Größter Breitensport-Verein in Altena

Coronavirus stellt SV Altena vor Herkulesaufgaben

Das Leitungsteam des SV Altena: (v.l.) Jan Zanger, Henning Marquardt, Jan Waschke und der sportliche Leiter Stefan Rohde am Tag der Verschmelzung von TSV und MTV in den SV Altena im Jahr 2019.
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Das Leitungsteam des SV Altena: (v.l.) Jan Zanger, Henning Marquardt, Jan Waschke und der sportliche Leiter Stefan Rohde am Tag der Verschmelzung von TSV und MTV in den SV Altena im Jahr 2019.

Seit Ende Oktober ruht beim SV Altena der Übungs- und Trainingsbetrieb. Der Lockdown light hat den großen Altenaer Breitensportverein mit rund 700 Mitgliedern gezwungen, die Vielzahl an Angeboten herunterzufahren. Wird dieser Lockdown nachhaltig Spuren hinterlassen beim SV Altena? Jan Waschke, Henning Marquardt und Jan Zanger aus dem Leitungsteam des SV Altena finden Antworten.

Der SV Altena wurde 2018 neu gegründet und hat durch Verschmelzung die Traditionsvereine MTV und TSV aufgenommen. Zwei Jahre nach der Gründung steht der Verein vor einer Herkulesaufgabe. Ist der SV Altena bereits gefestigt genug, um die Corona-Krise zu meistern oder gibt es schon die ersten Kratzer?
Jan Zanger: Wir sind aus zwei starken Vereinen gekommen. Und zwei alte starke Vereine ergeben einen neuen starken Verein. Wobei die Herausforderungen, die man natürlich hat mit der erneuten kompletten Einstellung des Sportbetriebes, die Sache insgesamt nicht einfacher machen.
Jan Waschke: Wir haben gerade erst die Beiträge eingezogen und die Mitgliederstände aktualisiert. Da zeigt sich auch, dass wir trotz der Corona-Krise und trotz der Tatsache, dass wir jetzt zum ersten Mal den Beitrag für den neuen Verein eingezogen haben, nicht mehr Abmeldungen haben als üblicherweise, wenn ein Beitragseinzug ansteht. Wir konnten sogar auch während der Corona-Zeit durchaus ein paar neue Mitglieder dazugewinnen. Von daher ist alles im Rahmen. Aber klar: Wir sind sicher nicht so gut gestartet, wie wir uns das vorgestellt hatten, weil wir schlichtweg eingebremst wurden durch die Pandemie. Trotzdem sind wir gestärkt.
Auch Ihr Verein hat im Sommer Zeit und Kraft investiert, um Hygienekonzepte zu erstellen – und hat sie dann auch erfolgreich umgesetzt. Sind dennoch zwischen erstem und zweiten Lockdown Mitglieder fern geblieben aus Angst vor einer Infektion oder waren die Kurse so frequentiert wie vor der Corona-Krise?
Jan Zanger: Teils teils. Viele Mitglieder hatten schon Lust, Sport zu machen und sind auch gekommen. Aber umso mehr es dann Richtung Herbst ging, konnte man schon wahrnehmen, dass die Leute sich ein Stück weit zurückgezogen haben. Viele haben sich auf Kontakte in der Familie, im Beruf oder auf Kontakte in der Schule beschränkt. Je näher wir dem zweiten Lockdown gekommen sind, desto weniger Leute sind zu unseren Angeboten gekommen
Ja.n Waschke: Man merkt deutlich, dass das Bewusstsein für die Pandemie verstärkt war vor und während des zweiten Lockdowns. Beim ersten Mal war das für uns alle ja irgendwie eine ganz neue Situation, da mussten auch wir beim SV Altena schnelle Entscheidungen treffen. Das war auch nicht immer so ganz einfach, weil man keine Blaupause hatte. Aber jetzt merkt man, dass das Bewusstsein in Bezug auf die Pandemie da ist und die Vorsicht überwiegt. Es hat auch Kurse bei uns gegeben, in denen gesagt wurde, „wir fahren von uns aus mal einen Gang zurück.“ Gerade die älteren Mitglieder haben gesagt: „Wir sind sehr vorsichtig.“
Der SV Altena bietet unter anderem Gesundheitssport an. Stichworte sind Herzgesundheit oder Rückenschule. Das sind wichtige Kurse, die nicht mehr angeboten werden können. Oder gibt es Alternativen?
