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Für die Frauen im Iran: 17-Jährige aus dem MK solidarisiert sich mit Mahsa Amini

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Von: Sarah Lorencic

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Zeinab Rezai hätte Mahsa Amini sein können: Sie demonstriert am Samstag für die Frauen um Iran. Zan, Zendegi, Azadi bedeutet Frauen, Leben Freiheit. Die 17-Jährige aus Altena sang die Wörter im Chor mit den Demonstranten und erinnerte sich mit uns an ihre Zeit im Iran.
Zeinab Rezai hätte Mahsa Amini sein können: Sie demonstriert am Samstag für die Frauen im Iran. Zan, Zendegi, Azadi bedeutet Frauen, Leben Freiheit. Die 17-Jährige aus Altena sang die Wörter im Chor mit den Demonstranten und erinnerte sich mit uns an ihre Zeit im Iran. © Sarah Lorencic

Tausende Menschen haben am Samstag in Köln und Düsseldorf auf Demonstrationen ihre Solidarität mit den Frauen im Iran bekundet. Eine davon war Zeinab Rezai, ein 17-jähriges Mädchen aus Altena, geboren und aufgewachsen im Iran. Wir waren mit ihr in Köln.

Altena/Köln – Auch sie hätte Mahsa Amini sein können. Auch sie hätte im Iran von der Sittenpolizei angehalten und verprügelt werden können. Sie hätte getötet werden können. Wie jede Frau im Iran. Zeinab Rezai ist im Iran geboren. Ihre Familie aber floh vor sieben Jahren nach Deutschland und lebt heute in Altena. Für alle Frauen, die im Iran leben, macht sich die 17-Jährige auf den Weg nach Köln, wo eine Demonstration für Frauen im Iran stattfindet.

Raus aus dem Parkhaus „Dom“ steht sie direkt auf dem Roncalliplatz. Hinter ihr ragt der Dom in die Höhe, vor ihr sind zu Beginn Hunderte Menschen, die die iranische Fahne schwingen, Bilder von Mahsa Amini oder Plakate hochhalten: „Free Iran“, „Stop violence against women“, „Frauen, Leben, Freiheit“. Doch Zeinab fällt in der Masse trotzdem auf. „Ich spüre ihre Blicke“, sagt sie. Zeinab Rezai trägt ein Kopftuch – und ist damit allein. War es doch der Grund für den Tod von Mahsa Amini. Die Sittenpolizei hielt die junge Frau an, weil sie ihr Kopftuch nicht ordnungsgemäß trug. Sie wurde festgenommen und starb an Verletzungen, die auf Gewalteinwirkungen zurückzuführen sind. Hunderte Frauen verbrannten kurz nach dem Tod der 22-Jährigen ihre Kopftücher in Teheran, der Hauptstadt des Iran, als Protest.

Die Menschen auf der Demo in Köln für Frauen im Iran zeigten das Friedenssymbol, sangen und hielten Plakate hoch.
Die Menschen auf der Demo zeigten das Friedenssymbol, sangen und hielten Plakate hoch. © Sarah Lorencic

Zeinab würde ihr Kopftuch nie verbrennen, sagt sie, wenngleich sie die Aktion wichtig fand, um ein Zeichen zu setzen. „Ich liebe mein Kopftuch und meine Religion“, sagt die 17-Jährige. Sie trägt ihren Hijab freiwillig und aus religiösen Gründen. Sie will aber nicht, dass eine Frau dazu gezwungen wird, sagt sie. Erst recht darf keine Frau getötet werden. Nur die Frau selbst entscheidet über sich und darüber, ob sie ein Kopftuch trägt. Niemand sonst und niemals ein Mann, sagt sie.

Geboren ist Zeinab im Iran, aber ihre Wurzeln sind in Afghanistan. Ihre Eltern flohen vor den Taliban in den Iran und hofften, dort Frieden zu finden. Aber im Iran waren sie als Afghanen Menschen zweiter Klasse, erzählt die Altenaerin. „Beim Bäcker gab es zwei Schlangen“, erinnert sie sich. „Eine für Afghanen und eine für Iraner. Und die Iraner bekamen das Brot zuerst.“ Zur Schule gehen durfte Zeinab ebenfalls nicht. Zehn Jahre lang waren sie in dem persischen Land nur geduldet, aber nie anerkannt. Es blieb nur eine weitere Flucht, diesmal in ein Land, das eine Zukunft versprach. Deutschland. Der Vater floh zunächst alleine, weil Zeinabs Mutter wieder schwanger war und die Flucht zu gefährlich gewesen wäre. Als Zeinabs Schwester drei Monate alt war, wagten auch sie den Weg nach Deutschland. Es sind schlimme Szenen, an die sich die heute 17-Jährige erinnert. Nachts auf dem Schlauchboot auf dem offenen unruhigen Meer schrie ihre Schwester. „Sie sollte still sein, sonst wollten die Männer sie über Bord werfen“, erinnert sie sich.

