Am Ende siegte ein Routinier

Die Gewinner von links: Lena Schätte, Berthold Wagner und Fabian Bender.

ALTENA  ▪ Es ist eine erstaunliche Kunstform: Beim Poetry Slam zeigt die Jugend, dass sie weit besser ist als ihr Ruf. Zehn Protagonisten präsentierten am Freitagabend in der Burg Holtzbrinck eigene Texte – und es handelte sich mitnichten nur um schöngeistig angehauchte Teilnehmer von Literaturkursen am Gymnasium.

Zum Beispiel J. Joe Wan – sein Rap entstand im Knast, zeigte die Verzweiflung eines jungen Mannes, der zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Von „Tränen hinter Schloss und Riegel“ berichtete der junge Mann.

„Ein Poetry Slam (sinngemäß: Dichterwettstreit oder Dichterschlacht) ist ein literarischer Vortragswettbewerb, bei dem selbstgeschriebene Texte innerhalb einer bestimmten Zeit einem Publikum vorgetragen werden“, weiß Wikipedia. Entscheidend ist das Wort, Requisiten und Musikinstrumente sind verboten. Stilistische Vorgaben gibt es nicht.

Dementsprechend breit war das Spektrum, als Kulturring und Jugendpflege zum zweiten Altenaer Poetry einluden. Sieben Akteure hatten sich im Vorfeld angemeldet, drei weitere nutzten die Möglichkeit zur Initiativbewerbung. Mit dabei war Vorjahressieger Dan Pönicke, der sehr gekonnt vortrug, wie ein Soldat sich nach dem Ende des Kampfes noch einmal aufs Schlachtfeld schleicht, um seinen Freund beim Sterben zu begleiten. Das absolute Gegenstück dazu war Altenas Dauer-Barde Berthold Wagner, der mit viel Wort-Witz zu überzeugen wusste. Fabian Pfaffendorf bot bei seiner Auseinandersetzung mit der Occupy-Bewegung politisches Kabarett, Karsten Wolfewicz entführte die Zuhörer in die Welt der Mythologie und der griechischstämmige Vike Pie erzählte Türkenwitze – poetry slam kommt offensichtlich ohne political correctness aus.

Durchs Programm führte Tlako, der seine Sache sehr gut machte. Sehr hilfreich war, dass er den Inhalt der Vorträge noch einmal kurz zusammenfasste, bevor es an die Punktvergabe ging. Sie erfolgte durch das Publikum – um die 100 meist (aber nicht nur) junge Menschen hatten den Weg in die Burg Holtzbrinck gefunden. Sie lauschten den Vorträgen erstaunlich ernsthaft – auch denen, die nicht so gut gelungen waren. „Ein Zeichen des Respektes“, für das Moderator Tlako die Zuhörer ausdrücklich lobte.

Es gab zwei Durchgänge – zunächst eine Vorrunde, in der die Teilnehmer in drei Gruppen gegeneinander antraten, dann das Finale mit den sechs Bestplatzierten. Unterm Strich machte das 16 Vorträge von bis zu fünf Minuten Dauer, hinzu kamen die Abstimmungsrunden und Pausen, so dass sich ein wahrhaft abendfüllendes Programm ergab. Erst gegen Mitternacht standen die Gewinner fest. Auf Platz eins landete Berthold Wagner, der nicht nur durch seine Texte, sondern auch durch seine Bühnenerfahrung zu überzeugen wusste. An der mangelte es Lena Schätte, die zwar sehr gelungene Werke über das alkoholgeschwängerte Balzverhalten in Kleinstadtkneipen und über Facebook vortrug, aber teilweise nur schwer zu verstehen war. Platz drei ging an Fabian Bender, der in der Vorrunde einen Beziehungsstreit mit einem Gewitter verglich („aus Kleinigkeiten werden Großigkeiten“) und im Finale mit einem Text über den Kauf von Kondomen etwas abfiel. Für die Gewinner gab es Geldpreise.

Umrahmt wurde das Programm von zwei sehr gegensätzlichen Duos. Im Foyer spielten Max Winter und Mats Beckmann Gitarre, im Saal erstaunten Red Souljah und Vike Pie als „Unterground music 58“ mit rein lautmalerischer a capella-Musik – eine Kunstform, die sich Beatbox nennt.

Von Thomas Bender

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