Von der dämonischen Kunst der Verführung

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Peter Prange fesselte die Gäste.

Altena-Mit warmem Applaus begrüßten die Gäste in der ausverkauften Burg Holtzbrinck am Freitagabend den Schriftsteller Peter Prange, der mit seinem neuen Roman „Eine Familie in Deutschland. Zeit zu hoffen, Zeit zu leben“ im Gepäck in seine Geburtsstadt gekommen war. „Ich muss euch aber sofort enttäuschen. Dieses Buch spielt nämlich nicht wie ‚Unsere wunderbaren Jahre’ hier in Altena“, erklärte Prange mit einem Augenzwinkern.

„All die Nazigräuel – nein, das wollte ich meinen Altenaern nicht in die Schuhe schieben.“ Sagte es und wurde dann doch schnell ernst. „Die Nazizeit hat mich seit meiner Kindheit beschäftigt. Sie war auch hier in Altena immer präsent.“ Als Kind habe er die Namen Hitler, Göring und Goebbels immer wieder aus dem Munde der Erwachsenen gehört. „Sie wurden mit einem ganz besonderen Unterton gesagt.“ Das Thema des Nationalsozialismus habe sich zur Besessenheit ausgewachsen. „Meine Frau hält mich wohl manchmal für einen verkappten Nazi, wenn sie mich spät in der Nacht vor dem Fernseher findet und ich mir mal wieder irgendeine Doku über Hitler und das Dritte Reich anschaue.“ 

Eine Frage treibe ihn dabei schon seit Langem um: „Was wäre, wenn ich nicht 1955 in Altena zur Welt gekommen wäre, sondern während der Nazizeit? Hätte ich der dunklen, geheimnisvollen, dämonischen Faszination widerstehen können, die von den Nazis ausging?“ Wie eine Frage auf diese Antwort finden? Schon lange habe er den Wunsch verspürt, sich dem Themenkreis auch literarisch zu widmen – aber nicht mit der Darstellung eines individuellen Schicksals. Er habe keine monoperspektivische Geschichte erzählen wollen, sondern das große Panorama. „Ich wollte all die Geschichten, die sich im Laufe der Jahre in meinem Zettelkasten angesammelt hatten und mit dem Thema des Nationalsozialismus beschäftigten, verbinden. Aber ich wusste nicht, wie. Das Bindeglied fehlte.“ 

Sein Altena-Roman sei es schließlich gewesen, der ihm die Lösung zu diesem Problem geliefert habe. „Da habe ich ja auch viele disparate Erzählstränge verwoben. Das verbindende Element war das Thema Freundschaft. Und im neuen Roman ist es die Familie.“ Prange gewährte seinem Publikum im Folgenden Einblicke in den kreativen Prozess und machte so aus der als Lesung angekündigten Veranstaltung auch einen Werkstattbericht. Die Suche nach den Handlungsorten thematisierte er ebenso wie die Auswahl der historischen Persönlichkeiten, die als handelnde Figuren Einzug in den Roman gefunden haben. Der Jurist Carl Schmitt aus Plettenberg, die Schauspielerin und Regisseurin Leni Riefenstahl und der Journalist, Ingenieur und Entwickler des Ur-VW-Käfers Josef Ganz sind zu zentralen Charakteren in Pranges Buch geworden. 

Wie die anderen Charaktere setzt Peter Prange sie im Laufe der Romanhandlung immer wieder prekären Situationen aus. „Die Menschen waren unzufrieden. Sie wollten Antworten haben. Und die Nazis hatten Antworten. Sie machten vollmundige Versprechungen. Und das Volk wollte diesen Versprechungen nur zu gerne glauben. Der Wunsch ist eben immer Vater des Gedankens. Das große Thema der Nazis war Verführung. Darum drehte sich im Grunde alles. Wie verführt man Menschen? Pack sie bei ihren Träumen.“ Beim Schreiben sei ihm bewusst gewesen, wie aktuell dieser Themenkreis sei. „Die Rattenfänger sind heute wieder unterwegs. Und wie damals haben sie wieder einfache Lösungen parat. Wir müssen aufpassen.“

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