Lesung mit Gefängnisarzt aus Werl

Knast-Geschichten auf Burg Altena: Unterhaltsamer Abend mit Joe Bausch 

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Als begnadeter Erzähler erwies sich Joe Bausch bei seinem Auftritt auf der Burg.

Altena – Wer auf Reisen geht, kann viel erzählen, heißt es. Wer ein Berufsleben als Regierungsmedizinaldirektor in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Werl hinter sich hat, verfügt ebenfalls über viel Erzählstoff.

„Doc“ nannten sie ihn dort, wie Joe Bausch bei seiner Lesung im ausverkauften Rittersaal der Burg seine Patienten immer wieder zitierte. Nach dem großen Erfolg seines Buches „Knast“ stellte er weitere literarisch verdichtete Erinnerungen an seine Knastzeit vor. 

„Gangsterblues“ spielt nicht nur auf eine unter Gefangenen verbreitete Gemütsverfassung an, sondern auch auf den Musikgeschmack von Joe Bausch: „Das ist die Musik, die mir am besten gefällt.“ Warum geht ein junger Mediziner als Anstaltsarzt ins Gefängnis? 

Genüsslich zitierte er entsprechende Nachfragen von Leuten, die seine Entscheidung noch nicht verstanden hatten: „Sag mal Joe - warum bist du denn im Knast gelandet? Du machst doch einen ganz vernünftigen Eindruck!“ Für die Antwort verwies er auf das Buch – ebenso wie bei vielen Gefängnisgeschichten, die er weitgehend, aber nicht immer vollständig erzählte. 

Sein Buch benutzte er nur als kurze Gedächtnisstütze und erinnerte sich in mündlichem Vortrag umso lebendiger und unterhaltsamer. Gab es Alternativen zur Karriere als Gefängnisarzt? Zunächst habe er zur Bundeswehr gehen wollen, um dann im Notfall mit einem Hubschrauber einzufliegen, erinnerte er sich. „Ich wollte Held werden.“ 

Zum Job als Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth im Kölner Tatort gesellte sich irgendwann eine Anfrage, ob er den Beruf des Anstaltsarztes nicht als filmische Hauptrolle übernehmen wolle. Joe Bausch blieb, wo er war, hörte seinen Patienten zu und machte sich Gedanken über die Justiz und den Strafvollzug. 

„Wie muss sich die Institution verändern?“ Und so plauderte er über seinen Eindruck, dass die psychiatrische Diagnostik zu einem merkwürdigen Ergebnis führe: Die Annahme, „die Irren sind in Eickelborn und die mit dem klaren Verstand sind im Gefängnis“ treffe nicht zu. 

Ohne eine dissoziale Persönlichkeit wäre kaum jemand im Knast. Aber viele litten darüber hinaus an chronischen Psychosen und schizophrenen Erkrankungen. Joe Bausch erinnerte an den Anspruch der Institution Gefängnis, dass Menschen dort „besser rauskommen, als sie reingegangen sind“. 

Die Voraussetzungen dafür sind schwierig: Um die 1000 männliche Insassen in Werl, aus mehr als 50 Nationen. Sie leben in einer Welt mit strengen Rangordnungen, Drogen, verbotenen Geschäften und Misshandlungen. 

In diese geschlossene Welt kommt nicht jeder x-beliebige Straftäter: „Nach Werl kommst du nicht einfach so. Das muss man sich verdienen.“ Für Ersttäter gebe es andere Einrichtungen. „Solche Leute wollen wir nicht. Wir sind Bundesliga.“ Auf diesem Hintergrund war eine weitere Zahl eher überraschend: 45 Prozent der aus Werl Entlassenen würden nie wieder straffällig. 

Als seltenes, aber gleichwohl bedrückendes Problem der Justiz und des Strafvollzugs nannte Joe Bausch die viel zu hohen Hürden auf dem Weg zu einem Wiederaufnahmeverfahren nach einem möglichen Fehlurteil. Von 8000 bis 9000 Anträgen gehe bundesweit jährlich nur einer durch. 

Zur Illustration erzählte er die Geschichte von einem, der nach einem brutalen Sexualmord an einer 20-jährigen Studentin vermutlich 18 Jahre zu Unrecht im Knast saß. Freigesprochen wurde er nie – nur vorzeitig entlassen: „Die Aussicht auf Gnade war größer als die auf Gerechtigkeit.“ 

Natürlich gebe es viele, die vom ersten Tag ihrer Einlieferung an behaupteten: „Ich habe das, was man mir vorwirft, nicht getan.“ Doch das Bagatellisieren und Verleugnen schwinde nach ein paar Jahren, was in ein Gespräch mit dem Anstaltsarzt mit den offenen Ohren münden kann. Und so hörten die Besucher die Geschichte von drei Herren im Alter zwischen 71 und 83 Jahren, die nach ihrer Entlassung das trostlose Hartz-IV-Leben scheuten. 

Stattdessen erprobten sie die bei einem von ihnen vorhandenen Fachkenntnisse „spitzer Finger und eines wunderbaren Gehörs“ noch einmal beim kundigen Knacken diverser Tresore. Eine weitere Geschichte machte deutlich, wie eisern im Gefängnis nach dem brutalen Racheakt gegen einen Sexualstraftäter geschwiegen werden kann. Ein Vergewaltiger und Kindsmörder war sich über seine eigene Gefährlichkeit völlig im Klaren. 

„Doc, unternehmen Sie alles Erdenkliche, damit ich hier nie rauskomme. Ich bin ein Monster.“ Und dann gab es noch wundersame Geschichten in anderer Richtung: Durch eine überraschende Erbschaft wurde aus einem „asozialen Verbrecher“ ein „dissozialer Multimillionär“. Im Knast hatte er zwischen seine vielen Haftbeschwerden eine echte Perle gesteckt: Tatsächlich wurde seinem Antrag auf einen Hammer zum Totschlagen der Zeit in der Zelle stattgegeben.

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