Innenstadt soll Überschwemmungsgebiet werden

Neue Hochwasserplanung: Grundbesitzer gravierend betroffen

Hochwasser 1998
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1998 floss das Wasser in die Tiefgarage des Stapelcenters. Jetzt soll dieser Bereich als Überschwemmungsgebiet ausgewiesen werden.  

Wer Grundbesitz an der Lennestraße oder an der Linscheidstraße hat, der sollte sich dringend mit einer geplanten Verordnung der Bezirksregierung beschäftigen. Diesen Rat gibt Stadtplaner Roland Balkenhol. Hintergrund: Die Verordnung über die Überschwemmungsgebiete (ÜSG) wird überarbeitet.

Altena - Bisher galten die Teile der Innenstadt, die vom sogenannten 100-jährlichen Hochwasser betroffen werden, formal als „hochwassergefährdeter Bereich“. Diese Definition kenne die geplante Neufassung der Verordnung nicht mehr, erklärt Balkenhol. Stattdessen sollen diese Bereiche als Überschwemmungsgebiet ausgewiesen werden.

„Das kann weitreichende Folgen haben“, warnt der Stadtplaner mit Hinweis darauf, was in Überschwemmungsgebieten (ÜSG) erlaubt ist und was nicht. Anna Carla Springob aus der Presseabteilung der Bezirksregierung nennt Einzelheiten: Die Ausweisung von Baugebieten, die Errichtung oder Erweiterung baulicher Anlagen und sogar das Anlegen von Baum- und Strauchpflanzungen sind in Überschwemmungsgebieten zunächst einmal verboten. „Es können allerdings Ausnahmen beantragt werden“, betont Springob. Allerdings entscheidet dann die untere Wasserbehörde und damit der Märkische Kreis darüber, ob an der Linscheidstraße eine Hecke gepflanzt oder eine Garage gebaut werden darf.

Auch die Rahmede ist Risikogewässer

2003 wurden erstmals ÜSG im Lennetal definiert – damals mit der Maßgabe, dass die Pläne nach 20 Jahren anzupassen seien. Genau das passiert jetzt. Das hat nicht nur für die Innenstadt Folgen: Erstmals werden einige Nebenbäche der Lenne als „Risikogewässer“ ausgewiesen, darunter auch die Rahmede. Dort würden Flächen als ÜSG ausgewiesen, die eigentlich für „betriebliche Entwicklungen“ prädestiniert wären, erklärt Balkenhol.

Der Leiter der Abteilung Planen und Bauen ist vor allem deswegen verwundert, weil die Stadt bisher in die Planung nicht eingebunden war. Dabei sei gerade die Rahmede im Rathaus durchaus ein Thema: „Es kommt hier sehr schnell zu starken Anstiegen des Wasserstandes, die aber auch sehr schnell wieder vorbei sind“, erklärt Balkenhol. Wenn es tatsächlich zu der von vielen Fachleuten befürchteten Zunahme sogenannter Starkregenereignisse komme, dann könne sich dieses Problem verschärfen.

Nach Starkregen kann die Rahmede ein reißendes Gewässer werden, wie diese Aufnahme aus dem Jahr 1963 zeigt.

„Deshalb denken wir gemeinsam mit der Stadt Lüdenscheid und dem Ruhrverband über ein Abflussmanagement für die Rahmede nach“, verrät Balkenhol und nennt einen der Knackpunkte, über die in diesem Zusammenhang diskutiert wird: die Autobahnbrücke. Bisher entwässert die direkt in den Rahmedebach, was vor allem nach dem geplanten sechsspurigen Neubau gefährlich werden kann, wenn es mal richtig heftig regnet.

Aber braucht man das alles noch? War nicht früher mehr Hochwasser? Den Eindruck könnte man gewinnen, wenn man sich die Jahresganglinie des Pegel Altena für 2020 anschaut: Der „Informationswert 2“ wurde gerade mal an zwei Tagen überschritten, und das auch nur um wenige Zentimeter. Informationswert 2 heißt, dass der Wasserstand über die Marke von 2,40 Metern geklettert ist und das Wasser auf die Lenneuferstraße läuft. Die musste 2020 zweimal wegen Hochwasser kurz gesperrt werden. Beide Male wurden auch die Bohlen zum Schutz der Innenstadt montiert, letztlich aber nicht gebraucht.

Pegel Altena existiert seit etwa 100 Jahren

Der Pegel Altena befindet sich unmittelbar an der Pott-Jost-Brücke. Er existiert seit Jahrzehnten, seit den 1960er Jahren ist er ans Telefonnetz angeschlossen: Das ermöglicht eine Fernabfrage der Wasserstände. Betreiber ist das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz, wo die Pegeldaten archiviert werden. Vergleicht man die Daten von 2020 mit denen von 2015 und 2010, so fällt auf, dass es damals nicht nur mehr, sondern auch höhere Hochwasser gab. Im Dezember 2015 zum Beispiel wurde die drei-Meter-Marke geknackt, im November 2010 musste bei einem Pegel von 3,50 Metern sogar der Busbahnhof gesperrt werden.

