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Gaspreis verdoppelt sich: Schock für Kunden in Nachrodt und Altena

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Von: Thomas Bender

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Runter mit der Temperatur – das ist einer der wichtigsten Tipps zum Energiesparen. Wer mit Gas heizt, muss sich auf erhebliche Kostenanstiege einstellen. © Jens Büttner/dpa

Den Nachrodter Gaskunden der Stadtwerke Iserlohn dürfte am Dienstag bei der morgendlichen Zeitungslektüre das Frühstücksbrötchen im Halse stecken geblieben sein.

Im Anzeigenteil stießen sie auf eine Veröffentlichung über eine anstehende Gaspreiserhöhung. Die Stadtwerke Iserlohn, die auch das Nachrodt-Wiblingwerder Gasnetz betreiben, erhöhen ihren Gaspreis zum 1. Oktober um mehr als 115 Prozent.

Das ist kein Einzelfall: Die Stadtwerke Balve erhöhen sogar um mehr als 130 Prozent. Es gibt keinen Zweifel daran, dass auch auf die Kunden der Stadtwerke Altena eine ähnliche Entwicklung zukommen wird. Dort steht noch eine Aufsichtsratssitzung zu diesem Thema an, in der kommenden Woche will sich das Unternehmen zur Preisentwicklung äußern. Eine Erhöhung zum 1. Oktober muss den Kunden spätestens sechs Wochen vorher bekannt gegeben werden.

Knapp 2000 Euro Mehrkosten

Dass die Erhöhung in Nachrodt prozentual so hoch ist, liegt auch daran, dass Gas dort bisher noch sehr günstig ist. Die Stadtwerke liefern bisher für 7,5 Cent pro Kilowattstunde, ab 1. Oktober zahlen Kunden mit einem Verbrauch zwischen 10 001 und 24 000 Kilowattstunden 16,91 Cent. Der Grundpreis liegt unverändert bei 124,09 Euro pro Jahr. Konkretes Beispiel: Wer für sein Eigenheim 20 000 Kilowattstunden Gas pro Jahr verbraucht, zahlt bisher 1624 Euro. Zukünftig werden es 3506 Euro sein. Das bedeutet eine Preiserhöhung von mehr als 115 Prozent. Die Stadtwerke Iserlohn raten ihren Kunden dringend, ihre monatlichen Abschlagszahlungen entsprechend zu erhöhen.

Darum werden auch die Altenaer nicht herumkommen – schließlich plagen die neue Stadtwerke-Chefin Katrin Brenner und ihr Team die gleichen Probleme wie ihre Iserlohner Kollegen. Aktuell liegt der Gaspreis für die Kunden der Stadtwerke Altena noch bei knapp zehn Cent pro Kilowattstunde.

Hohe Beschaffungskosten

Hauptursache für die immensen Preiserhöhungen sind die Beschaffungskosten. Laut tagesschau.de kostete eine Megawattstunde (MWh) Gas im August 2020 am Terminmarkt 4,80 Euro. Inzwischen müssen mehr als 200 Euro gezahlt werden. Eine MWh entspricht 1000 Kilowattstunden. Das bedeutet, dass für eine Kilowattstunde aktuell im Einkauf 20 Cent bezahlt werden müssen.

Neben den Beschaffungskosten beeinflusst eine Reihe weiterer Faktoren den Gaspreis. Dazu gehören die Netzentgelte, also die Kosten für das Rohrnetz, aber auch Steuern und Umlagen. Auch dieser Kostenblock steigt, und zwar wegen einer von der Bundesregierung beschlossenen Gas-Umlage, mit der Gasimporteure vor der Pleite gerettet werden sollen. Sie haben Lieferpflichten gegenüber ihren Kunden, vor allem gegenüber Stadtwerken, können diesen aber im Moment nur gerecht werden, indem sie die ausgefallenen Mengen aus Russland durch den Kauf deutlich teurerer Mengen am Kurzfristmarkt ersetzen.

Enervie wird besonders kalt erwischt

Im Moment gebe es überhaupt noch keine verlässlichen Angaben darüber, wie hoch diese Umlage ausfallen muss, berichtet Hendrik Siebecke, der bei den Stadtwerken das Gaskundengeschäft verantwortet. Die Enervie, die unter anderem in Hagen und Lüdenscheid Gasnetzbetreiber ist, wird von dieser Umlage besonders kalt erwischt: Sie erhöhte den Gaspreis zum 1. September auf 11,25 Cent. Wenige Tage nach Bekanntgabe dieser Preiserhöhung wurde die neue Umlage beschlossen – an einer weiteren Preiserhöhung noch in diesem Jahr werde das Unternehmen deshalb wohl nicht herumkommen, ließ Enervie-Sprecher Andreas Köster durchblicken.

Mit der aktuellen Preisrunde gleichen die meisten Stadtwerke die bisherigen Unterschiede zwischen Neu- und Bestandskunden etwas an. Unter Bestandskunden versteht man Kunden, die den Stadtwerken schon lange die Treue halten. Neukunden sind diejenigen, die nach Konkursen oder Vertragskündigungen durch „Gasdiscounter“ zwangsweise zu Stadtwerke-Kunden wurden und dort deutlich höhere Preise zahlen mussten als die Stammkundschaft. Beispiel Iserlohn: Für Bestandskunden steigt der Preis von 7,5 auf 16,9 Cent. Neukunden zahlten bisher 16,56 Cent, ab Oktober werden es 19,78 Cent sein.

Stadtwerke Iserlohn bleiben günstigster Anbieter

Trotz der starken Preiserhöhung bleiben die Stadtwerke Iserlohn der günstigste Anbieter am Nachrodter Markt. Das Vergleichsportal Verivox listet 14 andere Anbieter auf, die alle deutlich über 20 Cent pro Kilowattstunden verlangen – Spitzenreiter „Happy Yippie Gas“ will sogar über 32 Cent.

Beschaffungsstrategie: Stadtwerke kaufen Gas am Terminmarkt

Wieso verkaufen die Stadtwerke Iserlohn Gas für knapp 17 Cent pro Kilowattstunde, wenn es doch im Moment im Einkauf 20 Cent kostet? Das liegt an der langfristigen Beschaffungsstrategie, die fast alle Stadtwerke inzwischen verfolgen. Das Gas, das heute verkauft wird, haben sich die Unternehmen schon vor Monaten oder sogar Jahren zu Festpreisen am Terminmarkt gesichert und bezahlen deshalb jetzt Preise, die deutlich unter den aktuellen liegen. Allerdings müssen sie auch Vorsorge für die kommenden Jahre treffen – das Gas, das sie sich jetzt sichern müssen, ist exorbitant teuer. Hinzu kommt, dass bei allen Stadtwerken die Zahl der Kunden steigt, weil Billiganbieter vom Markt verschwunden sind und deren Kunden jetzt von den Grundversorgern beliefert werden müssen. Dadurch verkaufen die Stadtwerke mehr Gas als geplant, sodass sie zu Tagespreisen zukaufen müssen.

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