Schwerer Start für Azubis: Corona wirft Pläne durcheinander

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Startklar für den Job: Ausbilder Jörg Becker mit zwei von rund 80 Auszubildenden bei VDM Metals.

Der Start ins Berufsleben läuft für viele junge Menschen durch die Corona-Pandemie völlig anders als geplant. Es gibt Unsicherheiten unter den Azubis – nicht nur unter den Neueinsteigern.

Lennetal – Die Corona-Pandemie hat erhebliche Folgen für die Ausbildung vieler junger Menschen. Wir haben uns in Unternehmen vor Ort umgeschaut. Ein Überblick. 

VDM Metals, Altena und Werdohl

VDM bildet derzeit circa 80 junge Menschen aus – fast alle für den Eigenbedarf. 20 Azubis sollen in diesem Jahr neu anfangen. Nur ein neuer Azubi habe nachgefragt, ob die Ausbildung wirklich wie geplant beginnt, erinnert sich Becker. 

Wirtschaftliche Entwicklungen und die allgemeine Corona-Situation hätten für Verunsicherung gesorgt. „Die Ausbildung wird bei uns großgeschrieben. Es war nie eine Option, sie in diesem Jahr auszusetzen“, betont Ausbilder Jörg Becker. 

Bewerbungsgespräche und Einstellungstests seien zwar während des Lockdowns nicht möglich gewesen. Die meisten Stellen seien aber schon lange vor der Pandemie vergeben gewesen. Besonders stark spürten die Veränderungen diejenigen Auszubildenden, die schon 2019 bei einem der größten Arbeitgeber in der Region begonnen haben. Sie steckten mitten in der Prüfungsvorbereitung, als die Pandemie ausbrach und die Berufswelt auf den Kopf stellte. 

Lernumfeld völlig verändert

Rund eine Woche vor dem Stichtag wurde die Abschlussprüfung Teil 1 in den Herbst verschoben. Außerdem wurde der Lernort der Azubis für mehrere Wochen verlagert: Sie bekamen Aufgaben und mussten je nach Tätigkeitsfeld für zwei bis sechs Wochen von zu Hause aus arbeiten. 

Wie in vielen großen Unternehmen habe es Priorität gehabt, einem Corona-Ausbruch vorzubeugen und kleinere Gruppen zu bilden, damit im Falle einer Infektion nicht die gesamte Belegschaft ausfällt. Nach der Rückkehr in den Betrieb konnten die Azubis Erfahrungen in verschiedenen Schichten zu unterschiedlichen Zeiten sammeln – „ natürlich gemäß Jugendarbeitsschutzgesetz“, betont Becker. 

Für die Ausbilder werde es nun eine Herausforderung, die Prüfung im Herbst unterzubringen. „Es wir uns aber mit Sicherheit gelingen, das System dahingehend zu verändern“, betont Becker. Mit den Azubis, für die es Anfang August losgehen soll, stehe man in Kontakt. 

Coronavirus: Themen fließen in Ausbildung mit ein

Eine abgespeckte Form der Kennenlerntage, die in einer Jugendherberge am Möhnesee stattgefunden habe und dem Teambuilding diene, werde es auch in diesem Jahr mit diversen Schutzvorkehrungen geben, sagt Becker. Diese Tage seien wichtig: „Wenn man fünf Tage mit den Menschen dort verbracht hat, weiß man, wie sie ticken und wie man mit ihnen umgehen muss. Man sieht, wer in der Gruppe Leader ist und wer noch etwas Pflege braucht.“ 

Rein inhaltlich werde sich an der Ausbildung nicht viel ändern. „Die Corona-Pandemie und ihre Folgen werden sicherlich als Themen in den Unterricht einfließen“, so der Ausbilder. 

Davon abgesehen änderten sich aber in erster Linie nur die Hygienebedingungen: Gruppenarbeiten werden minimiert, es wird verstärkt auf Online-Lernen gesetzt, beim Arbeiten muss Mundschutz getragen werden, falls der Mindestabstand unterschritten wird. „Wir als Ausbilder müssen das korrekte Verhalten natürlich vorleben.“ 

Taskforce rund um Coronavirus

Bei VDM wurde in der Zeit des Lockdowns auch eine Taskforce eingerichtet, die nach wie vor im Unternehmen aktiv ist. Sie besteht aus Vertretern verschiedener Abteilungen, zum Beispiel der Personalabteilung und dem Gesundheitsmanagement. Becker erläutert: „Sie sammeln Zahlen, Daten und Fakten und stellen regelmäßig umfangreiche Informationsschreiben für die Mitarbeiter zusammen – bis heute.“ 

Firma Schürholz, Plettenberg 

Eine turbulente Zeit hat die Firma Schürholz, die weltweit mehr als 300 und in Plettenberg mehr als 180 Mitarbeiter beschäftigt, hinter sich. Um 70 Prozent war der Umsatz infolge der Corona-Pandemie eingebrochen. Geschäftsführer Angelo Castrignano spricht davon, dass es eine Herausforderung sei, in Zukunft alle Arbeitsplätze zu erhalten. 

