Eine nackte Frau - das ging 1900 ganz und gar nicht

Ulrich Biroth mit seinen Schätzen.

ALTENA - Wie ein Mensch mit seinen Büchern umgeht, das sagt viel aus über das Verständnis und die Wertschätzung, die er diesen Druckwerken entgegenbringt.

Bei Ulrich Biroth sind nicht nur viele seiner historischen Werke in Schutzschonern besonders gegen Druck oder Licht geschützt, er hat im Laufe der vergangenen Jahre auch „viele Bücher fachmännisch restaurieren lassen.“ Dazu gehört auch der „Kleine Brehm“. Das in der Berliner Verlagsanstalt Urania 1896 aufgelegte Werk mit 950 Seiten hat einen Ersatzrücken erhalten und die Seiten wurden komplett neu vom Buchbinder befestigt. „So ein Schatz ist doch einfach zu schade, als dass man ihn verfallen lassen könnte“, sagt der Altenaer überzeugt. Wer heute die „Lebensbilder und charakterlichen Zeugnisse aus dem Tierreich“, so der Untertitel, in die Hand nimmt, sucht aber Fotos vergebens. „Die gab es damals noch nicht. Allerdings haben es die Verfasser geschafft, einige kleine Bilder, so genannte Lithos, hier und da einzubringen“, sagt Biroth beim Durchblättern der Seiten. Gut, viele sind etwas angegilbt, aber nichts klebt oder pappt zusammen und „die Geschichte des Raubvogels“, wie ein Kapitel über den Milan getitelt ist, liest sich einfach spannend.

„Warten Sie mal“, sagt der im Zivilberuf als Archivar tätige Burgstädter und zieht vorsichtig ein weiteres mächtiges Werk aus einem Schutzschoner. „Das neue Naturheilverfahren“ steht auf dem in braunes Leder gebundenen Buch. Es kam 1900 im F. E. Bilz-Verlag in Leipzig auf den Markt und ist ein „Lehr- und Nachschlagewerk für den Hausgebrauch.“ „Heute würde man wohl sagen ein medizinisches Familienbuch“, grinst Biroth. Es enthält zahlreiche Bilder, Grafiken, Bausteine, wie der menschliche Körper funktioniert und aufgebaut ist. Nur beim weiblichen Torso war die Zeit für eine komplett nackte Frau wohl noch nicht reif. Das Modell, das man auf rund 50 Zentimeter Größe ausklappen kann, trägt ab Bauchnabel züchtig ein Tuch und der Unterkörper sowie die Geschlechtsorgane werden allenfalls grob beschrieben.

Das Werk gibt aber auch Tipps in Sachen Fitness. „Heute würde man sagen, so und so bewegt man sich richtig in der Mucki-Bude“, erläutert Biroth beim Anschauen der entsprechenden Darstellungen mit Gewichten oder Stangen. Dass die Herren, die sich da so quälen, züchtigst bekleidet sind, amüsiert heute nur noch.

Richtig Freude hat der Liebhaber von Zinnfiguren und Modellbauer mit dem 1899 erschienenen „Patriotischen Hausschatz – Unser Volk in Waffen“. Hier finden sich nicht nur Kaiser, Fürsten und Generäle bei Paraden oder auf dem Felde dargestellt, die Autoren haben so viel Wert auf Details gelegt, dass davon der Resin- und Zinnfiguren-Modellbauer noch immer profitieren kann. „Das ist in der Tat eine Goldgrube für mich.“ Alle Bücher hat Ulrich Biroth geerbt – so auch die Lebensgeschichte des Guiseppe Melchiorre Sarto, der als Papst Pius X. in die Geschichte einging. 1902 wurde das Buch in Rom verlegt, es beschreibt Leben und Wirken eines heilig gesprochenen Mannes, den die Kirchengeschichte als konservativen Reformpapst bezeichnet und der seine theologische Laufbahn einmal als einfacher Landpfarrer begann.

von Johannes Bonnekoh

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