Heimatverein feiert abgespecktes Jubiläum: Besucher müssen ganz genau hinhören

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In die Drahtrolle Hurk darf der Heimatverein mit Vorsitzendem Friedrich-Wilhelm Klinke (r.) die Gäste am Wochenende nicht einladen. Aber es gibt ein Alternativprogramm.

Altena – 25 Jahre alt wird der Heimatverein Evingsen. Das große Jubiläum am Pfingstwochenende muss entfallen. Fast. Es gibt einen sehr besonderen Gottesdienst.

Friedhelm Arno Berthold kennt die Besonderheiten des Niederdeutschen. Er kennt sie von Kindheit an. Konkret geht es um das südwestfälische Platt. Wenn er früher mit seiner Mutter den Wochenmarkt in Schwerte besuchte, dann konnte sie immer zuverlässig sagen, aus welchem Dorf in der Umgebung dieser oder jener Händler kam. 

So vielfältig sind die Dialekte, dass sie hinter jeder Flussbiegung ein wenig anders klingen konnten. Sprachliche Klippen vielleicht, aber Berthold wird sie umschiffen. Zum 25-jährigen Bestehen am kommenden Pfingstmontag, 1. Juni, erwartet der Heimatverein Evingsen Friedhelm Arno Berthold als Gast in einem besonderen Gottesdienst. 

Coronavirus in Altena: Zögerfest und Mühlentag verschoben

Vereinsvorsitzender Friedrich Wilhelm Klinke steht nicht erst seit dem 20-jährigen Bestehen mit Berthold in Kontakt und freut sich, dass es am Montag einen Gottesdienst auf Plattdeutsch geben wird. Für den müssen sich Besucher allerdings im Vorfeld anmelden. 

Das weitere Festprogramm wird aufgrund der Corona-Schutzvorgaben jedoch abgesagt – das Zögerfest und der Mühlentag. Der Empfang entfällt ebenfalls. Das Programm soll 2021 nachgeholt werden. 

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Doch der evangelische Pastor und ehemalige Realschuldirektor Berthold aus Iserlohn-Hennen kommt. Und er wird einen Gottesdienst halten, bei dem das Plattdeutsche wieder auflebt. Gebete und das Glaubensbekenntnis sollen im markanten Dialekt der Vorfahren vorgetragen werden. Lieder gibt es nicht. 

Platt als Sprache untererer Schichten verpönt

Es ist keineswegs selbstverständlich, auf Menschen zu treffen, die diesen Teil des Niederdeutschen noch beherrschen. „Ja, die muss man suchen“, bestätigt der 83-jährige Friedhelm Arno Berthold. Ihm selbst sei die Mundart im Grunde in die Wiege gelegt worden. „Mütterlicherseits sprach meine gesamte Verwandschaft Platt, das galt aber auch für meinen Opa Gustav“, erzählt Berthold. 

„In meiner Jugendzeit wurde es noch recht häufig gesprochen.“ Jedoch: Seit Ende des 19. Jahrhunderts habe die Mundart vielerorts als „Sprache der unteren Schichten“ gegolten – ein Makel, von dem sie sicht nicht mehr erholen sollte. So erhielt Bertholds Mutter im Jahr 1910 an der Volksschule Unterricht in „Hochdeutsch als erster Fremdsprache“. 

Kein Platt-Gottesdienst am Sonntag

Ihm habe es aber dennoch Freude bereitet, sich in der Mundart zu unterhalten, so zum Beispiel in den Pausen mit seinem Schulkameraden, dem späteren CDU-Bundestagsabgeordneten Prof. Dr. Otto Wulff. „Eigentlich“, berichtet Friedhelm Arno Berthold, „halte ich die plattdeutschen Gottesdienste nicht an einem Sonntag“, wenn die meisten Gläubigen die Kirche besuchen. „Nicht, dass nachher jemand sagt, der Gottesdienst war sehr schön, aber ich habe nichts verstanden. Der Pastor kam aus Holland.’“ 

Für Evingsen und den Heimatverein wird es aber eine Ausnahme geben und am Feiertag predigen. Wichtig sei, „dass der Gottesdienst vom ersten bis zum letzten Wort auf Platt stattfindet – sonst gibt es einen Knacks.“ Große Verständnisschwierigkeiten erwartet der ehemalige Lehrer nicht. „Ich werde langsam und deutlich sprechen, und es wird ein geglättetes Platt sein.“ So hätten die Kirchenbesucher bei einem unbekannten Wort die Gelegenheit, es im Zusammenhang zu ergänzen. 

Im Auftrag des Platts seit 40 Jahren

Dass Berthold die Gottesdienste auf Platt hält, sei dem Interesse von Freunden aus der Schweiz zu verdanken, erzählt der 83-Jährige. Anfang der 1980er Jahre hätten ihn diese Freunde gefragt, warum es denn im heimischen Raum keine Gottesdienste in der Mundart gibt. „Ich sagte mir dann, jetzt musst du aktiv werden.“ 

Beim Westfalentag 1986 stand er zum ersten Mal in der Bauernkirche in Iserlohn und predigte auf Platt. Berthold macht sich auf verschiedene Weise verdient, um die Sprache zu erhalten. So wirkte er bei zwei Büchern mit, die sich des Plattdeutschen im heimischen Raum widmen. 

Seminare in Mundart gehalten

Zudem leitet er den Arbeitskreis Niederdeutsch beim Heimatbund Märkischer Kreis. Der Arbeitskreis Niederdeutsch trifft sich meistens zwei Mal im Jahr im Ständessaal des Kreishauses an der Bismarckstraße in Altena und findet dort eine adäquate Umgebung vor. 

Hier tagte unter Landrat Fritz Thomée einst der Kreistag. Auch Seminare zum Erlernen der Mundart hielt der Pädagoge und Theologe ab. „Aber da müsste man heute bei Null anfangen“, meint Berthold. 

Da schließt sich dann der Kreis zum Jahr 1910. Plattdeutsch müsste heute wohl als „Fremdsprache“ unterrichtet werden. Die Besucher des Evingser Gottesdienstes dürfen sich also auf einen interessanten Morgen freuen.

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