Jan Waschke: Wir haben aktuell keine Alternative. Nehmen wir das Beispiel Herzsport: Da arbeiten wir mit drei Ärzten aus Altena zusammen, mit denen wir uns regelmäßig abstimmen und darüber austauschen, wann man dieses Programm wieder öffnen kann. Es gilt ganz klar: Gesundheit und der Schutz vor einer Infektion gehen vor. Deswegen ist momentan noch keine Abhilfe zu schaffen.
Der SV Altena ist mehr als ein Sportverein. Es geht auch um Geselligkeit nach der sportlichen Aktivität, um Freundschaften, ums Beisammensein. Wie schmerzhaft ist diesbezüglich der Lockdown?
Jan Zanger: Ich denke, dass das für manches Mitglied sogar noch schlimmer ist als das Herunterfahren des sportlichen Betriebs. Da denke ich zum Beispiel an die Treffen in der Hütte, wo einfach die Gemeinschaft und das Miteinander gelebt wird. Wo man unter sich ist, wo man unter Freunden ist. Es geht dort teilweise um über Jahrzehnte gewachsene Verbindungen, um Freundschaften.
Henning Marquardt: Das ist schon sehr schmerzhaft. Insbesondere für die Gruppen, die eben nicht nur wegen des Sports zusammenkommen. So wie beispielsweise die Alten Herren, für die die Geselligkeit im Verein eine ganz, ganz wichtige Sache sind. Aber auch in den anderen Gruppen und Kursen fehlt das menschliche Miteinander, der Austausch. Grundsätzlich ist es ja so, dass man durch den Lockdown wenig Kontakte zu anderen hat. Und die sozialen Kontakte im Sportverein fallen jetzt auch weg. Leider.
Es gibt seit der Pandemie einen eigenen Youtube-Kanal des SV Altena. Dort haben Übungsleiter Video-Trainings eingestellt. Wie ist das bisherige Feedback?
Jan Zanger: Wir haben das in der ersten Lockdown-Phase initiiert. In den Chatgruppen hatten Übungsleiter zunächst Trainingsübungen verschickt. Wir fanden das eine super Aktion und haben dann gesagt: „Warum sollen wir das Ganze nicht auf einer Plattform für alle Mitglieder zur Verfügung stellen?“ Insgesamt ist es natürlich problematischer, wenn man diese Videos bei Youtube einstellt. Man muss rechtliche Sachen beachten, beispielsweise das Thema Hintergrundmusik. Auch deswegen ist die vorhandene Auswahl nicht so groß, wie es möglich gewesen wäre. Aber das Feedback ist sehr positiv.
Henning Marquardt: Während der ersten Lockdown-Phase gab es fast überall eine Art Hype, über Video-Trainings die Leute zu motivieren. Jetzt habe ich den Eindruck, dass in der zweiten Lockdown-Phase die Motivation doch abgenommen hat.
Fitness- oder Trainingsvideos auf Youtube sind sicherlich nicht jedermanns Sache. Wie erreichen Sie Seniorinnen und Senioren, die beim SV Altena aktiv sind, in dieser schwierigen Zeit?
Henning Marquardt: Es ist doch so, dass im Moment fast gar nichts mehr stattfindet beziehungsweise stattfinden kann. Sämtliche Veranstaltungen wurden zurückgefahren. Die Senioren stehen sicherlich in Kontakt zueinander, aber das auch nur sehr sporadisch. Das Kontakthalten ist sehr schwierig. Wir vom SV Altena haben auch daher vor, schriftliche Statusberichte vom Vorstand herauszugeben.
