Hersteller Selter: Bloggerinnen sorgen für Stricknadel-Boom

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Besuch mit Folgen: Nach dem Besuch der Handarbeits-Bloggerinnen in der Firma von Thomas Selter boomte plötzlich das Geschäft mit Stricknadeln.

Altena – Ein halbes Jahr Lieferzeit für Stricknadeln: Von so einem Boom hat Nadelhersteller Selter immer geträumt. Den haben Bloggerinnen ausgelöst. Doch nicht immer lief es so rund fürs Unternehmen. 

Frau Zimmermann kam dreimal die Woche und baute Rundstricknadeln zusammen. „Sie schaffte so um die 500 pro Woche“, erinnerte sich Thomas Selter an die frühen 1970er Jahre, als er beim damals noch in der Nette ansässigen Hersteller von Handarbeitsnadeln die Verantwortung übernahm. 

Heute werden in der längst nach Dahle verlagerten Firma Gustav Selter GmbH und Co. KG 15 000 Rundsticknadeln produziert, und zwar täglich. Eine Erfolgsgeschichte also – aber eine mit Höhen und Tiefen. Es lief nämlich längst nicht alles reibungslos in den inzwischen 48 Jahren, in denen Thomas Selter den Familienbetrieb führt. 

Haus und Hof für Firma riskiert

„Faktisch waren wir pleite“, erinnert er sich an die Mitte der 1980er Jahre zurück, als der Umsatz innerhalb weniger Monate um fast 50 Prozent absackte und Selter – GmbH hin oder her – mit Haus und Privatvermögen für die Kredite bürgte, die die Banken ihm so gerade eben noch geben wollten. „Heute, zu Zeiten von Basel drei, würden wir in einer solchen Situation nichts mehr bekommen“, sagte Selter  bei einer Veranstaltung des Kulturrings. 

Es hat sich also viel verändert in all den Jahren, in denen Selter unternehmerische Verantwortung trägt. Und genau darum ging es in der Auftaktveranstaltung einer neuen Kulturring-Veranstaltungsreihe zur Altenaer Wirtschaftsgeschichte: „48 Jahre Veränderungen“ war der Titel. 

Nur Selter überlebt Flaute

Charmant und witzig plauderte der Unternehmer über dieses Thema. Sein Credo: „Wer in der Scheiße steckt und nichts dagegen tut, der muss wohl Scheiße lieben.“ Die Flaute vor inzwischen 30 Jahren hat das Unternehmen überlebt – als einziges in ganz Europa. Selbst die mächtige Imra ging damals pleite und mit ihr etwa ein Dutzend weiterer Hersteller in ganz Europa. Heute kommen Strick- und Häkelnadeln aus China, Indien und Mexiko. 

Selter ist stolz darauf, als einziger Hersteller ausnahmslos in Deutschland zu produzieren. Er empfängt im Dahler Firmensitz immer wieder Besuch auch dem Ausland – selbst aus Afghanistan reiste unlängst eine Kundin an, um sich davon zu überzeugen, dass Nadeln der Marke „addi“ tatsächlich „made in Germany“ sind. 

Chef kann nur Luftmaschen

Selter kann selbst nicht stricken. „Es hat nur mal für ein paar Luftmaschen gereicht.“ Er lernt viel über die Psyche von handarbeitenden Männern und Frauen: Stunde für Stunde hielten die so eine Strick- oder Häkelnadel in der Hand, da gehe es um Qualität. „Jedes Detail ist wichtig.“ „Luxus für die Hände“ lautet folgerichtig der aktuelle Selter-Werbeslogan. 

Der wohl folgenschwerste Besuch in der inzwischen 190-jährigen Geschichte des Unternehmens ereignete sich am 20. September 2017: Eine Selters-Mitarbeiterin hatte das Thema „Social Media“ für sich entdeckt und sich trotz der Skepsis ihres Chefs („das brauchen wir nicht“) entsprechend fortgebildet. Sie lud damals die führenden Handarbeits-Bloggerinnen und Blogger – die gibt es auch – nach Dahle ein. 

Belegschaft in einem Jahr verdoppelt

Sie berichteten auf Facebook, Instagram und Co. begeistert von ihrem Besuch in Dahle, ihre Beiträge wurden hunderttausendfach geteilt. „Sechs Wochen später sind wir schier erstickt vor Aufträgen“, erinnert sich Selter und berichtet von „Panikkäufen. Wir hatten sechs Monate Lieferzeit und mussten innerhalb eines Jahres unsere Belegschaft verdoppeln und in drei Schichten arbeiten“. 

Inzwischen läuft es in gemäßigteren Bahnen, aber immer noch sehr gut, wie Selter berichtet. Neue Maschinen wurden gekauft, natürlich computergesteuert. Auch das hat sich geändert: Als die ersten, noch auf dem Betriebssystem MS-DOS basierenden Rechner auf den Markt kamen, da hat sich Selter so ein Gerät gekauft. Sein Urteil stand schnell fest: „Sowas brauchen wir nicht.“ Auch das hat sich geändert.

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