Wächter dunkler Stunden: Besondere Tour durch Altena

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Geld Klimpel führt als Nachtwächter durch Altena.

Altena - In den dunklen Stunden sorgten sie früher für Recht und Ordnung: die Nachtwächter. Auf ihre Spuren können sich nun Interessierte in der Nette begeben.

Gerd Klimpel wird den Altenaern heimleuchten. Er bereitet sich derzeit intensiv auf eine neue Stadtführung vor, die es so noch nicht gegeben hat. Klimpel, erfahrener Führer auf der Burg, wird in die Rolle eines Nachtwächters schlüpfen. 

Davon gab es einmal drei in der Stadt, jeweils einen für die Nette, für die Freiheit und für das Mühlendorf. Gerd Klimpel wird sich zunächst auf die Nette konzentrieren. Die Tätigkeit der Nachtwächter war speziell. Sie wurden vom Magistrat, also der Gemeindeverwaltung, eingestellt. Es wurde ein Vertrag geschlossen, der ihnen vorgelesen wurde, dann hatten sie ihn zu unterschreiben und wurden per Handschlag verpflichtet. 

Erste Tour nach Corona-Pause

Einer der Nachtwächter, Varle war sein Name, unterschrieb mit drei Kreuzen. Oft waren es Fabrikarbeiter, die die Nachtwächterposten versahen. 

Die meisten Informationen über diese seltene Berufsgattung stammen aus dem 19. Jahrhundert, doch es gilt als sicher, dass sie schon im Mittelalter ihre Runden drehten. Es ist Ursula Rinke, der langjährigen Stadtführerin, zu verdanken, dass diese neue Führung nun am Samstag, 25. Juli, an den Start gehen kann. 

Sie markiert zugleich den Zeitpunkt, an dem die Gruppe der Stadtführer ihre Arbeit nach der Corona-Zwangspause wieder aufnimmt. Sigrid Hohmann, Heidi Rostek, Jutta Klinke und Gerd Klimpel stehen in den Startlöchern. Klimpel wird bei der Nachtwächterführung viel zu erzählen haben, das ist sicher. 

Ausreden für Alkoholgenuss

Darunter auch einiges zum Schmunzeln. So heißt es in den städtischen Unterlagen etwa, dass die Nachtwächter dem Alkohol zu entsagen hatten. „Daran hat es aber oft gehapert“, erzählt Klimpel. „Interessant waren die Ausreden. Überhaupt haben sich kuriose Dinge ereignet.“ 

Die Nachtwächter-Ordnung legte unter anderem auch fest, wie die Ausrüstung der Bediensteten auszusehen hatte. Gerd Klimpel wird sich daran halten und hat sich einen blauen Tuchmantel zugelegt, wie er seinerzeit den Nachtwächtern von der Stadt gestellt wurde. Eine Hellebarde vervollständig das Outfit, außerdem ein Horn mit Mundstücken und eine hölzerne Pfeife. 

Hilfssheriffs am Tag

Das Horn wurde gebraucht, um Brände kundzutun oder die Gendarmen herbeizurufen, mit der Pfeife dagegen wurden die Stunden signalisiert. Viel Zeit hat Ursula Rinke im Stadtarchiv verbracht, um die Unterlagen über die Nachtwächter aufzuarbeiten. 

Sie fand heraus: Die Nachtwächter wurden zunächst keineswegs von der Stadt bezahlt, obgleich sie auch als Hilfspolizisten galten und ebenso tagsüber als solche fungieren mussten, wenn Not am Mann war. Für die Gebühren mussten vielmehr die Hausbesitzer aufkommen. Sie zahlten vier Silbergroschen für jedes Haupthaus und zwei Silbergroschen für jedes vermietete Nebenhaus.

Weckdienst auf Wunsch 

Im Gegenzug waren die Nachtwächter verpflichtet, die Bürger auf deren Wunsch hin morgens zu wecken, wofür ihnen zunächst drei Pfennige, später vier und gegen Ende des Jahrhunderts sechs Pfennige zustanden. 

Doch die Sache hatte einen Haken. Da musste der Nachtwächter oftmals wiederholt vorstellig werden, um sein Geld einzutreiben. Ja, es war bisweilen so schwierig, dass die Nachtwächter 1850 den Antrag stellten, die „Communalkasse“ möge doch ihre Bezahlung übernehmen, da sie oft nur einen Teil von dem bekämen, was ihnen zustehe.

Probleme mit Bezahlung

Die Stadt bot den Nachtwächtern zunächst an, sie sollten eine Liste über die säumigen Zahler und die ausstehenden Beträge aufstellen. Man würde die Beträge dann in ihrem Namen eintreiben. Ein Jahr später jedoch beschloss der Gemeinderat, dass sämtliche Nachtwächtergebühren direkt an die Communalkasse zu entrichten seien – und zwar jährlich acht Reichsthaler für ein Wohnhaus und vier Reichsthaler für ein Nebenhaus. 

Maskenpflicht bei der Tour

Interessierte müssen sich für die Nachtwächter-Führung am Samstag, 25. Juli, anmelden, denn die Zahl der Teilnehmer ist auf zunächst zehn Personen begrenzt. Gerd Klimpel ist dafür unter Telefon 01 76 / 34 76 62 83 erreichbar. Treffpunkt ist unterhalb des Kinos auf dem Parkplatz der Firma Eksi. Alle Teilnehmer müssen eine Mund-Nasen-Maske tragen. 

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Für Riesen-Interesse hatten die Stadtführungen zu den Schauplätzen des Romans von Peter Prange geführt.Der wurde fürs Fernsehen verfilmt und als Dreiteiler ausgestrahlt.

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