Ein Therapeut berichtet

Corona greift auch die Seele an

Therapeut Winfried Schmidt
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Winfreid Schmidt betreibt das Institut Lichtblicke

Dass das Coronavirus für viele Menschen eine besondere Gefahr darstellt, ist schon lange bekannt. Aber auch die Kontaktbeschränkungen und Regeln, mit denen sich die Leute im Alltag herumschlagen müssen, haben Folgen. Psychotherapeut Winfried Schmidt aus Altena berichtet.

Altena - Schmidt ist Gründer und Leiter des „Institut Lichtblick“ am Hemecker Weg. In den Praxisräumen bemühen er und seine Kollegen sich, Menschen mit psychologischen Problemen zu helfen. Davon gebe es immer mehr, berichtet Schmidt. „Durch die Kontaktbeschränkungen vereinsamen die Leute zunehmend. Wir spüren das in der Praxis sehr deutlich. Die Terminkalender sind so voll, dass ich das Wochenende zum Großteil in der Sprechstunde verbringe.“

Zukunftsperspektive fehlt

Die prekäre Gesamtsituation führe zu Hoffnungslosigkeit. Eine Zukunftsperspektive fehlt vielen. Internen Papieren der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge sei man global derzeit damit beschäftigt, das sogenannte Coronasyndrom als psychische Folgeerscheinung der Pandemielage anzuerkennen, berichtet Schmidt. Von diesem Vorgang habe er über mehrere Ecken Kenntnis erlangt und befindet ihn für gut und richtig. „Die Therapeuten kämpfen für die Anerkennung“, sagt Schmidt. Therapiekosten würden dann nämlich von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen und müssten nicht von den Betroffenen selbst bezahlt werden. Folglich würden wahrscheinlich mehr Menschen die Hilfe in Anspruch nehmen.

Die Leute haben Ängste.

Winfried Schmidt

Der Bedarf sei groß, sagt der Psychotherapeut. „Die Leute haben Ängste“, berichtet er aus seinem Praxisalltag. Die Situation gehe ihnen an die Substanz. Mögliche Gründe dafür sind vielfältig und schnell gefunden: Der Staat verschuldet sich immer weiter, um irgendwie durch die Pandemie zu kommen. Viele Menschen sind in Kurzarbeit oder von Infektionen im Betrieb betroffen. Man macht sich Sorgen um die eigene Gesundheit oder hat Angst, Risikopersonen in der Familie mit Corona anzustecken. All das beschäftigt die Menschen und sorgt für Unsicherheiten. Ein Ende der Pandemie ist nicht in Sicht. Aber die Leute lechzen nach Erholung und einem Ausweg aus dem engen und stressigen Corona-Alltag.

Außerdem gebe es nur noch wenig Verständnis für das politische Vorgehen, berichtet Schmidt. Die Unzufriedenheit wächst. „In Therapiesitzungen unter vier Augen trauen sich die Patienten, offen zu reden. Im Alltag haben einige Angst, dass sie wegen Kritikäußerungen in eine Ecke gestellt werden“, sagt der Psychotherapeut.

Man kann nicht mehr abschalten

Dass es kaum Möglichkeiten gibt, um abzuschalten und Kraft zu tanken, sei ebenfalls kritisch. „Die Leute sind frustriert, dass sie nicht zu zweit Urlaub in einer Ferienwohnung machen dürfen. Kreuzfahrten und Flugreisen mit viel mehr Personen sind aber erlaubt. Sie ärgern sich über die Unverhältnismäßigkeit“, sagt Schmidt.

Er hat Verständnis für die Situation seiner Patienten und hört gerne zu. Die Folgeerscheinungen von Corona seien im psychologischen Bereich nicht von der Hand zu weisen. „Davor verschließen wir die Augen nicht. Für den erhöhten Bedarf sind wir bestens gewappnet.“

Termindruck: Öffnungszeiten auch am Wochenende

Unter anderem wurden die Öffnungszeiten angepasst: Derzeit sind Termine grundsätzlich von 7 bis 22 Uhr möglich. Zusätzlich gibt es Optionen am Wochenende. „Wir sind in diesen Zeiten für unsere Patienten da“, unterstreicht Schmidt. Um für Sicherheit in der Praxis zu sorgen, werden die Therapeuten wöchentlich auf das Coronavirus getestet.

Die beschlossene Verlängerung des Lockdowns bis zum 18. April hält Schmidt trotz der möglichen psychischen Belastung grundsätzlich für richtig. Das sage er auch seinen Patienten. „Auch wenn es nicht schön ist: Einschränkungen wie das tägliche Tragen der Schutzmasken in Kauf zu nehmen, ist besser als eine Coronainfektion. Wir unterstützen alle Maßnahmen, die zu einer Eindämmung des Infektionsgeschehens führen“, betont der Psychologe. Um auf psychologischer Seite für Besserungen zu sorgen, bleiben er und sein Team am Ball und arbeiten weiter. Dass die Corona-Situation auch für die Praxisabläufe nicht einfach ist, liegt auf der Hand: „Es kommt immer wieder zu Verwirrungen im vollen Terminkalender, wenn Patienten positiv getestet werden.“

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