Tag der Freundschaft: Wie eine Altenaerin in Weißrussland eine zweite Familie fand

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Auf die Freundschaft! Tamara Listwanewitsch (l.) prostet Ulla Klüppel zu. Die beiden Frauen lernten sich vor 30 Jahren kennen. „Mamas haben oft einen ganz besonderen Draht zueinander“, sagt die Dahlerin.

Altena – Ulla Klüppel nahm Alexander  Listwanewitsch als kleinen Jungen als Gastmutter auf - vor mehr als 30 Jahren. Entstanden ist eine tiefe Freundschaft, die keine Grenzen kennt.

Alexander „Sascha“ Listwanewitsch war zart, klein, ängstlich und sehr schüchtern, als er als Elfjähriger 1990 erstmals nach Altena kam. Heute ist er 41 Jahre alt, glücklich verheiratet, zweifacher Familienvater und ein selbstbewusster Mann mit Wohn- und Lebensmittelpunkt in Pinsk, Weißrussland. 

Nach Deutschland, also ins Sauerland, kam er erstmals als Ferienkind aus der ehemaligen Sowjetunion (UdSSR). Weißrussland, auch Belarus genannt, seine Heimat, wurde 1986 von der Atomkatastrophe in Tschernobyl mehr als jedes andere Land in Europa getroffen und hat sich 1991 aus dem Staatenbund der ehemaligen UdSSR verabschiedet. 

Auszeit für Kinder nach Tschernobyl-Katastrophe

„Wir haben uns über eine Aktion der Pfadfinderschaft, die Kindern aus den verstrahlten Sowjet-Republiken Ferien und damit eine gute Auszeit ermöglichen sollte, kennengelernt“, sagt Ursula Klüppel aus Dahle. 

Seitdem, also seit 30 Jahren, sind Sascha Listwanewitsch und mittlerweile auch seine Ehefrau, seine beiden Kinder und die Mama, „ein Teil unserer Familie“, sagt Klüppel. 

Die 75-Jährige war der Motor der Städtepartnerschaft mit Pinsk, die sich vor 26 Jahren, also vier Jahren nach der ersten Begegnung mit ihrem Ferienkind, zwischen Altena und Pinsk entwickelte. Erst vor wenigen Wochen fand der letzte Hilfstransport nach Pinsk statt.

Auch besondere Projekte gab es viele in dieser Zeit.

Trotz der räumlichen Distanz von mehr als 1600 Kilometern „haben wir uns nie aus den Augen verloren“. Vor Ulla Klüppel liegen eine Handvoll Fotos, im Schrank hat sie weitere, teils stattliche Fotoalben. Sie legen beredt Zeugnis ab von einer Freundschaft über Grenzen hinweg, die so besonders ist. 

Dutzende Male zu Besuch

Die Klüppels besuchten Pinsk mehrfach, Sascha Listwanewistsch war dutzende Male in den vergangenen 30 Jahren in Altena. „Zuletzt noch in diesem Jahr“, sagt Klüppel und hält ein Beweisfoto in der Hand. 

Besuch in Altena: Ulla Klüppel empfing Tanja, Tamara (r.) und den kleinen Sascha Listwanewitsch.

Auf die Frage, wie denn die Verständigung funktioniere, lächelt Klüppel und sagt, dem anfänglichen Englisch beider Seiten sei ein lupenreines Deutsch gefolgt, das Alexander Listwanewitsch, seine Ehefrau Tatjana und Mama Tamara mittlerweile sprechen. „Und ich habe mich auch bemüht, etwas Russisch zu lernen.“ 

Und sie habe dem jungen Mann bei seinen Aufenthalten in Altena immer wieder eingebläut, wenn er langfristig mit ihrer Familie und Deutschland Freundschaft schließen möchte, sei das Erlernen der Sprache unvermeidbar, einfach ein Muss. „Er hat so gebüffelt“, sagt Klüppel und man merkt ihr an, dass sie auf „ihren Sohn aus Weißrussland“ – und auf diese Bezeichnung legt sie Wert – sehr, sehr stolz ist. 