Jan Zanger: Die Kommunikation ist ein Riesenthema. Die Jahreshauptversammlung, in der wir berichten können über das Geschehen im Verein, ist als Plattform in diesem Jahr ausgefallen. Es gibt Übungsleiter, die in und mit ihren Gruppen kommunizieren. Aber es gibt eben auch Mitglieder, die wir gar nicht oder nur ganz schwer erreichen können. Genau deswegen wollen wir mit einem Brief, mit einem Statusbericht, möglichst alle erreichen. Wir wollen die Mitglieder auf dem Laufenden halten über das, was in letzter Zeit passiert ist. Wir wollen alle mitnehmen.
Es haben bereits etliche Vereine und auch die Kreissportbünde Sorgen geäußert, dass es wegen der Pandemie zu einem Mitgliederschwund kommen könnte. Teilen Sie diese Sorgen? Und was hätte ein Mitgliederrückgang und damit einhergehende Verluste von Beiträgen für Auswirkungen?
Jan Waschke: Die Sorge teile ich, auch wenn sich bei unserem aktuellen Beitragslauf gezeigt hat, dass die Rückbuchungen in einem völlig normalen Rahmen liegen. Wir hoffen natürlich, dass das so bleibt und appellieren an die Mitglieder, dem Verein auch in dieser Zeit zur Seite zu stehen. Wir sind auf jeden Euro angewiesen. Das gilt sicherlich für alle Sportvereine und nicht nur für uns. Sollten wir einen nachhaltigen Mitgliederschwund verzeichnen, dann würde uns das schon ein Stück weit zurückwerfen. Das wäre hart, weil man dann eine gewisse Zeit benötigen würde, um das wieder aufzuholen.
Henning Marquardt: Man muss in zwei Richtungen denken. Einmal sind es möglicherweise die aktiven Mitglieder, die sich fragen werden, ob es sich lohnt, bei ausbleibenden Angeboten im Verein zu bleiben. Auf der anderen Seite haben wir auch einen großen Teil an passiven Mitgliedern, von denen vielleicht der eine oder andere in dieser Zeit seine Ausgaben auf den Prüfstand stellt – weil man beispielsweise in Kurzarbeit ist. Unter Umständen taucht bei dieser Überprüfung, wo man Geld einsparen kann, auch der Vereinsbeitrag auf. Das ist eine Besorgnis, die man durchaus im Hinterkopf haben muss.
Kinder dürfen in der Schule weiterhin Sport treiben. Nach der Schule aber ist Vereinssport auch für die Kids verboten. Dieses Thema wurde und wird vielerorts heiß diskutiert. Halten Sie die vorgegebenen Maßnahmen und Entscheidungen für vertretbar?
Jan Waschke: Ich habe im Radio kürzlich wieder gehört, dass bei kleinen Kindern das Infektionsrisiko eher gering sei, ältere Kinder aber durchaus auch Treiber der Pandemie sein könnten. Es wird bei der Beantwortung dieser wirklich schwierigen Frage wohl auch kein Richtig oder Falsch geben. Es wird sehr viel diskutiert, das ist ein bisschen so wie beim Fußball. Es gibt 81 Millionen Bundestrainer – und aktuell gibt es auch gefühlt 81 Millionen Virologen in Deutschland. Jeder hat eine Meinung. Ich persönlich habe Vertrauen in unsere Regierung, weil sie das Beste für uns alle erreichen will. Es gibt keine Blaupausen, es gibt nicht die Möglichkeit zu sagen: „Wir haben das vor 20 Jahren so und so gemacht und das war gut und das nicht.“ Dass man im November die Sportstätten und damit auch die Vereine erstmal zugemacht hat und generell versucht, die Kontakte aufgrund der hohen Infektionszahlen herunterzufahren, das halte ich für richtig.
