Wie aus einem irakischen Führerschein ein deutscher wird

Sprachbarrieren bei der Fahrstunde: Mit „yalla, yalla“ aufs Gaspedal

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Ein gutes Team, auch wenn sie sich mit Händen und Füßen verständigen müssen: Ali Murad Khalaf (l.) und sein Fahrlehrer Engelbert Vedder. Beide üben so lange, bis sich der 56-jährige Iraker sicher im Straßenverkehr zurechtfindet.

Altena – Ali Murad Khalaf fragt oft drei mal nach. Grade? Links? Blinken? Parken? Engelbert Vedder nimmt meistens die Hände dazu. Manchmal steigt er auch aus, um seinem Schützling zu erklären, dass er in diese Lücke rückwärts einparken soll.

Engelbert Vedder ist in der Fahrschule Kreisel spezialisiert auf Umschreibe-Kandidaten. Das sind Fahrschüler wie Ali Murad Khalaf, die in ihrer alten Heimat schon eine Fahrerlaubnis erworben haben, aber damit nicht in Deutschland fahren dürfen. Die Bedienung des Fahrzeugs ist für Ali Murad Khalaf kein Problem. 

Auch Schaltwagen ist er im Irak schon gefahren. „Nur der Verkehr läuft da ganz anders“, weiß Engelbert Vedder. Viele Geflüchtete aus dem arabischen Raum schlucken, wenn sie sich auf deutschen Straßen zurechtfinden müssen. „Ich pauke ihnen ein, dass sie die Regeln dringend einhalten müssen. Sonst ist der erfolgreich bestandene Führerschein ganz flott wieder weg“, schildert Engelbert Vedder. 

Seit der Flüchtlingswelle ein gefragter Mann

Generell gelte auch in vielen Herkunftsländern die Regel, dass eine rote Ampel nicht überfahren oder eine Einbahnstraße nicht verkehrt herum eingefahren werden darf. „Nur werden solche Übertretungen dort nicht so kontrolliert und auch nicht so sanktioniert“, hat Engelbert Vedder in den vergangenen drei Jahren erfahren. Seit dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle ist er ein gefragter Fahrlehrer für Menschen mit Migrationshintergrund. 

Ein Grund dafür wird seine stoische Gelassenheit und Geduld sein. „Ich war hauptberuflich bei der Bundeswehr, lange Zeit nebenberuflich Fahrlehrer und habe jetzt als Rentner auch noch viel zu tun“, beschreibt er kurz seine Vita. Auch Ali Murad Khalaf gegenüber verdreht Engelbert Vedder nicht einmal die Augen, auch wenn er bis zu zehn mal wiederholen muss, welche Verkehrssituation er mit ihm üben will. 

"Ali wird das schaffen"

Beide Männer sind fast gleich alt, sie duzen und mögen sich - auch wenn die Verständigung ihnen furchtbar schwerfällt und sie sich erst wenige Fahrstunden lang kennen. „Ali wird das schaffen“, ist sich Engelbert Vedder sicher. Als Umschreiber wird von ihm nicht mehr eine bestimmte Anzahl von Pflichtfahrstunden verlangt, sondern so viel Fahrpraxistraining, dass er sich im deutschen Straßenverkehr sicher zurechtfindet. Die Gesamtkosten dafür sind individuell. „Die einen brauchen mehr, die anderen weniger Training.“ 

Inhalte können in Arabisch gelernt und auch die Theorieprüfung kann in Deutschland in jeder Sprache abgelegt werden. In der Praxis-Prüfung aber ist die Amtssprache Deutsch. „Da muss ich die Prüflinge so weit fit kriegen, dass sie die Anweisungen befolgen können“, ergänzt Engelbert Vedder. Umgekehrt hat er auch schon ein paar Brocken arabisch aufgeschnappt. „yalla yalla!“ zum Beispiel, das heißt im arabischen Raum „flott, flott!“. 

Ali Murad Khalaf muss Gas geben und eine Gefahrbremsung durchführen. Erst bedient er das Bremspedal vorsichtig, im zweiten und dritten Anlauf so abrupt, wie Engelbert Vedder es vorgibt. Mit jedem Mal wird er sicherer, auch das Rückwärtseinparken funktioniert zunehmend leichter, als der Fahrschüler verinnerlicht hat, was sein Lehrer möchte. Der schimpft nicht, sondern lobt viel. Das motiviert. Als das Duo die Fahrstunde beendet, fällt von Ali Murad Khalaf viel Anspannung ab. 

Der Ehrgeiz ist da

Er lacht und erklärt mit den wenigen Brocken Deutsch, die er beherrscht, dass die Sprache grundlegendes Problem ist. Er wird noch Übung brauchen, aber der Ehrgeiz ist da. Engelbert Vedder kann das nachvollziehen: „Müsste ich jetzt im Irak meinen Führerschein machen, ginge mir das genauso. Jüngeren Leuten geht der Führerschein leichter von der Hand. Die haben oft schon den ersten, zweiten oder dritten Sprachkurs gemacht, bevor sie anfangen. Das Lernen ist für sie nicht so schwierig.“ 

Aufgeben gibt es übrigens nicht: Auch, wenn das Ringen ums sichere Fahren manchmal zäh ist, hat Engelbert Vedder noch keinen Umschreiber verloren. „Geschafft hat es am Ende jeder!“, berichtet er stolz.

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