Miteinander lachen, feiern und weinen

„Wir haben uns gegenseitig zu Familienfeiern eingeladen. Wir haben Anteil genommen an freudigen Ereignissen“, fügt sie an. 

Und so nennt sie den Wunsch von Alexander Listwanewitsch, den Klüppels seine spätere Ehefrau in Pinsk persönlich vorzustellen. „Eine sehr intime Angelegenheit. Wir haben uns sehr geehrt gefühlt, dass er uns eingeladen hat, seine künftige Herzensdame kennenzulernen und waren schnell auf einer Wellenlänge. Wunderschön“.

Und als zwei Jahre nach der Eheschließung Alexander junior auf die Welt kam, fuhren die Klüppels „natürlich zur Taufe nach Weißrussland. Als er später eingeschult wurde, habe ich mit den stolzen Eltern auf dem Schulhof in Pinsk gestanden und dem Kind gratuliert. Die anschließende Feier zuhause war großartig.“ 

Fahrt von mehr als 18 Stunden

Zu ihrem „zweiten Sohn“ sind die Klüppels häufig mit dem Auto gefahren. „Das hat schon oft mehr als 18 Stunden gedauert, mit dem Bus noch mal deutlich länger. Aber diese Herzlichkeit, dieses familiäre Aufnehmen, das war immer großartig.“ 

Mit 75 Lebensjahren hat Ursula Klüppel aktuell „einen Gang zurückgeschaltet. Die Fahrten nach Weißrussland sind schon eine größere Anstrengung. Und mein Mann wird in diesem Jahr 80 Jahre alt. Er ist leider nicht mehr so fit, kann mich nicht begleiten. Alleine möchte ich aber nicht reisen.“ 

Alexander Listwanewitsch und seine Familie akzeptieren das. „Sie waren erst noch im März dieses Jahr eine Woche in Altena. Es passt immer noch, und es ist so bereichernd“, fügt Ursula Klüppel an. „Sie sind zu meinem 75. Geburtstag extra angereist. Das war großartig. Wir haben alle gefeiert und ich war sehr, sehr dankbar.“ 

Coronavirus: Busreise abgesagt

Sie habe in Pinsk „mittlerweile fast so einen großen Freundes- und Bekanntenkreis wie in Altena. Das ist einfach sehr, sehr schön“. Im Herbst wollte sie ursprünglich mit der Städtepartner-Gemeinschaft nach Pinsk reisen – per Bus. 

Corona hat einen Strich durch diese Pläne gemacht. „Aber unsere Familienbande halten, werden auch Corona überstehen.“ Freundschaft, so sagt die 75-Jährige, sei eben, sich verstehen, sich zu vertrauen, sich zu akzeptieren, auszutauschen und besuchen über Länder- und Kulturgrenzen hinweg. 

„Wir haben viel gelernt, ich denke unsere Freunde in Weißrussland auch.“ Das sei gelebtes Europa, auch wenn zwischen dem Alltag in Altena, Westfalen und Pinsk, Weißrussland, „Welten liegen. Wenn Menschen sich mögen, sich verstehen und sich vor allen Dingen vertrauen, entsteht etwas Einzigartiges. Das durften wir kennenlernen. Dafür sind wir sehr, sehr dankbar."

Der Tag der Freundschaft

Weltweit wird am 30. Juli der „Day of Friendship“, der Internationale Tag der Freundschaft, gefeiert. Dieser Tag hat im Jahreskalender mittlerweile seinen festen Platz als einer der sogenannten kuriosen Feiertage. 

Dabei war es die Uno-Vollversammmlung, die erstmals 2011 einen solchen Freundschaftstag ausrief. Die damit verbundene Botschaft: Er solle stets einmal pro Jahr weltweit als Zeichen der Freundschaft zwischen Personen, Ländern und Kulturen begangen werden."

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