Experten antworten

Was macht das Coronavirus mit der heimischen Wirtschaft?

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Die Drahtindustrie ist stark betroffen von den Einbrüchen durch die Corona-Pandemie.

Lennetal - Die Wirtschaft ächzt unter der Corona-Pandemie. Wie schwer die Industrie leidet und welche Hilfen sinnvoll sind, erläutern Experten.

Wie hart trifft die Corona-Krise die Industrie bisher? 

Der Arbeitgeberverband habe dazu eine Umfrage unter seinen Mitgliedern durchgeführt, berichtet Özgür Gökce. Praktisch alle der 150 Betriebe, die geantwortet haben, befürchten negative Auswirkungen, 49 Prozent sogar „starke negative Auswirkungen“. Etwa die Hälfte setzt bereits Kurzarbeit ein – Tendenz steigend. 

Kai Hagen von der Sparkasse meint, dass die Region Südwestfalen wegen des hohen Industrialisierungsgrades besonders stark getroffen werde und dass dieser Sektor schon im zweiten Halbjahr 2019 gelitten habe. Er sei schon geschwächt in die Krise gerutscht. „Durch den temporären Produktionsstopp bei einigen großen Automobilzulieferern kommt es jetzt nahezu flächendeckend zu Kurzarbeit beziehungsweise zu Schließungen.“ 

Fabian Schleithoff (SIHK) berichtet von Umsatzrückgängen von bis zu 50 Prozent: „Aufträge werden storniert, Investitionen zurückgefahren.“ 

Gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Branchen? 

„Natürlich sind die Automobilzulieferer besonders tangiert. Insbesondere Unternehmen mit vielen internationalen Geschäftsbeziehungen sind grundsätzlich stark betroffen“, sagt Özgür Gökce. Zahlreiche grenzüberschreitende Lieferketten seien kurzfristig zusammengebrochen. 

Kleine Betriebe hätten außerdem andere Probleme als große. Ihnen fehlen häufig einfach die personellen Ressourcen, um Kredite oder sonstige Unterstützung zu beantragen. 

Kai Hagen blickt bei der Beurteilung der Situation vor allem auf die Drahtindustrie: „Kaltstauchdraht, der in der Regel für den Automobilbau vorgesehen ist, ist sehr deutlich betroffen, während es bei Stahldraht, der für andere Branchen eingesetzt wird, darunter auch beim Bau, noch ungetrübter aussieht.“ 

Entscheidend sei der Produktmix. Besser dran seien Unternehmen, die nicht nur für eine einzige Branche zuliefern würden. 

Coronavirus im MK:  Unterschiedliche Probleme in Branchen

Fabian Schleithoff blickt für die SIHK auch auf Handel und Dienstleister: „Die Reisewirtschaft, das Gastgewerbe und der Einzelhandel sind aufgrund der derzeitigen Regelungen in weiten Teilen von einem Stillstand ihrer geschäftlichen Tätigkeit betroffen.“ Das führe häufig zu Liquiditätsengpässen, unter anderem aufgrund von Stornierungen von Aufträgen. 

Ganz andere Sorgen plagen hingegen die Gesundheitswirtschaft, und zwar wegen fehlender Produkte wie Schutzmasken und Desinfektionsmittel, die unter anderem auf Engpässe in der Produktion und Logistik zurückzuführen seien. 

Gibt es schon Entlassungen? 

Die Antworten dazu fallen sehr unterschiedlich aus. Der Arbeitgeberverband sieht dafür keine Anzeichen: „Der Mittelstand weiß um den Wert seiner Fachkräfte.“ Die neue Kurzarbeiterregelung trage dazu bei, in den Firmen Arbeitsplätze zu sichern. 

Auf die teilweise massiv zu verzeichnenden Umsatzeinbrüche müssten die Unternehmen reagieren, sagt die Volksbank: „Wir stellen in unseren Beratungen aber fest, dass die Unternehmen so lange wie möglich von Entlassungen absehen wollen.“ Ob das so bleibt, hänge stark davon ab, wie lange die Corona-Pandemie noch andauern wird. 

