Bereit für neue Aufgaben

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Heute enden 21 Jahre Dienstzeit für Dr. Andreas Hollstein.

Altena - Heute endet eine Ära in Altena. Vor dem Stadtrat, der erstmals nach der Kommunalwahl vom 13. September um 17 Uhr im Haus Lennestein zusammentritt, legt mit Uwe Kober (CDU) ein neuer Bürgermeister den Amtseid ab. Damit enden unwiderruflich 21 Jahre Dienstzeit für Dr. Andreas Hollstein (CDU) an der Spitze der Kommune – Zeit für einen Rückblick.

Kaum ist die Tür im Bürgermeisterzimmer geschlossen, fällt der Blick auf eine fast leere Wand. Gut sichtbar ragt da noch ein Bilderhaken aus dem Putz. „Ja, da hing der Adenauer“, sagt Dr. Andreas Hollstein. Zeit seiner 21 Dienstjahre, die er in diesem Büro zugebracht hat, hatte er „Der sterbende Adenauer“, so der Bildtitel, stets im Blick. „Warum hängst du dir so etwas Depressives ins Zimmer?“, sei er immer wieder gefragt worden, sagt der scheidende Verwaltungschef und liefert gleich die Begründung: „Das Bild hat mich immer daran erinnert, es ist nicht das Amt, das den Menschen ausmacht, es ist der Mensch selbst. Man bekommt Ämter auf Zeit, übt sie aus und gibt sie wieder ab in einer Demokratie. Und genau das hat mir das Motiv Tag für Tag, Woche für Woche und Monat für Monat gezeigt.“ 

Freude über so viel Persönliches

Hollstein trägt beim Gespräch nicht das übliche Outfit, nämlich Oberhemd, Anzug, Schlips und Kragen. Heute hat er ein blaues T-Shirt mit einem Segelflugzeug und dem Schriftzug „Runter kommt man immer!“ übergezogen. „Nein, so bin ich nicht ins Rathaus gekommen“, sagt der Altenaer. „Das ist ein Geschenk“ und der Stolz in der Stimme ist hörbar. 

Er geht Richtung seines massiven Schreibtisches, zeigt Bücher, Bildbände, Hochprozentiges, eine für ihn angefertigte Karikatur von Fritte Fäsing, der heute auf Juist lebt und einen mit viel Liebe zusammen gestellten Bildband mit persönlichen Erinnerungen und Bildern. „Geschenke, fast alle von den Kolleginnen und Kollegen“, ist ihm die Freude über so viel Persönliches schon anzumerken. So sehr er sich über kleine Aufmerksamkeiten oder das kurze Reinhalten des Kopfes in die Tür, „wollte nur persönlich Tschüss sagen!“, freut: Hollstein ist traurig, „besonders von meinen Mitarbeitern nicht so Abschied nehmen zu können, wie ich mir das vorgestellt habe.“ 

Corona-Pandemie verhindert schönen Abschied

Auch Vereine, Verbände, besonders aber viele Ehrenamtliche und Bürger, hätte er gerne in persönlichen Begegnungen für die „gute Zusammenarbeit, das konstruktive, manchmal auch streitbare Gespräch gedankt.“ Die Kollegen sollten im Hof der Stadtwerke zusammenkommen, Bürger und Ehrenamtliche hätte er gerne an seinem regelmäßigen Treffpunkt auf dem Wochenmarkt getroffen. „Die Corona-Pandemie hat das leider verhindert“, sagt er und irgendwie klingt die Stimme ein wenig belegt. Das ist auch so, wenn es mal wieder während des Gespräches an der Tür klopft und eine Mitarbeiterin, ein Weggefährte oder ein Sachbearbeiter „dem Chef ade sagen will.“ 

Novum an diesem Tag: Neben dem Austausch von Nettigkeiten und kurzen Erinnerungen gehört dann auch immer ein guter Tropfen aus dem Weinkeller des scheidenden Bürgermeisters zu dieser Abschluss-Begegnung. „Ich habe unseren Weinkeller geplündert und heute erhält jeder von mir ein Fläschchen“, geizt er nicht mit dem süffigen Rebensaft als kleiner Geste des Dankes an sein Team im ganzen Haus. Auch das Telefon habe nicht stillgestanden, sagt Hollstein und spricht von Prof. Jürgen Gramke ebenso wie vom persönlichen Besuch von Willy Beckmerhagen und weiteren alten Wegbegleitern. 

"Damals ist es so gelaufen, wie jetzt in Dortmund“

Über die Schüler- und später Junge Union kam Hollstein früh zur CDU. Die JU verließ er, weil es Zerwürfnisse gab bei den Jungpolitikern. Brigitta und Gaby Meckler holten ihn in die örtliche Politik. Hollstein stieg als Sachkundiger Bürger ein, und zwar im Sportausschuss. Das war 1992, bereits kurze Zeit später war er Geschäftsführer der Fraktion. Scholz überzeugte ihn, 1994 als Spitzenkandidat für den Rat anzutreten. „Damals ist es so gelaufen, wie jetzt in Dortmund“, erinnert sich der leidenschaftliche Tischtennis-Spieler. „Wir haben ein Schwarz-Grünes Bündnis geschmiedet. Aber letzten Endes fehlten mir und der CDU damals 90 Stimmen, um Günter Topmann (SPD) den Bürgermeisterposten streitig zu machen.“ Der SPD-Mann, der insgesamt 29 Jahre Bürgermeister am Ort war und auch Bundestags- und Europaabgeordneter habe damals zwar bereits seine Niederlage eingestanden, als noch der letzte fehlende Stimmbezirk den Ausschlag gab.

