Ein Fall für den Psychiater

ALTENA ▪ Muhamed I. ist laut psychologischem Gutachter keine Gefahr für die Allgemeinheit, sehr wohl aber ein Fall für den Psychiater. Verminderte Schuldfähigkeit nach Paragraph 63 käme nicht zum Tragen, denn seine Einsichtsfähigkeit sei absolut gegeben. „Zum Tatzeitpunkt wusste er, dass er mit einem Messer auf seinen Vater einsticht.“ Auch seine Steuerungsfähigkiet sei damals nicht aufgehoben, sondern „erheblich beeinträchtigt“ gewesen. „Sonst hätte er nach der Tat nicht so zielgerecht handeln können.“

Der Kölner Facharzt für Psychiatrie hat gestern vor dem Hagener Schwurgericht die Ergebnisse seines Gutachtens vorgetragen. Die stützte er auf ein Gespräch mit dem wegen Totschlags angeklagten Altenaers, was dieser allerdings größtenteils verweigert habe, und auf seine Beobachtungen an den bisher sechs Prozesstagen. Der Psychiater bezeichnete Muhamed I. als narzisstisch (übersteigert selbstliebend), paranoid (Wahnvorstellungen habend) und emotional instabil. „Seine Entwicklung ist tiefgreifend anzusetzen. Er ist in einem ungünstigen, sozialen Millieu aufgewachsen. Ein so junger Mensch kann so etwas nicht kompensieren.“ Die Demütigungen durch den Vater und andere Familienmitglieder hätten dazu geführt, dass Muhamed I. ein „immer fragileres Selbstwertgefühl“ entwickelte, das sich nach außen „narzisstisch und paranoid“ darstellte. Seine Stimmungen seien sehr schwankend, das habe Muhamed auch selbst gesagt. Ebenso selbst festgestellt habe er, dass mit ihm irgendwas nicht stimme, und dass er deswegen Probleme mit Menschen habe. Muhamed I. könne keine Beziehungen aufbauen und keine Freundschaften schließen. Die Erklärung des Facharztes dafür: „Auf der einen Seite hat er sich immer nach seinem Vater gesehnt, auf der anderen Seite durch ihn aber immer Gewalt und Demütigung erfahren.“

Zur Tat, nämlich seinen Vater mit dem Messer zu erstechen, hätten ihn schließlich „viele, viele Reize bewogen, die er nicht mehr steuern konnte“, so der Gutachter. Doch Muhameds Steuerungsvermögen sei nicht komplett ausgefallen. „Er konnte noch denken und handeln. Er verdunkelte die Tat.“ Und das spreche gegen eine tiefe Bewusstseinsstörung. Muhamed müsse unbedingt psychotherapeutisch behandelt werden, so der Facharzt, um sich in zukünftigen Stresssituationen beherrschen zu können und auch um seine sexuellen Anomalien (ständiges Onanieren im Beisein anderer) in den Griff zu bekommen.

Am Dienstag wird Staatsanwalt Bernd Maas sein Plädoyer halten, Rechtsanwalt Neuhaus ist aus Termingründen erst am 8. Dezember dran. Er wird weiterhin auf „Notwehr“ plädieren. An diesem Tag hat Muhamed I. auch das letzte Wort, anschließend wird die Kammer das Urteil fällen. ▪ Von Ilka Kremer

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