+++ Alle aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im MK lesen Sie hier in unserem Ticker +++

Die SIHK verweist auf eine Umfrage, nach der die Hälfte der Betriebe wegen der Krise über einen Personalabbau nachdenke. „Von Entlassungen hört man bis zum jetzigen Zeitpunkt allerdings nur vereinzelt.“ 

Coronavirus im MK: Nach Stillstand kommt Wachstum

Seitens der Sparkasse heißt es, Entlassungen seien absehbar, „weil Unternehmen sich durch deutliche Kosteneinsparungen wieder wettbewerbsfähig machen wollen“. Das Geldinstitut appelliert, mit Augenmaß zu handeln – auch, weil es für die Zukunft nicht schwarz sieht: „Für die Zeit nach Corona gehen wir von großen Nachholeffekten aus, was nach deutlicher Schrumpfung der Wirtschaft in diesem Jahr zu einem starken Wachstum führen wird“, meint Kai Hagen. 

Haben Sie Befürchtungen, dass Firmen die Krise nicht überstehen?

 „Einige Firmen werden die Krise nicht überstehen“, sagte Kai Hagen und weist darauf hin, dass das in Krisenzeiten nicht ungewöhnlich sei. Ursächlich sei in diesen Fällen aber nicht die Krise, sondern eine schon vorher vorhandene Bonitätsschwäche. 

Auch Roland Krebs glaubt, „dass es am Ende nicht jedes Unternehmen schaffen wird“. Seine Hoffnung sei es, „dass man die Pandemie möglichst schnell in den Griff bekommen wird und die Wirtschaft anschließend zügig wieder hochgefahren werden kann“. 

Coronavirus im MK: Viele Firmen voller Hoffnung

Optimismus und Anerkennungen schwingen mit im Statement von Özgür Gökce: „Einen Flächenbrand würde ich momentan ausschließen. Vielmehr beeindruckt mich, wie innovativ und flexibel manche Unternehmen sind. Sie erweitern ihre Produktion kurzerhand um Produkte wie Hygienewände oder Beatmungsschläuche“, berichtet er. 

Die Mehrheit der Firmen seien davon überzeugt, dass sie nach der Krise die Verluste wieder aufholen können. Für Fabian Schleithoff hängt viel von den Rettungsprogrammen der öffentlichen Hand ab, die weitestgehend reibungslos liefen und von den Firmen gut angenommen würden. „Wir hoffen, dass das Geld nun schnell in den Unternehmen ankommt, für die es bislang keine passenden Hilfen gab.“ 

Welche staatlichen Hilfen erwarten die Firmen? 

Von einer „Mittelstandslücke“ spricht die SIHK mit Hinweis auf die vielen Firmen mit mehr als 50 Mitarbeitern, die bislang keine Zuschüsse erhalten. Nicht allen Unternehmen sei mit Krediten geholfen. 

Eine weitere Gruppe, die bei den Soforthilfen mehr Beachtung finden müsse, seien Gründer, die ihr Unternehmen in diesem Jahr aufgebaut hätten. Sie seien häufig genauso von Schließungen betroffen, hätten investiert und müssten Kredite zurückzahlen. „Wenn die NRW-Landesregierung hier nicht weiter nachlegt, haben zahlreiche Unternehmen in Nordrhein-Westfalens stärkster Industrieregion absolut düstere Aussichten“, meint die Kammer. 

