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Das Kreuz mit der Kreuzimpfung: Großer Aufwand und viele Nachfragen in Arztpraxen

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Von: Maximilian Birke, Susanne Fischer-Bolz

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Die Kreuzimpfung  (Astra und Biontech oder Moderna) soll besser schützen.
Die Kreuzimpfung (Astra und Biontech oder Moderna) soll besser schützen. © Sebastian Gollnow

Es ist ein Kreuz mit der Kreuzimpfung. Sie soll besser schützen. Und deshalb wollen sie viele, ja eigentlich fast alle haben. Gleichzeitig sind die Hausärzte am Limit und müssen ihre komplette Organisation umwerfen.

Altena/Nachrodt – Die Hausärzte hatten alle Termine für die Zweitimpfung mit Astrazeneca längst vergeben, fangen wieder von vorne an. Denn nun können Biontech oder Moderna früher verimpft werden. Das sorgt für Frust in einer ohnehin sehr arbeitsintensiven Zeit.

„Das ist für uns schon ärgerlich“

„Die Organisation ist erheblich“, sagt Hausarzt Matthias Hartig aus Nachrodt, der von der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) nicht wirklich überzeugt ist. „Die machen sich keine Gedanken, was damit verbunden ist. Ich weiß nicht so recht, ob kleine Vorteile ausreichen, um eine ganze Organisation umzuwerfen. Das ist für uns schon sehr ärgerlich. Positiv ist natürlich, dass die Menschen nun schon früher mit den Impfungen durch sein können“, sagt Matthias Hartig, der zu den Hausärzten gehört, die erst mit Verzögerung in die Impfkampagne einbezogen wurden und wesentlich zur Steigerung der Impfquote beigetragen haben.

Mit einem Piks ist es nicht getan

Deutlich mehr als 1000 Impfungen hat Matthias Hartig bereits verabreicht. Und ein Ende ist nicht in Sicht, 80 bis 100 Impfungen kommen wöchentlich hinzu. Doch mit einem Piks in den Oberarm und umfangreicher Dokumentation ist es nicht getan. Vorher telefonieren sich die Mitarbeiterinnen der Hausarzt-Praxis die Finger wund, legen Termine um, erfahren plötzlich am Telefon, dass der Impftermin nicht mehr benötigt wird, müssen Ausfälle bei vergessenen Absagen kompensieren. Die Impfstoffe sind im ausreichenden Maße vorhanden – und nicht eine einzige Impfdosis musste weggeworfen werden. „Darauf sind wir sehr stolz“, sagt Matthias Hartig.

Kreuzimpfungen sind allerdings nicht überall anerkannt. Wer nach England reist, benötigt zweimal Astra. Und bekommt bei Matthias Hartig dann natürlich auch zweimal Astra.

Kinder werden nur auf der Wunsch der Eltern geimpft

Kinder ab zwölf Jahren impft der Nachrodter Hausarzt nur auf Wunsch der Eltern. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt die Impfung derzeit für alle ab zwölf Jahren aufwärts, aber erst, wenn andere, anfälligere Gruppen bereits immunisiert sind. Die Ständige Impfkommission (Stiko) des Robert-Koch-Instituts (RKI) hingegen empfiehlt die Corona-Schutzimpfung für zwölf- bis 17-Jährige nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen, zum Beispiel, wenn sie aufgrund von Herzschwäche, Lungen-, Nieren-, Nerven- oder Muskelerkrankungen ein erhöhtes Risiko haben, einen schweren Verlauf von Covid-19 zu erleiden. „Wir schließen uns dieser Empfehlung an“, sagt Matthias Hartig. Eine Impf-Routine ist auch nach so vielen Wochen noch nicht eingetreten. „Wenn man glaubt, es wird Routine, kommt eine neue Empfehlung“, sagt Matthias Hartig, der die Impfbereitschaft bei seinen Patienten bei rund 70 Prozent ansiedelt. Ob es irgendwann nahtlos mit der dritten Impfung weitergeht, steht noch ein wenig in den Sternen, ist aber nicht unwahrscheinlich. Die Unternehmen Biontech und Pfizer sehen die Notwendigkeit einer dritten Dosis ihres Corona-Impfstoffs. Hintergrund sind Daten aus Israel, die auf einen Rückgang der Schutzwirkung nach einem halben Jahr hindeuten.

Ausreichend Spritzen vorhanden

Ein ähnliches Bild in der hausärztlichen Gemeinschaftspraxis von Dr. Frank Leienbach und Dr. Andreas Hanke in Altena. Einige Patienten hätten angerufen und sich nach der Kreuzimpfung erkundigt, berichtet Leienbach. Anfangs habe das die Praxis vor eine Herausforderung gestellt. „Es war zuerst nicht klar, ob wir genügend mRNA-Impfstoff dafür bekommen“, sagt Leienbach. Inzwischen habe sich allerdings gezeigt, dass ausreichend viele Spritzen der verschiedenen Hersteller geliefert werden. Daher lassen sich inzwischen auch viele Patienten die Kreuzimpfung verabreichen. Einige bevorzugen von vornherein die Impfung mit Biontech.

„Es lassen sich bei der Erstimpfung aber auch immer noch viele Menschen auf Astrazeneca ein“, sagt Leienbach. Entscheidend sei vor allem, dass die Patienten im Vorgespräch ausführlich aufgeklärt werden. Dadurch könne man Vorurteile und Bedenken meistens beseitigen, meint der Hausarzt.

„Hoher Schutz mit Astrazeneca“

Er selbst ist unvoreingenommen, was die Impfstoffe angeht, berichtet von einer neuen Studie, nach der Astrazeneca einen „sehr hohen Schutz aufweisen“ soll, wenn es dreimal verimpft wird. Im Praxisalltag stellt er nicht fest, dass bei einem Stoff mehr Impfreaktionen auftreten als bei einem anderen.

Insgesamt sei die Nachfrage nach Impfungen auf einem gleichbleibenden Niveau, berichtet Leienbach. Allerdings hätten die telefonischen Nachfragen nachgelassen, da inzwischen viele Patienten in eine Warteliste eingetragen sind. Der Aufwand für die Praxen sei aber weiterhin hoch, sagt Leienbach und beklagt vor allem die Bürokratie, die mit der Impfung verbunden ist. „Wir machen es uns in Deutschland selber schwer“, meint der Hausarzt. Impfstoff sei nicht mehr der limitierende Faktor, sondern Bürokratie und die Beobachtungszeit nach der Impfung.

Impfaktion im Ärztehaus

Eine größere Impfaktion soll es im Ärztehaus an der Kirchstraße am nächsten Wochenende geben. Es ist die zweite Aktion der Astrazeneca-Sonderimpfungen, deren erste Aktion Ende April stattfand. Für die Zweitimpfungen stünden in der kommenden Woche sowohl Astrazeneca als auch Biontech-Impfstoff zur Verfügung.

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