Himmelblauer Oldtimer mit einem Haken

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In voller Schönheit, so etwas sieht man kaum noch: Die Winde am Heck stammt möglicherweise sogar noch aus den 1930er Jahren, berichtet der Eigentümer.

Altena - Es gibt Autos, da wünscht man sich glatt eine derbe Panne. Und zwar am eigenen Wagen! In so einem Fall könnte schließlich ein Abschleppwagen erscheinen, wie ihn Frank Happel sein eigen nennt. Ein 911er. Nein, nicht einer aus Zuffenhausen, sondern einer aus Untertürkheim. Die Firma Mercedes Benz hatte schließlich seit 1963 ebenfalls ein Modell 911 im Portfolio - nur war das ein Lkw.

Von Thomas Keim

Ein „Rundhauber“ ist das, der aber auch als „Kurzhauber“ geführt wird. Weil er etwas hat, was heutigen Lkw fast durchgehend fehlt: Eine Motorhaube. Aus „dickem“ Blech gefertigt, schirmt sie den Dieselmotor mit seinen sechs Zylindern und beschaulichen 110 Pferdestärken gegen Einflüsse von außen ab. Das Modell, das der Inhaber des Autohauses Berger als jüngsten Neuzugang seiner Oldtimer-Flotte jetzt wieder in Betrieb genommen hat, hat eine lange Geschichte hinter sich. „Ich kenne den Wagen seit 40 Jahren“, berichtet Frank Happel.

Für das hohe Alter – Baujahr 1966 – hat der neun Tonnen schwere Wagen eine eher geringe Laufleistung auf dem Buckel. Gerade einmal 196 000 Kilometer sind bisher zusammengekommen, der Wagen hatte oft „Innendienst“ auf den Werkstatthöfen. Jetzt hat der 911 seit dem Sommer die Chance, vielleicht noch ein paar Kilometer dazu zu bringen. Und es war ursprünglich keineswegs sicher, dass dem Lkw-Klassiker ein „zweites Leben“ beschert sein würde. „Im Jahr 2000 haben wir ihn in einem völlig maroden Zustand abgemeldet.“ Es folgten sieben Jahre Dornröschenschlaf, dann begann im Jahr 2007 der langsame Wiederaufbau des Veteranen. „Er musste komplett zerlegt werden“, berichtet Frank Happel über den mühsamen Prozess, der dem Auto zu seiner heute wieder makellosen Gestalt verhalf. „Den Zeitaufwand darf man bei sowas einfach nicht rechnen.“

In der frischen himmelblauen Lackierung mit dem markanten roten Windenaufbau am Heck kommt der 911 daher, als habe er gerade die Endabnahme im Werk hinter sich. Auf den Türen prangt in nostalgischen Lettern der Schriftzug „Ernst Berger KG - Vormals Franz Zupfer - Südstraße 6 - 599 Altena“. Lang ist’s her, darauf deutet nicht nur die Postleitzahl hin. „Den Schriftzug habe ich von einem unserer alten Briefbögen genommen“, berichtet Frank Happel.

Großer Fahrkomfort indes ist nicht die Sache des fein herausgeputzen Oldtimers. Mit schweren Blattfedern stützt sich das Chassis nur gegen die gröbsten Stöße ab, und kräftige Arme beim Lenken verlangt der Klassiker allemal. „Wenn er rollt, geht es“, weiß Frank Happel, „aber im Stand kann man sich totkurbeln.“ Die ganze Karrossiere drückt schiere Robustheit aus, selbst die Verkleidungen in der Fahrerkabine sind aus sattem Blech – „nix Kunststoff“, sagt Happel mit einem anerkennenden Unterton für die Lkw-Fertigung der frühen 1960er Jahre. Markant prangen geprägte Aluminiumbeche auf den Flanken der vorderen Stoßstange. Hier konnte – und kann – ein Fahrer beherzt draufsteigen, wenn er zum Beispiel die Frontscheibe von Schnee und Eis befreien will. Haltegriffe links und rechts unterhalb der Windschutzscheibe zeigen an, dass die Konstrukteure das einst so gewollt haben.

Für einen etwaigen Abschleppeinsatz stünde der Benz-Klassiker heute durchaus zur Verfügung. „Mit der Stange natürlich“, sagt Frank Happel. Der riesenhafte Haken am Kranausleger ist dagegen eine nur eine Erinnerung an längst vergangene Pannendienst-Jahrzehnte.

1959 brachte Mercedes-Benz den ersten Kurzhauber, das Modell L322, auf den Markt. Neue Gesetze hatten den Verzicht auf allzu lange Fronthauben notwendig gemacht. Der Kurzhauber wurde zu einem Erfolgsmodell.

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