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Florencia Schürholz, zweite Geschäftsführerin, sagt, dass sich die Lage inzwischen entspannt habe. „In letzter Zeit konnten wir viele neue Aufträge und Projekte akquirieren“, sagt Schürholz erfreut. Man denke daher darüber nach, die Belegschaft aus der Kurzarbeit zurückzuholen. 

Die schwierige Zeit habe bei den neuen Auszubildenden – fünf in Plettenberg und zwei im Werk in Kirchhundem – bisher keine große Angst ausgelöst. „Die Verträge waren ja schon seit Februar unterschrieben“, sagt Schürholz. Die Bewerbungen fanden noch unter normalen Bedingungen statt. Die Ausbildung selbst wird das nun nicht. 

Corona-Verhaltensplan 

Für die Firma gibt es einen Corona-Verhaltensplan. „Wenn zwei Auszubildende an einem Werkzeug arbeiten und dabei den Mindestabstand unterschreiten, müssen sie Mundschutz tragen“, erklärt Florencia Schürholz. Davon abgesehen soll der Ausbildungsbeginn normal vonstatten gehen. „Am 3. August gibt es einen Kennenlerntag. Die Auszubildenden lernen ihre Paten und Ausbilder kennen“, erklärt die Geschäftsführerin. Ebenso die Abteilungsleiter und Vertreter aus der Geschäftsführung und dem Betriebsrat. „Es wird einen Betriebsrundgang und ein gemeinsames Essen geben.“ 

Reiseclub, Werdohl

 In einer besonderen Situation befindet sich Reiseclub-Geschäftsführer Lutz Hoffmann. Er hat ab dem 1. August eine Auszubildende – offiziell zumindest. Denn inoffiziell ist Elena Ganiti schon seit Dezember 2019 im Werdohler Reisebüro beschäftigt. 

Erstes Jahr im Schnelldurchgang

Sie begann über ein Programm der Industrie- und Handwerkskammer als Langzeitpraktikantin dort. Weil sie während des Praktikums auch schon Unterricht erhielt, habe man sich darauf geeinigt, dass die Reiseclub-Auszubildende am 1. August nun bereits ins zweite Lehrjahr startet. 

Viel zu tun hat Elena Ganiti, Auszubildende im Reiseclub Werdohl, derzeit vor allem mit Stornierungen und administrativen Aufgaben.  

Für Lutz Hoffmann war es trotz der wirtschaftlich prekären Situation keine Frage, die Ausbildungsstelle anzubieten. „Diejenigen, die nicht ausbilden, sollten überlegen, dass sie auch irgendwann mal ihren Beruf gelernt haben.“ 

Das Reisebüro erlebe derzeit einen Umsatzeinbruch von 90 Prozent, sagt Hoffmann. „Kredite, Ersparnisse, Fördergelder: Wir graben jeden möglichen Fördertopf an, um uns über Wasser zu halten.“ Allerdings betont er auch: „Wir sind gut aufgestellt und haben noch Rücklagen. Uns wird es definitiv auch nach Corona weiter geben.“ 

Coronavirus: Stornos statt Buchungen

Anderen Büros oder Einzelhändlern gehe es deutlich schlechter. Dass ein Auszubildender nur Geld koste, von diesem Standpunkt hält Hoffmann nicht viel: „Ein Azubi kostet mich in den ersten zwei Jahren Geld, das stimmt. Wenn ich mich als Ausbilder bemühe, ist er aber im dritten Lehrjahr so weit, dass er alleine arbeiten kann. Dann habe ich im letzten Ausbildungsjahr eine günstige Arbeitskraft“, sagt Hoffmann zur rein wirtschaftlichen Perspektive. 

Der Job und die Ausbildung in der Tourismusbranche seien zukunftssicher: „Man weiß zwar nicht, wie lange es noch Reisebüros geben wird, ausgebildete Touristiker werden aber immer gesucht“, berichtet er. 

Die Tätigkeiten dort habe Corona aber völlig verändert: Statt dem Buchen von Reisen befasst sich die Auszubildende jetzt vor allem mit einem: Stornierungen und anderen administrativen Aufgaben. Themen, die unter normalen Bedingungen erst im dritten Jahr an der Reihe wären

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