Coronavirus im MK: Mehr Hilfen für Mittelstand

Auch der Arbeitgeberverband mahnt Soforthilfen und Zuschüsse für den Mittelstand an. Von der Sparkasse kommt Lob für das rasche Eingreifen des Staates: „Man muss der Bundesregierung und sicherlich auch den Landesregierungen ein großes Kompliment machen für deren schnelles Handeln. Das kostet zwar irres Geld, aber dieser keynesianische Ansatz ist richtig.“ 

Veränderungsbedarf gebe es, was die Laufzeit angeht. Auch sonstige Bedingungen müssten noch optimiert werden, gerade wenn es um bonitätsschwächere Unternehmen gehe. Die Kreditinstitute dürfen über ein spezielles Programm der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) bis zu drei Millionen Euro vergeben, „damit kann das Gros unserer mittelständischen Unternehmen befriedigt werden. Bei Mehrbedarf, hier haben wir auch bereits einige Anträge auf dem Tisch, ist das Verfahren etwas aufwendiger, aber auch machbar“. 

Welche konkreten Hilfen können Firmen im Moment von Banken und Institutionen erwarten? 

"Wir versorgen unsere Unternehmen mit relevanten Informationen und Handlungsempfehlungen“, verspricht Özgür Gökce und betont, dass die Krise natürlich auch sehr viele arbeitsrechtliche Fragen aufgeworfen habe: „Bei unseren Verbandsjuristen stehen die Telefone nicht still.“ 

„Im Hinblick auf die Soforthilfen für den Mittelstand arbeiten wir daran, in Gesprächen und gemeinsam mit Partnern Lösungen anzustoßen“, verrät Gökce. „Die SIHK bündelt zurzeit ihre Ressourcen, um über alle aktuellen Entwicklungen zur Corona-Krise, Hinweise und Hilfestellungen zu informieren und zu beraten“, erklärt Fabian Schleithoff. Tagesaktuelle Informationen veröffentliche die Kammer im Internet unter www.sihk.de/coronavirus. Es gebe auch eine Krisen-Hotline unter Telefon 0 23 31/39 03 33 oder E-Mail an krisenhotline@hagen.ihk.de. 

Coronavirus im MK: 2,5 Millionen für kleinere Firmen

Kai Hagen verweist zum einen auf die Firmenkundenberater der Sparkasse, die den Firmen den Weg durch den Förder-Dschungel weisen könnten. Zum anderen berichtet er, dass das Unternehmen schon sehr früh, nämlich am 18. März, ein eigenes Soforthilfeprogramm auf den Weg gebracht habe. 

2,5 Millionen Euro wurden zur Verfügung gestellt, um kleineren Firmen- und Gewerbekunden und dem Handwerk in Notsituationen zu helfen. „Was soll zum Beispiel ein Reisebüro tun, das nicht nur so gut wie keine neuen Buchungen hat, sondern bereits vereinnahmte Provisionen durch Storni der Kunden seitens der Reiseveranstalter einfach wieder vom Konto abgebucht bekommt?“, schildert er eines der vielen Probleme. 

Dieses vermeintlich einfache Beispiel des Reisebüros vor Ort zeige auch die Komplexität der Zusammenhänge in der Wirtschaft. „Das Ruhen vieler Wirtschaftszweige hat stärkste Auswirkungen bis in das kleinste Unternehmen vor Ort. Daher ist es wichtig, dass die Politik unter genauester Abwägung aller Umstände rechtzeitig beginnt, die bisher richtigen Maßnahmen peu à peu aufzuweichen und am Ende auslaufen zu lassen“, mahnt Hagen. 

Coronavirus im MK: Bedarf an Beratungen steigt

Roland Krebs von der Volksbank berichtet von einem großen Informationsbedürfnis seitens der Unternehmer: „Als Volksbank sehen wir es als unseren Auftrag, Gewerbetreibende und Unternehmen – egal ob klein oder groß – besonders in solch’ schwierigen Zeiten, wie wir sie gerade erleben, intensiv zu begleiten, ihnen Informationen zur Verfügung zu stellen und zu Unterstützungsangeboten zu beraten“, sagt er. Auch bei der Volksbank wurde inzwischen eine Corona-Soforthilfe ins Leben gerufen. 

Zudem registriere man verstärkt Anfragen nach möglichen Tilgungsaussetzungen von Krediten. Das beziehe sich sowohl auf den Bereich der Firmen- als auch der Privatkunden.

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