Frühstück auf dem Hochseil

Rudi Küster turnte auch einmal über das Hochseil.

ALTENA - Dass die Altenaer gerne einmal einen „Drahtseilakt“ erleben, hat sich anlässlich der Alwewo gezeigt. Denn da gastierte die Artistenfamilie Traber aus Freiburg im Breisgau und zeigte atemberaubende Hochseilakrobatik. Gespannter und fachkundiger Zuschauer war Rudi Küster, den viele Burgstädter nicht nur dem Namen nach kennen.

Küster ist vielleicht einer der ganz Wenigen, der bestens nachvollziehen kann, welche Leistung ein Hochseilartist erbringen muss, um – wie die Familie Traber – erfolgreich zu sein. Er stand nämlich rund 15 Jahre lang selbst auf dem Seil! Neben ihm gehörten auch sein Bruder Rolf, dessen Tochter Roswitha sowie Gerd Schäfer und Kurt Oschipka der Formation an, die sich 1949 gründete und den Namen „Küster-Truppe“ trug. Alle fünf waren sportlich sehr aktiv.

1949 wurde dann die Idee geboren, ein gemeinsames Projekt auf die Beine zu stellen. Man entschied sich für die Hochseilakrobatik, um auch einmal etwas „Spektakuläres“ bieten zu können. Küster besorgte ein 75 Meter langes und zwölf Millimeter dickes Stahlseil. Dieses Seil wurde über den Haspeler Bach in Höhe der damaligen Gastwirtschaft Pleuger gespannt. Auf der einen Seite wurde das Seil um eine Eiche geschlungen. Auf der gegenüber liegenden Seite wurde ein Stahlanker einbetoniert. Dort befand sich eine Böschung. Dann wurde täglich nach Feierabend trainiert und mit der Zeit kam auch Routine auf. So war es Küster und seiner Truppe schon nach kurzer Zeit möglich, das Seil nur mit Hilfe einer Balancierstange zu begehen. Im Laufe der Monate gelang es Küster auch, sich auf das Seil zu knien und einen Kopfstand vorzuführen.

Doch es sollte noch spektakulärer werden. So fertigte Küster aus einem einfachen Fahrradrahmen ein Fahrzeug an, mit welchem man ein Hochseil befahren konnte. Dazu wurden die Felgen auf eine Breite von zwölf Millimetern gepresst, um das Rad auf das Seil aufsetzen zu können.

Unter dem Rad wurde ein hängendes Trapez befestigt, auf dem Küster selbst, sein Bruder und dessen Tochter akrobatische Kunststücke zeigten – zum Beispiel einen Handstand oder auch einen Spagat. Höhepunkt der Veranstaltung der „Küster-Truppe“ war aber zweifellos das Frühstück auf dem Seil. Dazu wurden ein Tisch und zwei Stühle präpariert und aufgesetzt. Mit Hilfe der Balancierstangen bewegten sich Küster und sein Bruder darauf zu, setzten sich auf die Stühle und erwarteten ihr Frühstück. Das wurde dann von Roswitha Küster – ebenfalls mit einer Balancierstange ausgerüstet – „serviert“.

An Zuschauern mangelte es nicht. Die Mitarbeiter der damaligen Firma Graetz schauten sich das Spektakel mehrfach an. Auch Ausflügler aus dem Ruhrgebiet kamen in Scharen, um diese artistische Höchstleistung zu bewundern. Die Formation löste sich im Jahr 1963 auf. Zu diesem Zeitpunkt wanderte der Bruder Küsters nach Südafrika aus. Er nahm die gesamte Ausrüstung mit und war in seiner neuen Heimat bis zu seinem Tode als Artist tätig. Der Rest der Truppe verzog innerhalb Deutschlands.

Rudi Küster selbst hätte gern weiter gemacht. „Dazu hätte ich allerdings die richtigen Leute gebraucht“, sagt er. Doch die fand er leider nicht. So fand die Ära Küster ein Ende. Eigentlich schade, denn die „Küster-Truppe“ hätte das Altenaer Pendant zur Familie Traber werden können.

von Hartwig Bröer

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare