Aus der weiten Welt der Beziehungsdramen

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Mit urtümlichen Instrumenten und dem Schalk im Nacken: die siebenköpfige Band „Die Croonies“.

Altena - Ein Gesamtkunstwerk beehrte die Burg Holtzbrinck. Denn die siebenköpfige Band „Die Croonies“ spielte nicht nur Musik der 20er und 30er Jahre, sondern trat auch in der dazu passenden Kleidung auf. Dazu gab es noch einige urtümliche Instrumente zu bestaunen, von denen die „Strohgeige“ sicherlich das auffälligste war. 

Das auch als „Trichtergeige“ bekannte Instrument kommt ohne hölzernen Resonanzboden aus und schickt seine Schwingungen über einen Metalltrichter in die Welt - ähnlich wie Blasinstrumente und ein Grammophon. Letzteres hätte als Dekoration bestens in die Zeit gepasst, aus der das Publikum diverse und zuweilen auch perverse bis bösartige Perlen bestaunen durfte. 

Denn was soll man sagen zu einem Lied wie „Ich fahr mit meiner Klara in die Sahara zu den wilden Tieren“? Denn es ging weniger um das gemeinsame Abenteuer als vielmehr um ein Entsorgungsproblem: „Da kommt ein wilder Löwe und frisst mir meine Klara weg. Jetzt fahr ich ohne Klärchen aus dem Sahaerchen in die Heimat zurück.“ Bei so viel grausamem Grusel war Fio Krauss, der Spezialist für Geige und Strohgeige gefragt, der die arme Klara auf seiner singenden Säge verabschiedete. 

Aus der weiten Welt der Beziehungsdramen stammte auch ein weiteres Lied, das Sängerin Ilka Ataolcay Pelgen einem gewissen Thomas aus dem Publikum widmete: „Du bist als Kind zu heiß gebadet worden, dabei ist dir bestimmt geschadet worden.“ Das Fazit war klar: Das Interesse an diesem Typen ging gegen Null. Nicht ganz aussichtslos schien ein dritter Fall: Mit einem vorgeschalteten zwölfmaligen „Bitte“ verlangte die Sopranistin Erna Sack einst „geh - lass mich ein. Wann wirst du mein?“ Das gab Anlass für einen von Refrain zu Refrain kräftiger werdenden Besucherchor voller Bitten. 

Christoph Pelgen, der die meisten Lieder sang, führte auch durch das Programm und in das Leben dieser Erna Sack, ihr „fledermausartiges Falsett“ und ihr Nachleben in Form einer in Schorndorf bei Stuttgart zu erwerbenden Erna-Sack-Torte ein. Wer dieses Prachtstück nachbacken möchte, muss nur die entsprechenden Stichworte googeln. Der Sänger war es auch, der das Publikum kräftig aufmischte: Nach dem eindeutig mehrdeutigen Schlager „Die Polizei regelt den Verkehr“ wunderte er sich, dass es „zack wieder mucksmäuschenstill“ im Publikum wurde. „Man hat das Gefühl, man sitzt in einem Pharaonengrab bei euch.“ 

Das - verbunden mit weiteren Ausfällen gegen die angeblich zurückhaltende Art der Altenaer und Sauerländer - führte zu einer kraftvollen Reaktion: So etwas wollten die Besucher nicht auf sich sitzen lassen. Und so führte die Verteilung diverser Percussion-Preziosen nicht nur zu musikalischer Ergänzung des Dargebotenen, sondern auch zu intensivierten Beifallskundgebungen.

 „Haltet mal an euch! Jetzt ist mal Ruhe hier“, versuchte Christoph Pelgen das Getöse wieder in seine Zauberflasche zu bannen. Unbedingt erwähnenswert ist noch eine Ballade für Herz und Gemüt, die Charlotte Pelgen sang: „Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann möcht’ ich etwas glücklich sein.“ Denn das Lied mündet in die großartige und geradezu philosophische Zeile: „Wenn ich allzu glücklich wäre, hätt’ ich Heimweh nach dem Traurigsein.“ Es wäre nicht fair, die reinen Instrumentalisten zu verschweigen, denen der Schalk ebenfalls im Nacken saß: Bassist Martin Nohl dirigierte das Publikum zuweilen mit hochgehaltenen Hinweistafeln, Schlagzeuger Thomas Eifert ergänzte sein Schlagzeug durch diverse Krachmacher, und Yogi Rainer Zellner spielte - wie Sängerin Ilka - eine Gibson-Mandoline. 

„Das war schön - mir hat es sehr gefallen“, sprach Besucherin Christa nach Zugaben sicherlich allen aus dem Herzen. Schade war nur, dass viele Plätze im Saal der Burg Holtzbrinck frei blieben. Das nährt die Sorge, dass es solche Veranstaltungen mangels Interesse irgendwann nicht mehr geben könnte.

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