OB-Wahl in Dortmund: So macht Altenas Bürgermeister Wahlkampf in Corona-Zeiten

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Das Thema Prostitution war in Altena nicht relevant. In Dortmund sieht das ganz anders aus. Hollstein informierte sich bei einem Treffen in der „Mitternachtsmission“ Dortmund über die Situation in der Stadt und diskutierte mit.

Altena –Der Wahlkampf läuft völlig anders als gedacht - über soziale Medien statt persönlich. Glücklich ist Dr. Andreas Hollstein darüber nicht. Einblicke ins Leben des  Altenaer Bürgermeisters zwischen Burg- und Bierstadt.

Donnerstag, 18.15 Uhr: Mehr als neuneinhalb Stunden Dienst liegen hinter Dr. Andreas Hollstein in seinem Rathaus-Amtszimmer an der Lüdenscheider Straße. „Der Alltag hat sich nicht verändert“, schmunzelt der scheidende Bürgermeister (CDU). 

Feierabend und damit private Freizeit hat er aber noch lange nicht. Dortmund ruft! Es ist schließlich Wahlkampfzeit und Hollstein möchte neuer Oberbürgermeister der Westfalenmetropole werden. 

Geplant ist heute ein Treffen mit geladenen Gästen in der „Mitternachtsmission“, um sich über Prostitution in der Stadt auszutauschen. Einem Vortrag folgt auch eine Diskussion – Ende offen. Kurz zuhause frisch machen und dann geht es mit dem eigenen Auto Richtung Ruhrgebiet. 

Coronavirus: Wahlkampf am Smartphone

Hollstein fährt die 28-Kilometer-Strecke mittlerweile „fast im Schlaf“. Doch der Wahlkämpfer kann seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie nicht so an- und auftreten, wie er will. „Corona hat alles verändert. Mich auch“, sagt Hollstein und hantiert mit seinem Handy. Das Smartphone ist für den Wahlkämpfer noch unentbehrlicher geworden als ohne Corona. 

Neben dem persönlichen Kontakt, den der vierfache Familienvater unter Einhaltung aller Schutzmaßnahmen „natürlich nach wie vor präferiert“, setzt der CDU-Herausforderer auf Social Media. Neben Facebook ist das insbesondere Instagram oder der Nachrichtendienst Twitter. 15 Frauen und Männer gehören zum ständigen Wahlkampfteam, täglich gibt es Posts in den sozialen Medien. 

Auch Live-Talkrunden per Video, bei denen sich die OB-Kandidaten einen Schlagabtausch liefern, gehören zum Wahlkampf.

Hier geht es zum Corona-Newsticker im Märkischen Kreis.

3600 Klinken geputzt

Die Stadt sei ihm nie fremd gewesen, aber er habe sich im letzten dreiviertel Jahr den Raum und das Umfeld „noch intensiver erarbeitet“. Da sieht er durchaus Parallelen zu Altena. „Als ich zum ersten Mal Bürgermeister von Altena wurde, habe ich im Wahlkampf 1994 mehr als 3600 Klinken geputzt. Hausbesuche werde ich auch in Dortmund machen. Zurzeit ist das wegen Corona fast unmöglich.“ 

Die Plakate für die Wahl am 13. September werden bereits gedruckt, die Flyer sind bestellt. Bald hängt sein Konterfei überall in Dortmund.

Ortstermin in Dortmund mit Vertretern des Gesamtverbandes der Deutschen Wohnungswirtschaft. Die Gruppe informierte sich über die aktuelle Wohnungsbaupolitik.

Hat er trotz Corona nach eigener Ansicht bereits einen guten Bekanntheitsgrad erreicht? Hollstein bezieht sich auf Umfragen der Ruhrnachrichten, die die Bewerber von CDU, SPD und Grüne in Dortmund in einem Ranking vorgestellt haben. 

Mit elf Prozent Bekanntheit liegt er vier Punkte hinter dem SPD-Mann Thomas Westphal und sieben Punkte hinter der bereits mehrfach für die Grünen als OB-Kandidatin angetretenen Stadtmitarbeiterin Daniela Schneckenburger, die das Ranking mit 18 Punkten anführt. 

