Angeklagter sieht sich als Opfer von Vorurteilen

Altena - Es war eine Sitzung der zugedrückten Augen: Zwei hielt der Staatsanwalt für nötig, um den Angeklagten mit ganz viel gutem Willen noch zu einer Bewährungsstrafe zu verurteilen. Und Richter Benjamin Ammon nahm sogar noch Hühneraugen dazu, um die gegen den Dieb verhängte Haftstrafe von zwei Monaten tatsächlich zur Bewährung auszusetzen.

Dass ein eigentlich läppischer Ladendiebstahl im Aldi-Markt an der Bahnhofstraße solche Folgen hatte, lag an einer Vorstrafe des Angeklagten: Sechs Monate auf Bewährung hatte er 2014 nach einem gemeinsamen schweren Diebstahl kassiert – die Bewährungsfrist war mittlerweile verlängert worden, weil er 2016 wegen einer Körperverletzung noch eine Geldstrafe kassiert hatte. Diese sechs Monate wären nach der Verurteilung zu einer vollstreckbaren Haftstrafe noch oben drauf gekommen.

Nun hatte er am 10. April zur Überzeugung von Richter und Staatsanwalt Waren im Wert von 11,87 Euro geklaut, was er selbst bis zum Ende der Verhandlung im Amtsgericht leugnete. „Ich bin nicht nach Deutschland gekommen, um Brot und Käse zu klauen“, versicherte er. Die in seiner Umhängetasche sichergestellten Waren habe er eine Stunde vorher gekauft und – leider – noch einmal mit in den Markt genommen, als er noch weitere Dinge kaufen wollte.

Ein Ladendetektiv hatte es anders gesehen: Er erinnerte sich, wie der Angeklagte die Sachen in seinen Beutel gesteckt hatte. Nach dem Bezahlen anderer Waren hatte er ihn dann hinter der Kassenzone angesprochen. Erst sei der Dieb ganz kleinlaut gewesen und habe mit dem Hinweis auf seine Kinder darum gebeten, nicht die Polizei zu rufen. Als diese kam, habe er den Diebstahl aber geleugnet.

Im Gerichtssaal bezeichnete sich der Angeklagte als Opfer von Vorurteilen. Sobald er einen Laden betrete, werde er argwöhnisch beäugt. Das erzürnte angesichts der Vorstrafe und der recht klaren Aussage des Zeugen den Staatsanwalt: Der Angeklagte habe keinen Grund, auf die Tränendrüse zu drücken und sich als Opfer darzustellen. „Wir sind hier nicht alle Ausländerhasser.“

Richter Benjamin Ammon war ebenfalls irritiert von den Versuchen des Angeklagten, sich als Opfer von Rassen- und Migrationsvorurteilen darzustellen. Ein ernst zu nehmender Grund für eine Bewährungsstrafe sei lediglich die Berufstätigkeit des Angeklagten, der den Familienunterhalt in einer Schraubenfabrik verdient. Als Bewährungsauflage verordnete der Richter ihm eine Geldbuße von 500 Euro. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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