„Wer antritt, kann auch verlieren"

„Wer antritt, kann auch verlieren. Das ist Demokratie.“ „Es war mir immer ein Herzensanliegen, mich voll und ganz für diese wundervolle Stadt Altena, die so viele bezaubernde Seiten hat, einzusetzen.“ Er habe versucht, das in 21 Jahren zu leben, wohl wissend, dass es auch andere Städte gegeben habe, in denen man möglicherweise sorgloser hätte agieren können. „Siehe Dortmund“, sagt Hollstein noch einmal. „Ich habe es hier und in Dortmund gewagt. Hier wie dort steckt so viel drin.“

Hollstein erinnert an viele „schmerzhafte Entscheidungen“, gerade in den ersten Jahren seiner Amtszeit. Stichworte: Schließung Freibad, Schließung von Grundschulen und Sportplätzen. „Das war hart, aber trotzdem hat der Bürger es verstanden und mich und die Union nicht bei den Wahlen abgestraft.“ Vielleicht, so orakelt er, auch, weil er stets versucht habe nach dem Grundsatz zu handeln, „Politik ist für mich gerade heraus. Ich habe nie den Bürgern das gesagt, was sie hören wollten. Ich habe gesagt, was ich sagen musste, Wahl hin oder her.“ Hollstein erinnert in diesem Zusammenhang an die Grundschulschließung in Evingsen kurz vor einer Kommunalwahl.

Bittere Pillen

 Bittere Pillen waren für ihn im Amt die sich weiter kumulierenden Probleme in der Innenstadt, aber auch die unbefriedigende Situation mit toom und die Schließung des Krankenhauses, um nur einige zu nennen. „Der Plan für ein medizinisches Gesundheits-Zentrum mit Pflegeplätzen lag unterschriftsreif bei einem Notar. Dann gab es den Rückzug des Investors“, erinnert er sich. 

Die Sache mit der Bauruine Berg schmerze auch, liege aber nicht in der Verantwortung der Stadt. Eines liegt Hollstein am Herzen: den vielen Ehrenamtlichen in der Stadt zu „danken und ihr Tun noch einmal wertzuschätzen.“ Beispielhaft nennt er das Stellwerk. Kommunalpolitik und das Agieren als Chef einer Verwaltung vergleiche er immer gern mit einem Marathonlauf, sagt der CDU-Politiker.

Noch eine Schippe drauflegen

 „Sprint ist was anderes, auch wenn der Bürger häufig und schnell etwas sehen möchte. Verständlich vielleicht, aber so einfach geht das nun mal nicht.“ Ratschläge an den neuen Rat, den neuen Bürgermeister und die neuen Verantwortlichen, damit hält sich Hollstein zurück. Er wünscht sich, „dass es alle noch besser machen“, noch eine Schippe drauf legen. „Ich wünsche Altena nur das Beste, ich wünsche mir Bürger, die sich am Stadtleben beteiligen, ich wünsche mir, dass der Rat gute Entscheidungen trifft und der neue Bürgermeister seine Aufgaben mit Elan und Schwung sowie Erfolg erledigt.“ 

Was ist denn zu tun, für Rat und Verwaltung? Hollstein erinnert an die Pflege der Wirtschaft, besonders in der Nach-Corona-Zeit. Er spricht davon, dass sich der Sparkurs – der teilweise sehr schmerzlich gewesen sei – ausgezahlt habe und Altena seit 2016 „fast wieder wie eine finanziell gesunde Stadt agieren könne.“ Durch das konsequente Zurückfahren der Altschulden sei man wieder ein großes Stück handlungsfähiger geworden. Rosmart müsse gepflegt und ausgebaut werden, der Lenneradweg stünde auf der Agenda, aber auch der Lennepark und die Entwicklung der Itani-Brache.

"Ich hoffe nicht, dass ich damit Menschen verletzt habe"

 Welchen „größten Fehler“ hat Andreas Hollstein in der Selbstbeurteilung gemacht? Kurzes Nachdenken, dann die Antwort: „Ich habe bestimmt Fehler gemacht, keine Frage. Ich habe nun einmal ein sehr bestimmtes Auftreten. Ich hoffe nicht, dass ich damit Menschen verletzt habe, das würde ich aufrichtig bedauern.“ 

Andreas Hollstein ist jetzt 57 Jahre alt. Der Chefsessel im Dortmunder Rathaus blieb ihm denkbar knapp versagt. Steht noch die Aussage des Wahlkämpfers, er suche noch eine neue berufliche Herausforderung für die kommenden zehn Jahre? „Erst einmal werde ich den momentanen Stillstand genießen“, lautet die etwas ausweichende Auskunft. 

Zeit nehmen

Und nach einem kurzen Nippen an der Kaffeetasse weiter: „Es haben sich schon Türen geöffnet, aber durch die wollte ich noch nicht gehen.“ Ein sehr guter und ihm gegenüber auch sehr kritisch eingestellter Freund habe ihm geraten: „Nimm dir jetzt erst einmal etwas Zeit, lass Dinge auf dich zukommen. Es wird sich etwas finden“. So wolle er handeln. Bleibt der scheidende Bürgermeister am Ort? „Natürlich“, kommt es fast entrüstet. „Sollte sich beruflich etwas tun, muss ich aber vielleicht neu abwägen.“ Also doch: 21 Jahre Bürgermeister sind zu Ende – eine neue, ganz gleich welch geartete Aufgabe wartet. Hollstein ist bereit.

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