Statistisch gesehen wächst die Beliebtheit

„Damit kann ich zurzeit gut leben, das ist ausbaufähig“, sagt Hollstein. Als „Rückwind unter meine Flügel“ bezeichnet er eine weitere Umfrage der Dortmunder Ruhrnachrichten, datiert von Ende Mai. 

Diese sah Hollstein, wäre die Wahl am letzten Sonntag im Mai gewesen, bei 31 Punkten. Da trennten ihn nur vier Punkte vom Spitzenkandidaten der SPD, Hollstein lag aber elf Prozent vor der Grünen-Bewerberin, der damals 20 Prozent der Bevölkerung ihre Stimme gegeben hätten. 

Wahlkampf 2020 – das heißt in Dortmund auch, auf vielen Podien zu sitzen, sich mit den Mitbewerbern im Streitgespräch stellen. „Das geschieht coronabedingt häufig über Video-Schaltungen. Ich finde, das ist kein gutes Format, aber es muss halt gehen.“ 

Zusätzlichen Rückenwind erhofft er sich von Landes- und Bundespolitikern, die angekündigt haben, ihn im Wahlkampf persönlich unterstützen zu wollen. 

Kein Problem mit "Kleinstadt-Bürgermeister"

In Dortmund Chef einer Verwaltung mit 9000 Mitarbeitern zu werden – in Altena waren es zuletzt weniger als 150 Mitarbeiter – ist eine Herausforderung. Gibt es von OB-Mitbewerbern oder Bürgern kritische Stimmen und wie geht der Kandidat damit um? 

Hollstein ficht es nicht an, wenn er „Kleinstadt-Bürgermeister“ genannt oder mit dem Satz „Der kommt ja gar nicht aus Dortmund“, konfrontiert wird. Er erinnere dann immer daran, dass ein gewisser Jürgen Klopp einmal Zweitliga-Spieler war und sich dann Stück für Stück als Trainer profilierte bis zum Gewinn der Champions League. 

„Dortmund ist für mich und meine Familie stets ein Ort gewesen, an dem wir Kultur erlebt, Fußballspiele besucht oder sonstige Kontakte gepflegt haben.“ Beispielhaft erinnert er an sein Abonnement für das Konzerthaus. Der Westfale äußert sich nicht negativ über seine Mitbewerber, hält das für schlechten Stil.

SPD-Bastion schwer einzunehmen

Doch wenn ihm vorgehalten wird, kein gebürtiger Dortmunder zu sein, weise er schon einmal darauf hin, dass der SPD-Kandidat gebürtig aus Lübeck, die Grünen-Frontfrau aus dem Baden-Württemberg oder Ulrich Sierau, der scheidende OB, aus Halle in Mitteldeutschland stammen und zu Dortmundern geworden sind. 

Ob eine der großen drei Parteien den Sprung über die 50-Prozent-Hürde schafft, bezweifelt der Burgstädter. Doch er sagt auch: „74 Jahre SPD-Mehrheit in Dortmund, das ist eine lange Zeit. Das zu ändern ist und bleibt schwierig.“ 

Im Gespräch bemüht Hollstein erneut einen Fußball-Vergleich. Wenn Fortuna Düsseldorf gegen den FC Bayern antritt, heiße es häufig, die Rheinländer seien doch chancenlos. „Wirklich? Für mich ist die Bewerbung um das Amt des OB auch der Reiz gewesen, Unmögliches zu schaffen.“ 

Urlaub: Ruhrpott statt Kanada

In Altena sei es schließlich für ihn als junger Mann in einer SPD-Hochburg auch nicht einfach gewesen. „Ich bin jetzt 57 Jahre alt und suche noch eine berufliche Perspektive für zehn Jahre. Ja, ich hatte andere Angebote, bevor ich in Dortmund zugesagt habe, aber ich will es wagen, ich will gewinnen. Dortmund hat so viel Potenzial.“ 

Die Hollsteins’ wollten in diesem Jahr eigentlich nach Kanada reisen. „Jetzt ist es Dortmund geworden.“ Der Kandidat aus dem Sauerland setzt an diesem Abend auf die Botschaft für die Bierstadt, die auch in seinem Instagram-Beitrag mit einem vierminütigen Film beginnt: „Jeder Mensch zählt gleich!".

Diese Kandidaten treten gegen Hollstein in Dortmund an. 

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