Hälfte der Aufträge bricht weg: Diese Branche trifft das Coronavirus besonders hart

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Die Spedition Kayser in Werdohl-Dresel.

Werdohl/Altena – Die Lage ist dramatisch: Weil die Automobilindustrie durch das Coronavirus praktisch still steht, sieht es für eine Branche sehr düster aus.

Auch für die heimischen Speditionen und Logistiker sieht es düster aus – jedenfalls für solche, die Firmen beliefern und nicht Nahrungsmittel oder medizinische Produkte transportieren. Die Spedition Kayser aus Werdohl mit Wurzeln in Evingsen hat Kurzarbeit angemeldet. 

Sie beliefert einige Drahtfirmen in Altena, unter anderem Möhling. „Die Auftragslage ist um rund die Hälfte zurückgegangen“, sagt Geschäftsführer Martin Kayser. Er erwartet auch erstmal keine Besserung, sondern rechnet vielmehr damit, dass sich die Lage weiter verschärfen wird. 

Coronavirus legt Lieferkette lahm

Grund für den Rückgang bei Aufträgen sei vor allem der Produktionsstopp in der Automobilindustrie. Dadurch fehlen vielen Automobilzulieferern aus der Region die größten Abnehmer. In der Folge werden auch die Zulieferer der Zulieferer ihre Produkte nicht mehr los. So komme die Lieferkette zum Erliegen, erläutert Martin Kayser. 

Seine Spedition fährt aktuell noch Aufträge innerhalb Deutschlands und in die Schweiz. Die Grenzen dorthin seien nicht geschlossen, erzählt der Geschäftsführer. 

Fahrer verpflegen sich selbst

Auch für die Fernfahrer hat sich der Alltag verändert. In mehreren Punkten. So sind zum Beispiel die Raststätten geschlossen. Die Fahrer müssen sich Verpflegung von zu Hause mitnehmen. „Das machen aber auch sonst viele bei uns“, sagt Kayser. 

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Die Lkw der Spedition sind mit Desinfektionsmitteln ausgestattet worden. Martin Kayser habe auch Schutzmasken für die Fahrer ergattern können, erzählt er. „Allerdings nur noch einen Karton“, sodass nur von einem Notvorrat die Rede sein kann. 

Bei den Kunden der Spedition sei es inzwischen regelmäßig so, dass die Lkw-Fahrer die Planen der Auflieger zwar öffnen dürfen, sich dann aber wieder ins Fahrzeug setzen müssen. Das Entladen übernehmen Mitarbeiter der belieferten Firmen. „Das ist vor allem bei größeren Unternehmen der Fall“, sagt Kayser. 

Es gehe darum, so viel Abstand zu halten wie möglich. So werde das Infektionsrisiko auch für die Fernfahrer minimiert. Auf andere Kleinigkeiten wie das regelmäßige Desinfizieren des Lenkrads achte man ebenso.

Fahrner will Kurzarbeit verhindern

Bei der Firma Fahrner Logistik, die ebenfalls in Werdohl sitzt und unter anderem für den Schraubenhersteller Nedschroef aus Altena arbeitet, sind die Mitarbeiter zwar noch nicht in Kurzarbeit, die Lage ist aber ähnlich angespannt. 

Wie Geschäftsführer Axel Jakobi erklärte, sei man bemüht, die Kurzarbeit so lange wie möglich zu verhindern, da sie für die Arbeitnehmer rund ein Drittel weniger Gehalt bedeuten würde. Rund die Hälfte der Arbeiter sei aktuell im Urlaub und zwar „bei vollen Bezügen“, wie Jakobi betont. Die andere Hälfte arbeite in „Mini-Schichten“. 

Diesen Zustand könne man allerdings vermutlich nur noch bis Ende des Monats beibehalten. In Anbetracht der Personal- und Mietkosten sei Kurzarbeit ab Mai voraussichtlich alternativlos. 

75 Prozent der Kunden Zulieferer

Auch bei Fahrner ist ein großer Teil der Aufträge von der Coronakrise betroffen. 75 Prozent der rund 35 Unternehmen, mit denen man kooperiere, seien Zulieferer der Automobilindustrie. „Und die gibt es momentan quasi nicht“, sagt Jakobi. Grund sind die Produktionsstopps, bei denen nicht abzusehen ist, wie lange sie noch andauern werden. BMW habe den Stopp gerade erst bis Ende April ausgeweitet. 

Bisher war der 19. April avisiert. „Wünsche sollte man nicht mit Zielen verwechseln“, sagt Jakobi. Von den übrigen 25 Prozent der Partnerunternehmen seien einige aus der Lebensmittelindustrie. Dort laufe alles wie gehabt. 

Lagerung macht's leichter

Ein kleiner Vorteil: Fahrner betreibt eine sogenannte Kontraktlogistik. Das bedeutet, dass die Firma einen Kooperationsvertrag mit ihren Partnerunternehmen hat und alle Dienstleistungen abwickelt, die die Logistik betreffen; also nicht nur den Transport, sondern auch die Lagerung der Waren und viele Verwaltungsaufgaben. 

Das Logistikunternehmen ist somit Bindeglied zwischen Produktion und Vertrieb. Kontraktlogistik ist für solche Unternehmen interessant, die keinen Platz haben, große Mengen ihrer Produkte einzulagern. Beim Schraubenhersteller Nedschroef in der Nette sei das der Fall. 

Schlimmer als Finanzkrise

Axel Jakobi erwartet nicht, dass Fahrner Hilfsgelder aus dem Rettungsschirm der Bundesregierung erhalten wird. „Auch wenn er immer angepriesen wird, guckt der Mittelstand oft in die Röhre“, sagt er. Zu dem gehört Fahrner Logistik. Man werde wohl einen Notfall-Kredit bei der Staatsbank KfW beantragen können. Die Lage sei schlimmer als in der Finanzkrise 2008. Die Bezeichnung „Feuerwerk des Wahnsinns“, die Jakobi kürzlich in einer Zeitung gelesen hat, beschreibe sie „absolut treffend".

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