Blick in den Untergrund: Das passiert bei der Großbaustelle an der B236

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Autobahn mit Lücke: Die Südwestfalenleitung von Open Grid wird im Bereich Winkelsen erneuert.

Bachstraße, B 236 und am Knerling: Es wird viel gebaut an den Gasleitungen in Altena. Das passiert derzeit mit den gelben Rohren im Untergrund.

Am Anfang war die städtische Gasanstalt als Vorläuferin der heutigen Stadtwerke. Sie legte im Jahr 1858 zwischen dem Linscheid und der Steinernen Brücke Altenas erste Gasleitung, die zunächst der Straßenbeleuchtung diente. Es schlossen sich aber schnell auch die ersten Privathaushalte an. 

Das Gas produzierte das Unternehmen selbst durch Vergasung von Kohle, die anfangs noch mit Pferdefuhrwerken nach Altena gebracht wurde. Der erste Gasofen der Anstalt war für eine Jahresleistung von 130 000 Kubikmetern ausgelegt. Die Ära des Ferngases begann in der Burgstadt im Jahr 1928, als die Stadt sich an der „Westfälischen Ferngas“ beteiligte. 

Zechen gründen Ruhrgas AG

Deren Aufgabe war es, in ganz Westfalen Gas zu verkaufen, was logischerweise ein Leitungsnetz erforderte. Geliefert wurde das Gas von der Ruhrgas AG. Sie wurde 1926 als Gemeinschaftsunternehmen der Ruhrgebietszechen gegründet, um den Vertrieb des in den Kokereien anfallenden Gases zu übernehmen.

Im Laufe der Jahrzehnte baute die Ruhrgas AG ein eigenes, viele tausend Kilometer langes Leitungsnetz auf, zu der auch die 1929 gebaute Südwestfalenleitung zählte. Innerhalb eines Jahres wurden also gleich zwei Ferngasleitungen durch Altena gelegt. Die Ruhrgas AG und die Westfälische Ferngas sind längst Geschichte, aber beide Konzerne haben Nachfolger, die bis heute Berührungspunkte zur Stadt Altena haben. 

Netz gleicht Autobahnen

Die Südwestfalenleitung, deren Erneuerung im Bereich Schwarzenstein unter Vollsperrung der B 236 gerade angelaufen ist, gehört heute der Firma Open Grid. Die Westfälische Ferngas heißt inzwischen Westnetz. Bei Open Grid kann man kein Gas kaufen. 

Das Unternehmen ist ein reiner Netzbetreiber, den Stadtwerke und andere Großabnehmer nutzen. Die kaufen ihr Gas üblicherweise über Handelsplattformen ein, vom Erzeuger kommt es dann über die Ferngasleitungen zum Großkunden.

„Unser Netz ist so etwas wie die Autobahn. Mit uns macht man die großen Strecken“, erklärt Open-Grid-Pressesprecher Helmut Roloff. Und so, wie man für den Gütertransport auf der Autobahn Maut entrichten muss, so werden für den Gastransport Netzentgelte fällig, deren Höhe von der Bundesnetzagentur festgelegt wird. Natürlich flössen Baumaßnahmen wie die an der Werdohler Straße in die Kalkulation dieser Netzentgelte ein, erklärt Roloff. 

Rund eine Milliarde Euro Umsatz macht Open Grid pro Jahr mit dem Transport von Gas, rund 1400 Mitarbeiter sind dort beschäftigt. 

In Altena hängt praktisch nichts direkt an Open Grid. Die Leitung verläuft durch den Wald oberhalb des Knerling, geht dann am Kicküm vorbei in Richtung Rahmede und kreuzt in Höhe der Steinernen Brücke die Lenne. Dann liegt sie bis Elverlingsen in der B236. 

Kraftwerk hängt an der Leitung

Das Kraftwerk ist bis heute an diese Leitung angeschlossen. Einst wurde das Gas für den Betrieb der Blöcke E1 und E2 benötigt, heute wird damit die Klärschlammverbrennungsanlage angeheizt. Von Elverlingsen geht die Leitung über Werdohl und Plettenberg weiter nach Siegen. 

Dass sie jetzt in Altena durch die Baustelle, die eine monatelange Vollsperrung nötig macht, unterbrochen ist, ist kein Problem: Sackgassen gibt es so gut wie gar nicht nicht im Ferngasnetz, die Versorgung erfolgt jetzt aus der Gegenrichtung. 

Sichtbar wird die Ferngasleitung am Stortel, wo Open Grid eine Gasregelstation betreibt. Es gibt außerdem (zum Beispiel an der Steinernen Brücke) Übergabepunkte, an denen die Netze von Open Grid und Westnetz miteinander verbunden sind – sozusagen die Ausfahrten der Open- Grid-Gasautobahn. 

Westnetz für Landstraßen

Bleibt man nämlich bei diesem Bild, dann ist Westnetz in Altena für Bundes- und Landesstraßen zuständig. „Vorgelagerter Netzbetreiber“ nennt sich das. Westnetz bringt das Gas vom Open-Grid-Netz zu dem der Stadtwerke, das dann zu den einzelnen Haushalten führt. 

Treffpunkt: An der Steinernen Brücke wird das Gas vom Open Grid- ans Westnetz-Netz übergeben.

Auch dazu gibt es wieder Übergabepunkte, zum Beispiel direkt neben den Stadtwerken. Es gibt aber auch größere Abnehmer, die direkt an das Netz von Westnetz angeschlossen sind. Deswegen verlegt das Unternehmen Westnetz gerade eine Leitung zur Firma Eksi an der Bachstraße

Viermal so viel Druck wie im Autoreifen

Auf der Autobahn darf man natürlich schneller fahren als auf der Bundesstraße oder gar in einem Wohngebiet. Tempo und Leistung des Gastransports werden nicht in Stundenkilometern gemessen, sondern in Bar, hängen also vom Druck ab, der in den Leitungen herrscht. 

In denen der Stadtwerke bewegt sich der Druck im Millibar-Bereich, durch die Südwestfalenleitung strömt das Gas mit acht Bar – das ist viermal so viel Druck wie in einem Autoreifen. Da darf natürlich nichts passieren. 

Dementsprechend solide wird gebaut. Die Rohre liegen in drei Meter Tiefe und sind sehr dickwandig, etwa drei Tonnen wiegt jedes Segment. Auf den Trassen herrscht striktes Bauverbot, auch seitlich ist ein Sicherheitsabstand einzuhalten. Landwirtschaft ist erlaubt, aber keine tief wurzelnden Gewächse. 

Püpse von Kühen messbar

Die Trassen werden regelmäßig abgeflogen. Werden dabei Verstöße gegen die Auflagen festgestellt, sind Außenlandungen erlaubt. Die Besatzungen dürften illegales Tun sofort unterbinden und zum Beispiel Baustellen stilllegen, die den Rohren zu nahe kommen, erklärt Roloff. Andere Hubschrauber suchen mit speziellen Ortungsgeräten nach Gasgeruch. 

Die Sensoren seien so empfindlich, dass sie auch auf Pupse von Kühen reagieren würden, schwört der Pressesprecher. Eine weitere Kontrolle erfolgt aus der Leitwarte in Essen. 

Dort falle jeder Druckabfall sofort auf, Leitungsabschnitte könnten von dort aus abgeschiebert werden. Innerhalb von spätestens 30 Minuten müsse dann ein Open-Grid-Mitarbeiter vor Ort sein, um nach den Gründen für die Störung zu schauen, erklärt Roloff.

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