Geschwister berichten von Gewalt und Demütigungen

ALTENA ▪ Es war ein langer Tag gestern im Hagener Landgericht: Im Prozess gegen Muhamed I. hörte das Schwurgericht neun Zeugen, darunter sein Bruder Sami und seine Schwester Kaukab. Sie bestätigten das, was der 25-Jährige über den Vater und das Leben mit ihm am ersten Prozesstag berichtet hatte. „Liebe und Anerkennung gab es nur dann, wenn wir funktionierten. Hatten wir andere Ansichten als unser Vater, wollten andere Dinge tun als er uns vorschrieb, gab es Gehirnwäsche, Druck und körperliche Gewalt“, so Kaukab.

Die 26-Jährige, die ebenso wie Muhamed und Sami aus der Ehe mit der türkischstämmigen Sultan hervorging, meinte, wenn sie einmal anfangen würde aus dem Leben mit ihrem Vater zu erzählen, dann könne sie nicht mehr aufhören. Und so berichtete sie – zwar gefasst, aber immer wieder tief Luft holend – von Gewalt und Demütigungen durch den Vater und durch die Großeltern, bei denen sie in den USA lebten. „Meine Mutter wurde geschlagen, Sami wurde geschlagen, Muhamed wurde geschlagen.“ Später dann, nach der Scheidung von Sultan, hätten sie bei der Stiefmutter gelebt – zunächst in Deutschland, dann in Beirut. Dort sei es ihnen erst besser gegangen. Die Stiefmutter hätte sich dafür eingesetzt, dass sie Hobbys ausüben durften und sie die besten Schulen besuchten. „Es war eine gehobenere Erziehung.“ Dennoch: Schläge und Demütigungen durch den Vater hätten nicht aufgehört.

Einmal sei es so schlimm gewesen, dass sie die Kontrolle über sich selbst total verloren hätte. „Ich habe geschrieen, dass ich ihn erstechen will, dass ich sehen will, wie das Blut langsam aus ihm rausläuft. Ich würde ihn andersherum aufhängen und zusehen, wie er leidet“, sagte Kaukab. „Ich wollte ihn quälen, so wie er es immer tat.“ Auch in dieser Situation hätte der Vater nicht aufgehört, sondern weiter provoziert. „Er hat doch gesehen, dass ich völlig am Ende war.“ Am nächsten Tag soll er dann gesagt haben, „macht das Fenster für sie auf, damit sie rausspringen kann“.

Der 23-jährige Sami, der heute in Ungarn studiert, war als Kind hyperaktiv. Im Zeugenstand sagte er mit Hilfe eines Englisch sprechenden Dolmetschers, dass er von seinem Vater keine Aufmerksamkeit bekam. „Er wollte mich nicht. Er sagte wörtlich zu mir, ich sei das Böse.“ Auch Sami war gestern sehr aufgeregt und rang zwischendurch um Fassung. Auf die Frage der Richterin, ob er von seinem Vater geschlagen wurde, antwortete er: „Natürlich.“

Zuvor hatte die Stiefmutter Dima, die von dem Getöteten drei eigene Kinder hat, mittels einer Arabisch sprechenden Dolmetscherin abgestritten, dass es Gewalt und Demütigungen gab. „Mein Mann war ein ruhiger Mann“, sagte die 48-Jährige. Nur wenn sie zu viel Geld ausgab, sei er wütend geworden. Ihr Mann sei jeden Monat aus Deutschland zu Besuch gekommen und dann sei alles normal gewesen. „Was ist normal?“, wollte die Richterin wissen. „Ja, normal ruhig“, ließ Dima verlauten. Ihr Mann habe viel mit den Kindern gespielt, „die Beziehung war sehr gut“. Er hätte weder Muhamed noch Sami geschlagen – „nicht einmal“. Ihr Verhältnis zu den Stiefkindern beschrieb sie als gut, „ich habe sie alle geliebt“. Nur mit Muhamed sei das Verhältnis ab einem bestimmten Tag gestört gewesen: „Er hat meine kleine Tochter im Intimbereich berührt, das hat mich richtig gestört.“

Von einem gewalttätigen Mann konnten die zwei Frauen, die in diversen Firmen des Getöteten als Geschäftsführerinnen arbeiten, nicht berichten. Die eine, eine 37-jährige Werdohlerin, beschrieb ihn zwar als „streng, aber immer höflich und hilfsbereit. Muhamed dagegen sei die aufbrausende Natur gewesen. Und die andere, eine 49-jährige Lüdenscheiderin, bezeichnete den Getöteten als agilen Managertyp, der ein angespanntes Verhältnis zu dem Angeklagten hatte. ▪ Von Ilka Kremer

Der Prozess wird Dienstag und Donnerstag fortgesetzt.

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