Angebot nicht nur für Schüler

Grundschule thematisiert sexuellen Missbrauch auf besondere Weise

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Theaterszene mit Orestes Fiedler und Alissa Schwichtenberg: Die Akteure der theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück sind drei Mal mit einem interaktiven Stück gegen sexuellen Missbrauch am Breitenhagen zu Gast.

Altena - „Je besser Kinder informiert sind und ihre eigenen Wahrnehmungen und Gefühle einschätzen können, desto besser sind sie geschützt“, sagt Rektor Jörg Schlüter. Dafür ließ sich die Grundschule eine besondere Aktion einfallen, die augenblicklich 24 Jungen und Mädchen in ihren Bann zog.

„Der Mann stand direkt neben mir an der Bushaltestelle. Dann hat er plötzlich seine Jacke geöffnet und mir seinen Penis gezeigt. Ich weiß nicht, warum?“ Alissa Schwichtenberg steht mit einem Ball in der Hand und einem in die Stirn gezogenen Käppi vor einer feuerroten Wand.

Mit stockender Stimme erzählt sie ihr Erlebnis Orestes Fiedler. Der, so sieht man auf den ersten Blick, weist sich durch seine Arbeitsjacke und die Schlägermütze auf dem Kopf als Hausmeister an einer Schule aus. Die gestellte Szene zieht augenblicklich 24 Jungen und Mädchen in ihren Bann.

Die Kinder gehen in die Klasse 3 b der Grundschule am Breitenhagen. Was sie in ihrem Klassenraum im Beisein ihrer Lehrerin Melanie Schrenk in den folgenden 45 Minuten erleben, sehen und hören, ist bereits Teil zwei eines auf drei Teile angelegten interaktiven Theater-Präventionsprogramms für Kinder der dritten und vierten Klassen über Grenzen, die niemand überschreiten darf.

„Mein Körper gehört mir!“ lautet die Überschrift dieses besonderen Schulbesuchs, den die Stadt Altena durch Jugendpflegerin Angelika Wagner und der Verein Menschen gegen Kindesmissbrauch möglich gemacht haben. Doch nicht nur die Kinder sind Zielgruppe: Die Akteure der theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück beziehen auch die Eltern in den Kampf gegen Kindesmissbrauch aktiv ein.

Rektor Jörg Schlüter bot im Vorfeld der Theatertage einen Elternabend für alle dritten und vierten Jahrgänge an. „Der Besuch war gut. Das Feedback der Eltern auch“, bilanziert der Schulleiter. Es sei ein langer Weg gewesen von der Idee bis zur Umsetzung.

„So ein Angebot kostet. Und erst mithilfe der Stadt und des Vereins war es uns möglich, das jetzt bei uns anzubieten. Diese besondere Schüler-Theaterreihe ist im Grunde auch die Annäherung an ein gesellschaftliches Tabuthema“, sagt Rektor Jörg Schüler.

Er wisse, dass einige Schulen und Kitas diese Thematik für zu heikel hielten. Doch am Breitenhagen gehe man bewusst diesen Weg. „Je besser Kinder informiert sind und ihre eigenen Wahrnehmungen und Gefühle einschätzen können, desto besser sind sie geschützt.“ 

Jugendpflegerin Angelika Wagner sagt: „Uns hat vor allen Dingen überzeugt, dass trotz der ernsthaften Szenen viel gelacht, gesungen und über die vorgespielten Szenen gesprochen wird.“ In den einzelnen Klassenzimmern wird dann in der eigenen Klassengemeinschaft die Überschrift der Reihe „Mein Körper gehört mir“ kindgerecht aufbereitet und in spielerisch leichter Form szenisch vermittelt, ohne dabei den Kern des Themas aufzuweichen.

Oberstes Ziel: „Nein zu sagen, wenn man ein Nein-Gefühl hat, Das ist gar nicht so einfach“, bläut Schauspielerin Ailssa Schwichtenberg den Jungen und Mädchen immer wieder ein. Schauspieler Orestes Fiedler und seine Partnerin widmen sich in ihrem Programm aufbauend den Bereichen Ja- und Nein-Gefühle, dem Überschreiten persönlicher und körperlicher Grenzen und dem sexuellen Missbrauch durch Fremde sowie durch Täter aus dem Nahbereich.

Drei Mal Theater, drei Mal Unterricht der ganz anderen Art. Alissa Schwichtenberg hat die Erfahrung gemacht, dass sie als Darsteller, die jeweils beteiligte Klassenleitung und die Kinder selbst von Mal zu Mal tiefer in die Materie eintauchen.

Lehrerin Melanie Schrenk findet es sehr angenehm, „dass dafür von Auftritt zu Auftritt mehr eine Vertrauensbasis geschaffen werden kann, da die beiden Darsteller nicht nur Szenen für die Kinder spielen, sondern auch mit ihnen interagieren. Das regt, so mein Eindruck, schon sehr zu eigenem Nachdenken an.“

Alissa Schwichtenberg und Orestes Fiedler sind Teil eines 70-köpfigen Teams der theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück, die mit diesem und weiteren Stücken gegen sexuellen Missbrauch und weitere Zeitthemen quer durch die Republik reist.

Schauspielerin Alissa Schwichtenberg lässt nicht unerwähnt, dass das Stück „Mein Körper gehört mir!“ regelmäßig in Kooperation mit Fachleuten inhaltlich und sprachlich überarbeitet werde, um den wandelnden Herausforderungen, denen sich Kinder gegenüber sehen, auch wirklich gerecht zu werden.

Rektor Jörg Schlüter und sein Schulteam hoffen, dass am Ende der drei Präventionstage steht, dass Kinder ihren Gefühlen trauen und sie erfahren, dass jeder einzelne von ihnen das Recht hat, „Nein!“ zu sagen, wenn eine Berührung unangenehm ist, oder ein anderer Mensch persönliche Grenzen überschreitet.

„Das kann durchaus auch der ungeliebte dicke und nasse Schmatzer der Oma auf die Wange sein.“ Die Reihe endet am Breitenhagen am Freitag, 28. Februar.

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