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Gegen das Feuerwerk im Kopf: So verändert Cannabis das Leben eines Autisten im MK

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Von: Maximilian Birke

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Christian Kißler darf Cannabis ganz legal konsumieren. Aufgrund seiner autistischen Störung erhält der Altenaer ein Rezept.
Christian Kißler darf Cannabis ganz legal konsumieren. Aufgrund seiner autistischen Störung erhält der Altenaer ein Rezept. © Birke, Maximilian

Eine weiße Dose mit der Aufschrift „Nimbus Health“ steht auf dem Schreibtisch. In greifbarer Nähe befindet sich der zugehörige Vaporizer. Auf dem Bürostuhl hinter dem Tisch sitzt Christian Kißler. Zu Therapiezwecken konsumiert er seit etwa einem Jahr Cannabis.

Altena – Christian Kißler ist Asperger-Autist und dadurch in seinem Alltag eingeschränkt. Das Cannabis hilft ihm, besser klarzukommen. Denn obwohl der Mann aus Altena eine Hochbegabung hat und an einer Universität forscht, fallen ihm einfache Tagesaufgaben wie Kochen und die Teilnahme am sozialen Leben schwer. Wenn etwas Unerwartetes passiert, kann es vorkommen, dass Christian Kißler damit derart überfordert wird, dass er einfach das Bewusstsein verliert.

Steht er unter großem Stress, macht sich eine Tic-Störung bemerkbar. Dann sagt er sinnlose Worte. „Für meine Arbeit an der Uni, wo ich zum Beispiel Vorträge halte, ist das natürlich ein großes Problem“, berichtet er. Cannabis schaffe Abhilfe. „Das Feuerwerk in meinem Kopf wird heruntergefahren. Aber ohne dass meine Leistungsfähigkeit dabei eingeschränkt wird“, beschreibt Kißler. Durch den Autismus fehlt ihm eine Art Filterfunktion im Gehirn. Von Umgebungsreizen wird er deshalb schnell überflutet.

Gegen das Feuerwerk im Kopf: So verändert Cannabis das Leben eines Autist im MK

Dass er durch die Medikamente nicht zusätzlich eingeschränkt wird, war dem Altenaer besonders wichtig. Für seine Forschungsarbeit an der Universität ist er auf einen klaren Verstand angewiesen. Deshalb verweigert er auch die Einnahme des Medikamentes Haloperidol, das er anstelle des Cannabis nehmen könnte, und das ihm seine Krankenkasse finanzieren würde. Das Medikament hat eine sedierende Wirkung. „Damit wären sicherlich die Symptome weg. Aber ich wäre dann auch berufsunfähig und nur noch eine leblose Hülle.“ Mit Cannabis sei das nicht so. Das Rezept für die Blüten, die eine klar definierte Wirkstoffkonzentration haben müssen, erhält Kißler von seinem Neurologen. Bei dem ist er schon lange in Behandlung, Autismus ist nämlich keine psychische Erkrankung, sondern hat eine organische Ursache.

Zusätzlich zu der neurologischen Störung hat Kißler Probleme mit chronischen Schmerzen in beiden Knien. Die sind nach einer Operation im Alter von 14 Jahren entstanden. „Ich habe dagegen Morphin und Opiate genommen. Das hat die Schmerzen nicht gelindert“, berichtet Kißler. Stattdessen sei er von diesen Wirkstoffen wie benebelt gewesen. „Ich habe bei meiner Arbeit an der Uni Fehler gemacht, die mir sonst nicht passieren würden.“ Also fand die Therapie ein schnelles Ende. „Ich möchte nichts einnehmen, das meine Leistungsfähigkeit einschränkt. Ich bin so schon eingeschränkt genug.“

Cannabis gegen das Feuerwerk im Kopf: Autist berichtet seine Erfahrungen

Dreimal täglich konsumiert Kißler nun 0,25 Gramm Cannabis. Er verdampft die Blüten in seinem Vaporizer, um seine Lunge zu schonen. Etwa 20 Minuten dauert jeder Konsum. „Ich merke selbst nur eine moderate Wirkung. In erster Linie gehen meine Schmerzen weg. Ich kann sogar wieder richtig Sport machen“, freut er sich. Mehrmals pro Woche steigt er wieder aufs Laufband. Vor einem Jahr sei das noch undenkbar gewesen. Die Schmerztherapie war dabei eigentlich nur ein positiver Nebeneffekt. In erster Linie soll das Cannabis die Symptome des Autismus lindern. Auch das funktioniert: „Ich werde dadurch nicht high, sondern eher normal“, berichtet Kißler. Das melde ihm vor allem sein Umfeld zurück. „Meiner Frau ist aufgefallen, dass ich ruhiger bin und sie viel häufiger anschaue.“ Durch die autistische Störung hat Kißler normalerweise ein Problem mit Augenkontakt, muss sich dazu regelrecht zwingen. Auch die Tic-Störung verschwindet mit dem Cannabis fast vollständig und gegen Stress sei er etwas resistenter.

Der Altenaer ist zufrieden mit dem Behandlungserfolg, den das Medikament bei ihm zeigt. „Mein Leben ist dadurch deutlich besser geworden“, sagt er. „Mir geht es jetzt so gut wie es mir vorher nie ging.“

Allerdings hat diese Behandlung auch ihren Preis. Etwa 300 Euro zahlt Kißler jeden Monat, um die Blüten in der Apotheke zu kaufen. Seine Krankenkasse hat die Übernahme der Kosten verweigert, obwohl mehrere ärztliche Gutachten ihm belegen, dass die Therapie Erfolg zeigt. Inzwischen hat sich daraus ein handfester Rechtsstreit entwickelt. Denn Kißler möchte sicherstellen, dass er die Behandlung noch länger wahrnehmen kann. „Ich habe dadurch einen anderen Lebensstandard. Ich war sonst immer suizidal gefährdet. Ich möchte verhindern, dass ich in ein Loch falle, falls ich das Cannabis irgendwann nicht mehr selbst finanzieren kann. Ich konsumiere den Wirkstoff nicht aus Spaß oder weil ich mir auf Kosten anderer einen durchziehen möchte.“

Derweil diskutieren Politiker darüber, ob Cannabis legalisiert werden soll: Sucht-Experten und (ehemalige) Konsumenten sehen gar keine andere Wahl.

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