Am Kölner Dom ging die Demo los
Am Kölner Dom ging die Demo los © Sarah Lorencic

Zehn Monate verbrachten Zeinab, ihre Mutter und ihre Schwester in einem Lager in Griechenland unter schlimmsten hygienischen Bedingungen. Zeinab lernte nebenbei als Zehnjährige Deutsch bei einer Helferin, und freute sich auf den Tag, an dem ihr Leben endlich beginnen darf. In Freiheit.

Die Familie verließ den Iran, weil sie als Afghanen diskriminiert wurden. Aber auch, weil es für die Töchter nie eine Zukunft gegeben hätte. Deshalb steht Zeinab Rezai am Samstag in Köln für alle Frauen im Iran, die diskriminiert werden. „Ich habe Mitleid mit den Frauen“, sagt sie. „Zan, Zendegi, Azadi“, singt sie und ist eine Stimme von Tausenden, als der Platz am Dom gefüllt ist. Nach dem Auftakt am Dom geht der Marsch durch Köln. Ziel: Heumarkt. Dort, wo im Mittelalter Menschen hingerichtet wurden, versammeln sich an diesem Tag Frauen, Männer und Kinder jeder Religion und singen „azadi, azadi, azadi“ im Chor. Freiheit, Freiheit, Freiheit. Es muss sich etwas verändern, heißt es auf der Kundgebung. Die Hoffnung ist groß, dass es dieses Mal eine Revolution der Frauen geben wird. Auch Zeinab hofft. Es ist ihre erste Demonstration. „Ich fühle mich gut, hier zu sein“, sagt sie. Auch wenn sie die Blicke der anderen nach wie vor merkt. „In dem Moment habe ich mich sehr einsam gefühlt“, sagt sie rückblickend.

„Sie verstehen das falsch“, erklärt sie. Das Kopftuch ist nicht das Problem, sondern die fehlende Freiheit und die Männer, die Macht ausüben. Frauen sind nicht gleichberechtigt, werden geschlagen, vergewaltigt, müssen Zwangsehen eingehen. Nein, sagt Zeinab, das ist nicht im Sinne des Korans. Ihr Glaube ist friedlich, sagt sie. Auch im Koran steht, dass niemand zu etwas gezwungen werden darf, weiß die 17-Jährige. „Es gibt keinen Zwang in der Religion“, ist der Anfang des 256. Koranverses der zweiten Sure. Und trotzdem passiert so viel Unrechtes so viel Leid.

Luftballons mit der Aufschrift „women“ bei der Demonstration für Frauen im Iran in Köln
Für die Frau, „woman“, im Iran gingen Tausende Menschen in Köln auf die Straße. © Sarah Lorencic

Auf der Bühne am Heumarkt erzählen Menschen ihre Geschichten aus dem Iran, zu denen Zeinab immer wieder mit Kopf nickt. Ein junger Mann erzählt davon, wie er seiner Mutter als kleines Kind das Kopftuch im Bus richtete, weil es verrutscht war und davon, wie er hoffte, dass es niemand gesehen hat. Frauen dürfen im Iran nicht laut lachen, nicht tanzen oder laut singen, erzählt eine weitere Rednerin. Für kleine Vergehen kommen sie ins Gefängnis, wo sie häufig vergewaltigt werden. In einigen Fällen müssen Frauen gegen ihren Willen „Zeitehen“ eingehen, sodass Vergewaltigungen vor einer Hinrichtung „legal“ sind. Zum Tode verurteilte Jungfrauen müssen vor der Hinrichtung zwangsverheiratet und vergewaltigt werden, weil Jungfrauen nach islamischem Gesetz nicht hingerichtet werden dürfen.

„Ich bin hier als Mensch, der will, dass alle Menschen in Freiheit leben können“, sagt Zeinab Rezai. „Egal, welche Religion oder welches Geschlecht wir sind. Wir sind doch alle Menschen.“ Nächste Woche steht eine weitere Demonstration in Düsseldorf an – für Frauen in Afghanistan. Auch dort wird Zeinab Rezai sein und für Frauen kämpfen. Ihr Kopftuch wird sie weiter tragen, sagt sie. Das ist ihre Freiheit.

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