Nili davon nichts behalten. „Aber das rettet vielleicht andere“, sagt die Kämpfernatur.

Spielautomaten in Sicherheit gebracht

Glück im Unglück hatten Dimi und Andrea Kouressis. Sie werden ihre Spielhalle vielleicht nächsten oder übernächsten Monat wieder öffnen können. Der Laden selbst ist zwar Totalschaden, aber die Geräte konnten gerettet werden. „In letzter Sekunde haben wir sie die Treppen hochgetragen. Ein Teil wiegt mehr als 150 Kilo und ich war so dankbar, dass viele Leute geholfen haben“, sagt Dimi Kouressis. Nur zwei Geräte für Sportwetten, die ohnehin nicht mehr im Einsatz waren, haben das Zeitliche gesegnet. Dennoch: Der Schaden ist erheblich. „Besonders die Holzverkleidung. Alles musste ‘raus und abgerissen werden. Jeder, der reinkommt, sagt: ‘Ach du scheiße’“, erzählt der Spielhallen-Betreiber mit einem Schmunzeln.

Ulrike Betzler-Hüttemeister macht weiter

Lächeln, weitermachen? Wenn es so einfach wäre. Ulrike Betzler-Hüttemeister blickt auf einen Schaden in ihrem Juweliergeschäft in Höhe von 300000 Euro. Der Schmuck konnte zwar in Sicherheit gebracht werden, doch in vier Räumen gibt es einen Totalschaden. „Rein optisch geht es, aber die Wände sind quietschennass“, erzählt die Altenaerin. Auch alle Vitrinen sind verloren. Das Wasser kam so schnell in die Stadt, dass keine Zeit zum Handeln war. Es kam von hinten durch das Fenster, von vorne durch die Ladentür. „Bis nachts um 1 Uhr haben wir alles versucht, dann mussten wir den Strom ausschalten und alles dem Schicksal überlassen“, erzählt Ulrike Betzler-Hüttemeister. Für sie fühlt es sich an, als sei das Unwetter-Drama gestern gewesen. „Ich konnte nicht weinen. Ich stand unter Schock.“ Zum Glück hat sie eine Elementarversicherung. Der Gutachter war da. Der Neuaufbau wird in Angriff genommen. Aufgeben? Kommt nicht in Frage. „Wir machen alles wieder tippi-toppi.“

Kunstwerke gerettet

Alle Bilder von Inge Voss konnten gerettet werden – weil Friederike Haar von Zetzmann & Bröer und Manfred Haupt während des Unwetters in ihr Atelier an der Lennestraße 47 einbrachen und die Kunstwerke ins Trockene brachten. Und so blieben 30 Werke Dank des Einsatzes des unermüdlichen Helfertrupps erhalten. Zum Innenstadt-Team gehörten übrigens auch Jutta Hymmen, Friederike Haar, Ulrike Betzler-Hüttemeister, Nilüfer Seker und Ingrid vom Wege. Inge Voss möchte sich gern bedanken. Bei allen. Sie selbst konnte nichts machen. Sie wohnt in der Rahmede und die Stadt war abgeschnitten. Den Schaden in ihrer Galerie, die komplett saniert werden muss, schätzt sie auf 3000 bis 5000 Euro. „Das wird die Soforthilfe decken“, sagt Inge Voss. Der Einbruch, um die Bilder vor der Flut zu schützen, war übrigens gar nicht so einfach. „Die beiden haben eine halbe Stunde gebraucht, um ein Kippfenster zu öffnen. Manni meinte, sie waren die schlechtesten Einbrecher aller Zeiten“, erzählt Christiane Haupt lachend. Und sie möchte nicht unerwähnt lassen, dass nach dem Unwetter die Hilfe auch von auswärts kam und immer noch kommt. „Die Organisation ‘Goch hilft’ kommt mit so vielen Hilfsgütern an. Von ihr haben wir viele Bautrockner, Waschmaschinen, Arbeitskleidung, Kinder- und Tiernahrung und vieles mehr. Das haben wir überall verteilt, wo wir wussten, dass es gebraucht wird. Und auch in die Wilhelmstraße 67 kann jetzt drei Mal in der Woche jeder kommen, der Hilfe braucht.“ Geöffnet ist dort montags und mittwochs von 15 bis 16.30 Uhr, freitags 13.30 bis 15 Uhr. Schaufeln, Werkzeuge, Bohrmaschinen, alles, was die Menschen zum Wiederaufbau brauchen, ist da. „Egal, was wir benötigen, der Goch-hilft-Trupp kümmert sich.“ Die Kehrseite der Medaille: Es gibt offensichtlich auch Menschen, die alles abgreifen. Und andere, die sich schämen und nicht um Hilfe bitten.

Helfer per Whatsapp vernetzt

„Das schlimmste betroffene Haus, das ich kenne, ist nicht in der Innenstadt, sondern in der Grabenstraße 29. Da ist der Boden komplett weg“, sagt Christiane Haupt. ‘Goch hilft’ macht dort jetzt den Boden und die Wände. Eine komplette Einrichtung für die Familie, um die sich Christiane und Manfred Haupt kümmern, kommt aus einer Wohnungsauflösung in Schwelm. „Wir machen das nur ehrenamtlich. Wir haben das Glück, gut vernetzt zu sein“, sagt Christiane Haupt.

Apropos vernetzt: Per WhatsApp sind die unterschiedlichen Kümmerer-Gruppen in Altena miteinander verbunden. Man tauscht sich aus, hat Bezirke, hofft, alle Bedürftigen der Stadt auch zu erreichen.

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