Der frühere AK-Journalist Jürgen Kalwa zur Wahl in den USA

„Trump denkt nur einen Tag voraus“

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Der frühere AK-Journalist Jürgen Kalwa nach der Präsidentschaftswahl vor vier Jahren in dem Stadion, in dem die Demokraten eigentlich den Sieg von Hillary Clinton feiern wollten.

Altena – „Trump denkt nur einen Tag voraus. Weiter kann er auch nicht. Würde er Schach spielen, dann wäre die einfachste Eröffnung seine Wahl, und nach dem ersten Zug des Gegners würde er das Schachbrett wütend vom Tisch fegen.“ Jürgen Kalwa ist schonungslos in seiner Analyse des scheidenden Präsidenten. Aber mit dieser Beschreibung verbindet er auch die Hoffnung, dass Trump in den wenigen Wochen seiner verbleibenden Regierungszeit keinen allzu großen Schaden mehr anrichten kann. Seit mehr als drei Jahrzehnten lebt der gebürtige Kiersper und frühere AK-Journalist Kalwa schon in den USA, hat die Politik verfolgt – und sich in den vergangenen Jahren auch oft eingemischt.

 Jedenfalls so weit, wie ihm das als Ausländer mit Greencard (der unbeschränkten Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung) möglich ist. Denn im Gegensatz zu seiner Frau Doris Chevron, die neben der deutschen auch die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, ist ihm als Ausländer jede Arbeit für einen Mandatsträger untersagt. So war er im Wahlkampf von Barack Obama und auch Hillary Clinton mehr an der Seite der Wahlkämpfer. Doch die Rolle des Beobachters ist ihm nicht neu. Für Zeitungen, Zeitschriften und Radiosender beobachtet und analysiert er das politische, kulturelle und sportliche Geschehen in seiner Wahlheimat USA für das deutschsprachige Publikum. Und so liefert er in dem Videointerview mit der Meinerzhagener Zeitung nicht nur seine Einschätzung der Wahl, sondern ordnet diese in einen großen Zusammenhang. Er erzählt vom Wandel der beiden großen Parteien in den letzten Jahrzehnten. Vor allem von der republikanischen Partei, die sich von einer Fortschrittspartei, die einst die Sklaverei abschaffte und für Menschenrechte eintrat, zu einer Partei gewandelt habe, in der von Nixon über Reagan, Busch und Trump immer wieder Präsidenten ihre an Faschismus gleichenden Vorstellungen ausleben konnten. „So ist auch Trump letztlich mehr ein Symptom dieser Partei“, sagt Kalwa und verweist auf die Vorarbeit, die vor allem George W. Busch geleistet habe, um die Partei immer weiter von einem demokratischen Kurs abzubringen. Und obwohl die Mehrheit der Amerikaner Biden gewählt hätten, werde dieser nur mit großen Schwierigkeiten die Politik verändern können. „Ohne Senatsmehrheit wird es für Biden unglaublich schwer. Das war auch bei Obama schon so, der von seinen vielen großen Vorhaben letztlich nur seine Gesundheitsreform umsetzen konnte“, sagt Kalwa. Dass es überhaupt „krankhafte Narzissten wie Trump“ in das Präsidentenamt schaffen könnten, liege an dem amerikanischen System, wobei er nicht nur das Mehrheitswahlrecht und das daraus resultierende Zwei-Parteien-System meint. „Es sind Milliarden in diesen Wahlkampf geflossen. Und mit dem vielen Geld ist auch der Einfluss der Reichen stetig gewachsen. Dazu kommen die Medien. Hier ist an erster Stelle Murdoch zu nennen, der zuerst den australischen und dann den britschen Journalismus zerstörte. Und jetzt schickt er sich an, den amerikanischen Journalismus ebenfalls zu ruinieren“, schildert Kalwa seine Meinung. Ein weiterer Grund, warum die Menschen in den USA Kandidaten wie Trump oder George W. Busch wählen würden, sei die mangelnde Erfahrung mit anderen Regierungssystemen. „Vieles erinnert an die 1920er- und 1930er-Jahre in Deutschland. Doch diese Erfahrungen hat man hier nie gemacht. Hier denkt man, dass die Demokratie nie untergehen könnte, egal wer Politik macht“, so der Journalist. Andererseits könne man sich in Deutschland nicht vorstellen, wie herausgenommen die Bedeutung eines Präsidenten sei: „Hier wird der Sieger zu einer Galionsfigur. Das ist nicht nur bei den Republikanern so, das konnte man auch bei Obama beobachten. Trotz all dieser Einschätzungen sieht Kalwa nicht pessimistisch in die Zukunft, „was auch daran liegt, dass man immer wieder von dem Optimismus der Menschen hier angesteckt wird, aber auch, weil die Menschen immer mehr anfangen zu begreifen, dass die Demokraten für Fortschritt und Vielfalt stehen“. Kalwa befürchtet auch nicht, dass Anhänger Trumps große Unruhen verursachen werden. „Das sieht aber vielleicht ganz anders aus, sollte Biden während seiner Amtszeit sterben und dann Kamala Harris, eine Schwarze und eine Frau, Präsidentin werden. Dann drehen die Extremisten durch“, sagt Jürgen Kalwa.

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