Freiwilliger Unterricht: Grundschüler lernen Türkisch

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Lehrer Kerim Degermenci bringt den Kindern Türkisch bei.

Altena – 19 Kinder machen eine Stunde Unterricht mehr an der Grundschule Altena - freiwillig. Sie lernen ihre Muttersprache Türkisch. Zu Besuch im Klassenzimmer.

Wenige Minuten vor 10 Uhr klingelt es auf dem Schulhof der Grundschule Altena. Die Pause ist zu Ende. Die Schüler machen sich auf den Weg in den Unterricht. Sieben von ihnen werden in ein paar Minuten Unterricht in einem Raum haben, der noch im vergangenen Jahr einer Abstellkammer glich. 

Inzwischen ist er aber liebevoll dekoriert. An den Wänden hängen Zeichnungen, eine Tafel ist mit Wintermotiven verziert. Am Pult wartet Kerim Degermenci. Der Lehrer unterrichtet türkische Schüler in ihrer Muttersprache; an der Grundschule Altena sind es insgesamt 19 Schüler. 

200 Schüler im Kreis lernen Türkisch

Sie stammen aus den Klassen zwei bis vier. Degermenci ist als Türkischlehrer an sechs weiteren Schulen eingesetzt, unter anderem in Nachrodt und in Plettenberg. Dabei beschränkt er sich aber nicht nur auf Grundschulen, sondern unterrichtet auch an Gesamtschulen. Nimmt man alle Kinder zusammen, ist Kerim Degermenci seit etwa zwei Jahren für rund 200 Schüler verantwortlich. 

Für die heutige Stunde an der Grundschule Altena hat er Arbeitsblätter vorbereitet. Die Viertklässler arbeiten zurzeit an einem Projekt. Sie erstellen ein kleines Buch mit verschiedenen Themen und Vokabular zum Winter. 

Sprache für Urlaub und besseres Verständnis

Gut gelaunt trudeln die sieben Schüler ein. Sie suchen sich einen Platz und packen ihre Sachen aus. Einige beginnen schon zu malen und verzieren die Seiten des Buches, die sie schon bearbeitet haben. Dann geht es los. 

Nach einer Begrüßung auf Türkisch fragt Degermenci seine Schüler, warum ihnen der Unterricht wichtig ist. Denn: Die Teilnahme am Türkischunterricht ist freiwillig. Die Kinder haben dadurch eine Unterrichtsstunde pro Woche mehr als ihre Mitschüler. 

„Ich habe meine Eltern gefragt, ob ich hierher kommen darf“, erzählt die zehnjährige Zeynep aus der 4D. Sie mag den Unterricht und findet es toll, dass sie ihre Muttersprache hier üben kann. 

Muttersprache ist ein gutes Stichwort für Kerim Degermenci. Er erklärt, dass die Förderung der Muttersprache für die Kinder enorm wichtig sei. „Einen Text in der Muttersprache lesen und verstehen zu können, wirkt sich auch positiv auf die Deutschkenntnisse aus. Die Kinder erweitern ihren Wortschatz.“ 

Kreative Lernmethoden gefragt

Für viele ist das wichtig, weil sie zu Hause vor allem umgangssprachliches Türkisch sprechen, um sich zu verständigen. Auch über die Kultur in der Türkei lernen die sieben Grundschüler etwas. Das ist ihnen wichtig, weil sie etwas über das Heimatland ihrer Eltern erfahren möchten. Für Urlaube in der Türkei sei es ebenfalls von Vorteil, fit in der Landessprache zu sein, erzählen einige Kinder. 

Kreative Lernmethoden sind für Kerim Degermenci kein Neuland. Manchmal spielt er mit seinen Schülern, manchmal gibt er ihnen Zeit, um kreativ zu werden. So ist zum Beispiel die Deko für die ehemalige Abstellkammer entstanden, die dadurch zu einem kleinen, aber gemütlichen Klassenzimmer wurde.

Spielend lernen im Winterbuch

„Dass wir unseren eigenen Unterrichtsraum gestalten können, ist total schön und macht Spaß“, sagt Zeynep, während sie fleißig an ihrem Winterbuch arbeitet. Mit der Projektarbeit möchte Kerim Degermenci das Erzählen, das Lesen und Verstehen sowie das Schreiben trainieren. 

Alle zwei Wochen gibt es einen Thementest, um das Gelernte abzufragen. Größere Prüfungen in der Art von Klassenarbeiten gibt es zweimal pro Halbjahr, aber nur in der vierten Klasse. 

Was Hausaufgaben angeht, sucht Kerim Degermenci noch nach dem richtigen Maß. „Einige Eltern erwarten, dass ich Hausaufgaben aufgebe, damit die Kinder zu Hause ihre Kenntnisse festigen können. Andere finden es doof. Es ist ein schwieriges Thema“, erklärt er. 

Klar ist: Schon dadurch, dass die Kinder in der Grundschule ein anderes Niveau der türkischen Sprache hören, lernen sie dazu. Kerim Degermenci hat Literaturwissenschaften in der Türkei studiert.

Vorn am Pult ist nicht seins

2001 kam er nach Deutschland und erlangte hier seinen Magister. Neben und auch nach seinem Studium arbeitete er viel auf Honorarbasis, setzte sich unter anderem für Flüchtlinge ein. Außerdem war er als Übersetzer von Zeitungsartikeln tätig. Irgendwann sei es aber an der Zeit gewesen, sich um ein festes Einkommen zu kümmern. Deshalb bemühte er sich um einen Job als Lehrer. Heute unterrichtet Degermenci mit Herzblut und Freude. 

Für seine Schüler ist er jederzeit ansprechbar. Im Klassenraum findet man ihn daher auch nur selten vorne am Pult. Meistens läuft er zwischen den Tischen hin und her und beantwortet Fragen oder unterstützt. Kerim Degermenci findet es toll, dass die Grundschule die Möglichkeit für den Türkischunterricht gibt: „Es zeigt, dass die Sprache in Deutschland wertgeschätzt wird.“

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