Uwe Jansen, der sich beim Hochwasserwarndienst der Bezirksregierung seit vielen Jahren mit der Lenne und ihren Pegelständen beschäftigt. bestätigt: In den vergangenen drei Jahren habe es praktisch keine nennenswerten Hochwasser mehr gegeben. „Ich bin da nicht wirklich traurig drüber“, sagte er. Schließlich sei ein echtes Hochwasser auch für den Hochwasserwarndienst mit viel Arbeit verbunden, weil dann Tag und Nacht Pegelstände und Wetterkarte beobachtet werden müssen, um mit der Leitwarte des Ruhrverbandes festzulegen, wie viel Wasser die Biggetalsperre zurückhalten muss.

Für Entwarnung noch zu früh

Ist die auffällig geringe Wasserführung der Lenne in den vergangenen Jahren eine Auswirkung des Klimawandels? Noch sei es zu früh, das zu beurteilen, meint Jansen. „Ich kann noch nicht abschätzen, ob es sich um einen langfristigen Trend handelt.“ Zu denken gibt ihm allerdings eine „Überregnung“ im Dezember 2020 – ein kräftiges Tiefdruckgebiet brachte kurz vor Weihnachten erhebliche Niederschläge mit sich. Auf den Wasserstand der Lenne habe das deutlich geringere Auswirkungen gehabt als eigentlich zu erwarten gewesen wäre, sagt Jansen. Er geht davon aus, dass die Böden nach drei extrem trockenen Jahren deutlich mehr Wasser aufnehmen können als normal.

Entwarnung könne aber noch nicht gegeben werden, meint Jansen. Der Klimawandel könne nämlich auch zur Folge haben, dass es mehr Starkregenereignisse geben könne, die zu seinem sprunghaften Anstieg der Wasserstände führen könnten. Hochwasserschutz bleibe deshalb ein wichtiges Thema, auch und gerade an der Lenne.

Das 100-jährliche Hochwasser

Alle 100 Jahre steigt der Lennepegel auf 4,60 Meter – statistisch gesehen jedenfalls. Dieses 100-jährliche Hochwasser (HQ 100) ist eine wichtige Größe: An ihr orientieren sich Fachleute und Behörden, die mit dem Hochwasserschutz zu tun haben. Was bei einem HQ 100 passiert und welche Maßnahmen dann ergriffen werden müssten, das ist Gegenstand vieler Untersuchungen. Dabei ist unklar, ob es ein solches HQ 100 überhaupt jemals gegeben hat. Den Pegel an der Pott-Jost-Brücke gibt es erst seit knapp 100 Jahren. Der höchste dort jemals gemessene Wert betrug 4,44 Meter, das war am 9. Februar 1946. Dokumentiert wird dieser Wasserstand durch eine Plakette am Hochwasserdenkmal am Haus Lennestraße 44. Sie hängt in etwa 1,80 Metern Höhe und macht deutlich, dass bei einem solchen Wasserstand das Wasser in die Innenstadt laufen würde. Als am 28. Oktober 1998 die Lenne innerhalb weniger Stunden um rund drei Meter auf einen Pegel von 4,10 Meter stieg, konnte das so gerade eben noch verhindert werden. Denkbar ist, dass es im 17. Jahrhundert noch stärkere Hochwasser gegeben haben könnte. In den Jahren 1682 und 1689 wurde die Vorgängerin der Steinernen Brücke zweimal durch Hochwasser beschädigt.

Mindestens genauso wichtiger wie die Ausweisung von Überschwemmungsgebieten ist deshalb der Hochwasseraktionsplan, der für die Lenne im Jahr 2001 veröffentlicht wurde. Der Hochwasserschutz in Altena wird darin als vorbildlich dargestellt, was auch historische Gründe hat. So schützt schon seit Jahrzehnten eine Schutzmauer das Betriebsgelände von VDM Metals vor Überflutungen. Die Firma Wagner am Hünengraben ist der einzige Betrieb, in dem ein 100-jährliches Hochwasser zu ernsten Schäden führen könnte.

Vor dem Bau der Biggetalsperre ging es immer mal wieder nur per Boot durch die Innenstadt.

Daran liegt es auch, dass ein richtig großes Hochwasser andere Städte finanziell viel stärker treffen würde als Altena. Auf 1,2 Millionen Euro schätzen die Fachleute die in Altena zu erwartenden Schäden, in Nachrodt werden es 1,5 Millionen Euro sein und in Werdohl sogar 2,6 Millionen Euro. Das liegt in erster Linie daran, dass in den Nachbarstädten mit Überflutungen von Gewerbegebieten wie zum Beispiel Dresel zu rechnen ist.

Natürlich zeigt das Papier auch Grenzen auf. Beispiel: Wenn das Wasser die Lennestraße überflutet, dann muss dort der Strom abgeschaltet werden. Das hätte Folgen für alle, die dringend auf Elektrizität angewiesen sind, etwa weil sie an ein Beatmungsgerät angeschlossen sind. Vermutlich wären auch Evakuierungen notwendig: Als der Kreis 2014 während einer Stabsübung das Szenario Lennehochwasser durchspielte, mussten in Altena 500 Bewohner der Innenstadt in Sicherheit gebracht werden – natürlich nur auf dem Papier.

Die Pläne zur Ausweisung von Überschwemmungsgebieten an der Lenne und deren Nebenbäche liegen im Bauamt aus und können dort eingesehen werden – wegen Corona aber nur nach Terminabspache unter Tel. 02352/2090. Einfacher ist es, sie im Internet anzuschauen.

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