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Henning Marquardt: Die Kinder sitzen im Klassenraum zusammen. Deswegen kann man auch irgendwo nachvollziehen, dass sie auch gemeinsam Sportunterricht haben. Ob Sport im Moment ein notwendiger Unterricht ist, diese Frage kann man natürlich stellen. Klar aber ist doch: Je mehr Leute ich treffe, desto höher ist das Infektionsrisiko. Beim Vereinssport treffen die Kinder auch auf andere Kinder, die sie vormittags unter Umständen eben nicht sehen, zu denen sie keinen Kontakt haben. Weil sie in anderen Klassen sind, weil sie in anderen Schulen sind. Der Kreis der Personen, die sich treffen, wird durch den Vereinssport vergrößert. Wenn man Kontakte minimieren will, muss man gewisse Dinge einfach in dieser Zeit einstellen. Das ist leider so.
Jan Zanger: Ich stimme Henning voll und ganz zu. Durch den Vereinssport würden wir im Prinzip die Gruppen, die es in dieser schwierigen Zeit aufrechtzuerhalten gilt – Kindergärten und Schulen – mit anderen Gruppen im Freizeitsport mischen. Das ist für mich das nachvollziehbarste Argument, warum Schulsport erlaubt ist, Vereinssport in diesem Lockdown aber nicht.
Die Jahreshauptversammlung 2020 musste aufgrund der Pandemie verschoben werden. Dennoch wollen Sie Ihre Mitglieder zum Jahresende auf dem Laufenden halten. Was genau haben Sie geplant?
Jan Zanger: Wir haben viele Informationen auf unserer Homepage zusammengestellt, die aber nicht für alle Altersklassen das richtige Medium ist. Auf unserer JHV berichten wir immer sehr umfassend. Wir berichten unter anderem über den Sportbetrieb, über Projekte, über neue Entwicklungen. Wir stellen uns jetzt vor, dass all das, was wir an Informationen haben, komprimiert auf ein paar Seiten aufbereitet und von uns zur Verfügung gestellt wird. Damit sich die Mitglieder ein Bild davon machen können, was im letzten Jahr gelaufen ist beim SV Altena. Und es hat sich im Hintergrund sehr viel getan.
Der SV Altena ist ein noch sehr junger Verein. Fühlt es sich auch an wie ein Verein oder gibt es hier und da noch das Schubladendenken in TSV und MTV Altena?
Henning Marquardt: Es gibt nicht unbedingt dieses Vereinsdenken, sondern eher ein Denken in der Gruppe. Es ist immer so gewesen, dass es innerhalb der Gruppen oder der Abteilungen einen relativ regen Austausch gegeben hat oder Aktivitäten stattfanden, aber gruppenübergreifend das eher weniger der Fall war. Sowohl beim MTV als auch beim TSV. Die Fußballer haben beispielsweise mit den Volleyballern klassischerweise wenig zu tun. Wir haben Mitglieder, die zwar überwiegend in ihrer Gruppe oder Abteilung unterwegs sind, aber sich schon als Teil des SV Altena sehen. Und das auch noch außen transportieren, beispielsweise mit T-Shirts mit dem Logo des neuen Vereins.
Jan Zanger: Auf der Vorstandsebene gibt es eine super Zusammenarbeit, das klappt tiptop. Das muss man mal ganz klar so sagen. Es gibt, wie Henning es schon sagte, natürlich Gruppen im SV Altena, die aus ihren alten Vereinen mit jahrelanger Vergangenheit hervorgegangen sind. Diese Gruppen wachsen Stück für Stück zusammen. Corona macht es uns momentan aber nicht einfacher, die Gruppen noch näher zusammenzubringen. Aber wir wachsen zusammen. Das ist ein Prozess über mehrere Jahre, und das war uns auch vor der Verschmelzung klar. Wenn man es so formulieren möchte: Wir sind der SV Altena mit vielen verschiedenen Gruppen.

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