Hochmittelalter und die Pest aus Sicht des Medizinhistorikers Dr. Kay Peter Jankrift

Dr. Kay Peter Jankrift warf auf einen Blick auf die dunklen Seiten des Mittelalters. ▪

ALTENA ▪ Die Menschen sehen sich einer unheimlichen Bedrohung ausgesetzt. Mediziner sind hilflos und versuchen, einer tödliche Seuche mit den Lehren antiker griechischer Heiler zu begegnen: Die schrecklichen Folgen dieses Szenarios sollten Europa für lange Zeit verändern. Von Thomas Keim

Über die Pest und ihre Auswirkungen auf Europa, Deutschland und Westfalen berichtete am Mittwochabend der Medizinhistoriker Dr. Kay Peter Jankrift vor den „Freunden der Burg“ im Festsaal. Jankrift arbeitet am Institut für europäische Kulturgeschichte der Universität Augsburg und ist Autor populärer Bücher zum Thema Mittelalter und Medizin.

„Grauen ohne Ende“ hatte Jankrift seinen Vortrag genannt. Denn der „Schwarze Tod“ war kein einmaliges Phänomen, er kam in Wellen – und er kam immer wieder. Zwischen 1350 und 1600 – also über einen Zeitraum von 250 Jahren – gab es in Westfalen zwischen 30 und 40 Ausbrüche der Seuche.

Die zeitgenössischen Mediziner hatten an Erklärungsversuchen nicht viel zu bieten: Sie vermuteten einen Überschuss an „schwarzer Galle“, dem vierten der Körpersäfte, oder hatten „üble Winde“ und Ausdünstungen unter Verdacht. Weil diese Winde aus Süden kämen, wurde empfohlen, nur nach Norden gelegene Fenster zu öffnen.

Andere vermuteten, dass schöne Frauen die Krankheit anziehen, und nicht selten wurden auch Juden als „Brunnenvergifter“ für den Ausbruch der Krankheit verantwortlich gemacht. Die Motive dafür seien jedoch meist leicht durchschaubar gewesen, berichtete Jankrift. Dahinter hätten oft Schuldner jüdischer Geldverleiher gesteckt – oder andere Profiteure. Einer davon war übrigens Graf Engelbert III, wie Kreisarchivdirektorin Dr. Christiane Todrowski zum Ende der Veranstaltung einflechten konnte. Der Märkische Graf ließ um 1350 Dortmunder Juden verhaften und ausweisen. Ihre Besitztümer aber fielen dem Adeligen zu. Als Engelbert III dann Jahre später wieder jüdische Bürger zuließ, geschah das gegen gutes Geld. „So hat Engelbert zwei Mal verdient.“

Alle Methoden der Pestärzte, darunter als Hauptdiagnosemethode übrigens die Urinschau, sollten angesichts der Epidemie wirkungslos bleiben. Für den heimischen Raum habe sich die relative Nähe zu Ballungszentren wie Köln damals als Nachteil erweisen. Reisende Händler, die etwa 30 Kilometer am Tag zogen, konnten die Pest innerhalb von drei Tagen ins Sauerland tragen. So gab dann ein Zeitgenosse beim Heraufziehen einer neuen Seuchenwelle den einzigen möglicherweise praktikablen Ratschlag: „Fliehe rechtzeitig und fliehe weit, komme spät zurück.“ Wer dazu wirtschaftlich in der Lage war, der habe diese Empfehlung dann auch in die Tat umgesetzt, berichtete Jankrift. So suchten zum Beispiel im nahen Soest die Ratsherren und Patrizier das Weite.

„Die Pest hat immer wieder Stadtflüchte ausgelöst“, befand Jankrift. Und es gab Versuche, diese Abwanderungen einzudämmen, in dem man auf Panikvermeidung setzte. So wurde mancherorts die Totenglocke nicht mehr für jeden neuen bekannt gewordenen Todesfall geläutet, sondern nur noch ein- oder zweimal am Tag für alle bis dahin Verstorbenen.

Es dauerte, bis frühe Gegenmaßnahmen Wirkung zeigten. So wurde in Venedig 1374 die Quarantäne eingeführt, eine Frist von 40 Tagen (ital. „quarantina di giorni“), in der Besatzungen Schiffe nicht verlassen durften. Anderenorts setzte man auf die Kontrolle Reisender (Pest-Cordon) und Isolation betroffener Städte.

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