Hochkarätig besetzte Diskussion über Sterbehilfe und Sterbebegleitung

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Das Interesse an der Beantwortung von Fragen zu den Themen Sterbehilfe, Hilfe zur Selbsttötung und Sterbebegleitung war groß, der Pfarrsaal der St. Matthäus-Gemeinde gut gefüllt.

Altena - Sterbebegleitung, Sterbehilfe, Hilfe zur Selbsttötung: Wie viele Fragen sich am Ende des menschlichen Lebens stellen, wurde am Freitag bei einer Podiumsdiskussion im Pfarrsaal von St. Matthäus deutlich.

Die mit den Bundestagsabgeordneten Dagmar Freitag (SPD) und Christel Voßbeck-Kayser (CDU), Pfarrerin Merle Vokkert, Jens Linderhaus (Chefarzt des Krankenhauses Altena) und Angelika Koopmann (Diözesanbeauftragte für die Hospizseelsorge im Bistum Essen) prominent besetzte Runde diskutierte die rechtlichen, ethischen und religiösen Fragen, die sich im Zusammenhang mit einem erträglichen Ende des Lebens stellen.

Stefan Kemper von der katholischen Gemeinde und Pfarrer Dr. Dietmar Kehlbreier moderierten die äußerst sachliche, informative und vielfach sehr persönliche Diskussion, die auch das überraschend große Publikum miteinschloss.

Die beiden Bundestagsabgeordneten berichteten vom Stand der Diskussion um eine neue gesetzliche Regelung zur Sterbehilfe, die in diesem Jahr in Berlin auf den Weg gebracht werden soll. Ohne Parteienzwang werde das Thema derzeit fraktionsübergreifend diskutiert.

„Das ist eines der größten Themen, die wir in dieser Legislaturperiode anpacken“, sagte Christel Voßbeck-Kayser und nannte eine erste konsensfähige Grenze für die gesetzliche Neuregelung: „Wir wollen keine organisierte, geschäftsmäßige Sterbehilfe.“

Bei einigen Nachbarn ist das anders: Die Schweiz, Belgien und die Niederlande haben liberale Regelungen zum „assistierten Suizid“ – der Tötung auf Verlangen durch einen Arzt.

Diese Art der Sterbehilfe „soll nicht ausdrücklich unter Strafe gestellt werden“, erklärte Dagmar Freitag den Stand der Diskussion in Berlin. „Ärzte brauchen Sicherheit, dass sie nicht belangt werden, wenn sie menschlich und im Sinne der Patienten entscheiden.“

Das Podium im St.Matthäus-Pfarrsaal (v.l.): Angelika Koopmann, Jens Linderhaus, Christel Voßbeck-Kayser, Stefan Kemper, Pfarrer Dr. Dietmar Kehlbreier und Dagmar Freitag.

Pfarrerin Merle Vokkert zitierte die abweichende Position der Evangelischen Kirche Deutschlands zum assistierten Suizid: „Jede Form der organisierten Beihilfe zur Selbsttötung soll unter Strafe gestellt werden.“ Matthias Bluhm, Sterbe- und Trauerbegleiter, erinnerte daran, dass nur wenige Menschen ohne den Zwang einer todbringenden Krankheit den Tod vor der Zeit – etwa aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen – suchen: „Es ist eine verschwindend kleine Gruppe, die nach aktiver Sterbehilfe verlangt.“

Chefarzt Jens Linderhaus machte deutlich, dass es auch in Deutschland viele Ärzte gebe, „die den assistierten Suizid für unbedenklich halten“. Ob ein Arzt entsprechend tätig werde, sei aber – vor allen rechtlichen Fragen – eine sehr persönliche Entscheidung: „Käme ich in so eine Situation, könnte ich das Töten auf Verlangen nicht durchführen.“

Doch der Arzt berichtete auch von einer ärztlichen Praxis, die Schmerzen und Angst bei Sterbenden mit immer höheren Dosen von Medikamenten lindere, so dass der „Tod als Nebenwirkung“ auftritt. „Das kann ein Arzt „in Kauf nehmen, ohne sich schuldig zu fühlen“, sagte Linderhaus.

Schwierig zu fällen sei für Ärzte die Entscheidung, ab welchem Punkt in einer Krankengeschichte sie den Kampf um das Leben aufgeben und die Linderung von Schmerzen und Angst in den Mittelpunkt ihres Handelns stellen müssen: „Für einen jungen Arzt ist es ganz ganz schwer, diese Entscheidung zu treffen und einen beginnenden Sterbeprozess zu begleiten.“

Der Bericht aus der ärztlichen Praxis traf offenbar ins Zentrum dessen, was viele Menschen beim Blick auf das Ende des Lebens bewegt: „Ich habe viele Menschen sehr qualvoll sterben sehen“, erinnerte sich eine Krankenschwester daran, dass die Linderung von Schmerzen nicht immer im Zentrum ärztlicher Handlungen gestanden hatte.

Einig waren sich Publikum und Podium in dem Wunsch, dass die vorhandenen Angebote zur (ambulanten) Hospiz- und Palliativarbeit ausgeweitet werden sollten. Politische Absichten in dieser Richtung stoßen allerdings dort an Grenzen, wo ehrenamtliche Kräfte im Rahmen der Hospizbewegung Menschen auf ihrem letzten Weg begleiten.

Denn ein solcher Dienst am Nächsten lässt sich nicht verordnen. Und noch etwas wurde deutlich: Das Ende des menschlichen Lebens hat so viele persönliche Facetten, dass eine gesetzliche Regelung nur einen sehr groben Rahmen für das liefern kann, was viele Menschen, vor allem Ärzte, Angehörige und Betroffene, mit sehr individuellen Entscheidungen füllen müssen. - Thomas Krumm

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