Eine Geschichte, die das Leben schrieb und die mit Asylanten nichts zu tun hat

Herrn Riede geht’s nicht gut

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Schön gemacht haben es sich Uwe und Bettina Riede in ihrer Wohnung in der Rahmede. Jetzt haben sie wegen der Streichung einer Erwerbsunfähigkeitsrente ernsthafte Probleme.

Altena - Dies ist die Geschichte von Uwe Riede. Er möchte, dass sie aufgeschrieben wird, damit „mal bekannt wird, was die mit uns machen“. „Die“, das sind Arbeitsamt und Rentenkasse, aber auch die Politiker. Von denen ist flugs der Bogen gespannt zu Asylanten. Uwe Riedes Weltbild ist da ganz klar: Denen wird hierzulande geholfen, aber nicht Alten und Kranken im Lande selbst.

Alt ist Riede nicht, aber krank. Das hat er schriftlich, auch von der Rentenkasse. Arthritis, Fibromyalgie, ein Auge fast blind, Bluthochdruck, Wirbel kaputt, Depressionen - die Liste geht noch weiter. Um 2010 herum wurde ihm Erwerbsunfähigkeit bescheinigt. Riede wurde zum Frührentner und bekam monatlich etwa 1000 Euro von der Rentenkasse. Das reichte zum Leben. Denn: Riede verdient hinzu, völlig legal mit einem 450 Euro-Job.

450-Euro-Job

„Da kann ich mir die Arbeit ganz flexibel einteilen“, schildert er. Oft kämen seine Schmerzen und die Müdigkeit von eben auf jetzt, dann gehe er eben nach Hause und arbeite ein anders Mal weiter. Das mache der Chef mit. 1000 Euro Rente, der 450 Euro-Job und das Einkommen von Ehefrau Bettina - das reichte für ein kommodes Leben. Eine schicke Wohnung in der Rahmede (gut 80 Quadratmeter, 800 Euro Warmmiete, schöne Möbel, zwei (wenn auch alte) Autos: Dem Ehepaar ging’s gut. Bis Herbst 2017. Erwerbsunfähigkeit wird von der Rentenkasse in regelmäßigen Abständen überprüft, meistens alle anderthalb Jahre. Der Arzt, bei dem Riede im Jahr 2013 war, war der Auffassung, dass er erst 2017 wiederkommen müsse. Er sei aus allen Wolken gefallen, als eben dieser Arzt im Herbst 2017 feststellte, dass er wieder arbeitsfähig sei, berichtet Riede. In seinen erlernten Beruf - er ist KFZ-Servicetechniker - kann er zwar auf keinen Fall zurückkehren.

Gutachter-Meinung

Der Gutachter hält es aber für möglich, dass Riede „mindestens sechs Stunden lang täglich leichte Arbeiten in wechselnder Körperhaltung ohne Zeitdruck unter den üblichen Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes“ verrichten kann. Das teilt die Rentenkasse ihm im Herbst 2017 mit und Riede ging zum Arbeitsamt, obwohl er die Entscheidung des Gutachters anzweifelt: „Meine Schmerzen kommen manchmal ganz plötzlich. Ich kann nachts oft nicht schlafen, dann fallen mir tagsüber die Augen zu. Das macht doch kein Arbeitgeber mit.“ Anfangs war nicht klar, wer zuständig war: Die Arbeitsagentur? Immerhin war Riede seit Jahren raus aus dem Job, hatte folglich auch lange nichts in die Arbeitslosenversicherung einbezahlt. Oder das für Hartz IV zuständige Jobcenter? Letzten Endes landete Riedes Akte bei der Arbeitsagentur, wo man zu dem Entschluss kam, dass ein Job als Pförtner für Riede in Frage käme. „Die haben mir aber sofort gesagt, dass es solche Stellen eigentlich gar nicht mehr gibt und dass ich nicht mit Angeboten rechnen könne“, schildert er. Und dann passiert das, was Riede als besonders üblen Schlag ins Geschicht empfindet: Sein Leistungsanspruch wird berechnet.

Pförtner werden

60 Prozent eines Pförtnergehaltes bei sechs Stunden täglicher Arbeitszeit abzüglich der Einnahmen aus dem 450 Euro Job - das ergibt knapp 50 Euro Arbeitslosengeld im Monat. Von eben auf jetzt fehlen dem Ehepaar damit über 900 Euro im Monat. Das ist eine Menge Geld. Andererseits: Riede hat 500 Euro, seine Ehefrau hat den eh ungeliebten Job in der Pflege gegen einen in der Fabrik eingetauscht und bringt etwa 1500 Euro nach Hause. Macht unterm Strich 2000 Euro und damit weit mehr, als einem Asylbewerberpaar zusteht. Und die Riedes wissen auch, dass es viele, viele Renter gibt, die deutlich weniger haben als sie. Nur: Der Lebensstandard der Beiden orientierte sich an dem, was sie vorher hatten. Übrig blieb da nichts und als die Rente wegfiel, da tappten sie sofort in die Schuldenfalle, obwohl sie sofort eins der Autos stilllegten. Ein Kredit wurde aufgenommen, als die Konten heillos überzogen waren - 550 Euro Tilgung und Zinsen zahlt Riede, der nur rund 500 Euro Einnahmen im Monat hat. Also leben die beiden vom Einkommen der Ehefrau, und das reicht vorne und hinten nicht.

Ein Auto abgeschafft

Das Auto, die teure Wohnung, Uwe Riedes private Krankenversicherung, Telefon, Strom - „mein Dispo ist schon lange überzogen“, gesteht die Ehefrau und fragt sich, wie lange die Bank wohl noch mitspielt. Ein Blick in den Sekretär des Ehepaares zeigt, dass auch die Riedes ein für viele überschuldete Menschen typisches Verhalten an den Tag leben: Viele Briefe, die dort liegen, sind ungeöffnet. Das Ehepaar weiß, dass es in erster Linie ein Schuldenproblem hat, einen Termin bei der Schuldenberatung haben die Riedes schon gemacht. Sie versuchen aber auch, sich gegen die Rentenversicherung zu wehren. Ihr Widerspruch gegen die Streichung der Erwerbsunfähigkeitsrente wurde zwar abgelehnt, aber jetzt gibt es ein neues Gutachten: „Der Arzt hat mir gesagt, dass ich auf keinen Fall mehr arbeiten kann“, sagt Riede. Die Klage beim Sozialgericht ist auf dem Weg....

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