1. come-on.de
  2. Lennetal
  3. Altena

Flucht aus der Ukraine: „Ich wollte einfach nur weg“

Erstellt:

Von: Hildegard Goor-Schotten

Kommentare

Zeinab Rezai (links) ist vor fünf Jahren selbst aus ihrer Heimat Iran geflohen. Im Interview mit Alina Biliaieva spricht sie über deren Fluchtgeschichte.
Zeinab Rezai (links) ist vor fünf Jahren selbst aus ihrer Heimat Iran geflohen. Im Interview mit Alina Biliaieva spricht sie über deren Fluchtgeschichte. © Goor-Schotten, Hilde

Am Burggymnasium hat die 17-Jährige Zeinab Rezai die gleichaltrige Alina Biliaieva getroffen, ein Mädchen aus der Ukraine. Alina stammt aus Mykolajiw. Alina ist geflüchtet – vor dem Angriffskrieg der Russen. Mit ihr hat Zeinab Rezai, die schon über die Flucht ihrer eigenen Familie aus dem Iran berichtet hatte, ein Interview geführt, um die bewegende Geschichte von Alina Biliaieva öffentlich zu machen

Altena – „Viele Menschen wissen, was in diesen Tagen in der Ukraine passiert, manche aus dem Fernsehen, manche aus dem Internet. Ich wollte schon immer wissen, was Krieg für die Menschen direkt vor Ort bedeutet“, sagt Zeinab Rezai und ergänzt: „Ich bin ein 17-jähriges Mädchen, ich war noch nie in einem Krieg. Einige ukrainische Kinder kamen in unsere Schule. Ich wollte wissen, wie sie sich fühlen.“

Alina, wie ist deine Situation nach der Flucht vor dem Krieg aus der Ukraine aktuell?

Ich wohne mit meiner Mutter und meinem Bruder seit fünf Monaten in Altena. Mein Vater ist immer noch in der Ukraine. Männer dürfen die Ukraine in Kriegszeiten nicht verlassen. Wir haben uns seit sechs Monaten nicht mehr persönlich gesehen. Obwohl wir ständig telefonieren oder per Videolink miteinander sprechen, ist es weit entfernt von „normaler“ Kommunikation. Mein Bruder und ich wachsen und verändern uns sehr, was mein Vater nur auf Bildern sehen kann. Jedes Mal, wenn wir uns verabschieden, sagt er, wir würden uns bald wiedersehen, aber in Wirklichkeit kann „bald“ Monate oder Jahre bedeuten. Es ist beängstigend, aber so oder so können wir nichts ändern, wir können nur warten.

Machst du dir Sorgen um deinen Vater?

Natürlich. Er bedeutet mir sehr viel. Wir bekommen jeden Tag neue Nachrichten über den Krieg mit.

Welches Gefühl hattest du, als der Krieg in der Ukraine begann?

Erst einmal gab es nur Nachrichten aus Kiew im Fernsehen. Bei uns in der Stadt war es noch sehr ruhig. Das änderte sich jedoch am 7. März mit den ersten Angriffen. Viele haben Angst bekommen. Schließlich mussten wir gemeinsam in den Keller, um uns in Sicherheit zu bringen. Dort waren schon viele Menschen. Als die Raketen über uns einschlugen, hörten wir, wie Fenster in unseren Häusern zerbrachen, Nebengebäude einstürzten und gleichzeitig Sand auf uns im Keller fiel. Viele Kinder schrien, viele weinten, beteten, hatten große Angst. Ich hatte damals keine Sorge, dass wir ohne Zuhause sein könnten, ich hatte nur Angst, dass wir verletzt werden könnten.

Wie ging es dann weiter?

Wir hatten keinen Strom mehr. Unser Haus wurde an diesem Tag schwer beschädigt, da viele Granaten in unserem Hof und in die Umgebung einschlugen. Wir hatten nicht die Möglichkeit, länger dort zu bleiben. Es war sehr hart mit anzusehen, als die Wand meines Zimmers brach. Ich hatte in diesem Moment große Angst, wollte einfach nur noch weg. Nach diesem Tag flüchteten meine Familie und ich zunächst zu meiner Oma. Dort gab es noch warmes Wasser und Strom. Später aber war es auch dort nicht mehr sicher. Wir mussten die Nächte wieder in einem Keller verbringen. Es gab Zeiten, da habe ich vor Angst geweint. Am 13. März schlug eine Rakete direkt in das Haus meiner Oma ein und zerstörte zwei Zimmer. Wir nahmen mit, was wir mitnehmen konnten und flüchteten aus der Ukraine.

Alina, wie ist das Leben in Deutschland – und wie fühlst du dich jetzt?

Ich mag die deutschen Feste wie Ostern. Ich finde die Menschen sehr nett und bin herzlich aufgenommen worden. Ich fühle mich hier sehr gut. Meine Mitschüler sind ebenfalls sehr nett und helfen mir, wenn ich etwas im Unterricht nicht verstehe.

Ist es schwer in einem neuen Land zu sein, mit einer fremden Sprache?

Ich habe die deutsche Sprache schon in der Schule in der Ukraine gelernt, deshalb fällt mir die Eingewöhnung nicht so schwer. Mittlerweile habe ich mich in die Verbesserung der Sprachkenntnisse vertieft. So bin ich beschäftigt und abgelenkt von den Ereignissen in der Ukraine.

Kannst du dir vorstellen, irgendwann wieder in deine Heimat zurückzukehren?

Wenn ich zurückkehre, möchte ich woanders leben, nicht mehr in Mykolajiw. Dort würde mich alles an früher und die schlimmen Kriegszeiten erinnern. Ich wünsche mir nur, dann wieder meinen Vater neben wir zu haben.

Auch interessant

Kommentare