Nach Ausbruch

Corona im Altenheim: Leiterin spricht über belastende Wochen

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Das Ellen-Scheuner-Haus in Altena.

55 Infizierte, zwölf Todesfälle und belastende Wochen: Es war eine schwere Zeit für Bewohner und Betreuer im Ellen-Scheuner-Haus in Altena. Altenheim-Leiterin Petra Winkler spricht über diese Zeit, die Coronavirus-Mutation und bewegende Momente.

Wie belastend waren die vergangenen Wochen und Monate für Bewohner und Mitarbeiter, aber auch für Sie persönlich?
Die Wochen nach dem Corona-Ausbruch waren auf jeden Fall eine belastende Zeit für uns alle. Wir hatten in der Pandemie einen Ausbruch und sahen uns in einer Situation, die wir so ja noch nicht erlebt hatten. Das kannten wir alle nicht. Daraus resultierten wiederum weitere Dinge.
Es gab zum Beispiel nochmal Kontaktbeschränkungen, die ja auch etwas mit den Menschen machen. Auch für die Mitarbeiter war das eine ganz fremde und neue Situation. Und ganz klar: Man hat sich in dieser Zeit natürlich Sorgen gemacht um die Menschen.
Nimmt man diese Sorgen nach Feierabend mit nach Hause?
Keinesfalls kann man das ohne Weiteres abschütteln. Über die Situation in der Einrichtung macht man sich selbstverständlich Gedanken. Und die Pandemie hört ja nicht auf, wenn ich nach Hause gehe. Die Pandemie betrifft uns alle – und zwar weltweit. Wir haben alle Familien, die in irgendeiner Form betroffen sind.
Ich denke da zum Beispiel an Familien mit Kindern, bei denen nun Homeschooling eine Herausforderung ist. Nicht zu vergessen: In die Zeit des Corona-Ausbruchs im Scheuner-Haus fiel die Advents- und Weihnachtszeit als eine ganz besondere Zeit. Das macht natürlich etwas mit den Menschen.
Einrichtungsleiterin Petra Winkler (rechts) und Pflegedienstleiterin Kornelia Tymoszuk
Am 9. Januar erhielten einige Bewohner und Mitarbeiter des Scheuner-Hauses die Erstimpfung. Was hat sich seitdem getan? Gab es weitere Infektionen?
Es ist in unserem Haus zur Zeit eine Bewohnerin corona-positiv. In Kürze steht bei uns die Zweitimpfung an, auf die wir uns freuen.
Zeitweise gab es ein Betretungsverbot für Angehörige und Besucher. Wie schwer war diese Zeit?
Das war absolut keine schöne Zeit, weil die Menschen natürlich Kontakt haben wollen zu ihren Familienmitgliedern und ihren Nahestehenden. Wir kannten ein Betretungsverbot schon aus März und April vergangenen Jahres, von daher war das erneute Betretetungsverbot dann nicht mehr ganz neu.
Aber trotzdem: Die Bewohner wollen natürlich den Kontakt aufrechterhalten zu den Angehörigen. Das ist dann schon eine große Herausforderung. Wir haben im Scheuner-Haus in dieser Zeit natürlich versucht, Dinge zu kompensieren. Wir sind immer für die Menschen da, es gab viel Einzelbetreuung in dieser Zeit durch Betreuungskräfte oder den sozialen Dienst. Aber: Es war trotzdem eine belastende Situation.
Der Corona-Ausbruch im Scheuner-Haus hat viele Altenaer im November und Dezember bewegt. Welche Reaktionen oder Wünsche haben Sie von Außen erreicht?
Uns haben sehr, sehr viele positive Wünsche erreicht. Die Menschen haben uns vermittelt: „Wir denken an euch und wünschen euch alles erdenklich Gute.“ Das waren die immateriellen Wünsche. Aber es gab auch Geschenke wie Bilder, Honig, gebastelte Engel, Grüße in schriftlicher Form, Blumen für Mitarbeiter und so weiter. Das hat uns alle sehr bewegt. Wir hatten zudem Andachten und Gottesdienste in schriftlicher Form, die wir verlesen konnten.
Gab es denn auch Vorwürfe?
Nein, das habe ich nicht erlebt.
Hat es trotz aller Probleme und Herausforderungen auch schöne Momente in den letzten Wochen gegeben?
Dass Menschen an uns denken, das war sehr, sehr schön. Eine Altenhilfe-Einrichtung ist, das darf man nicht vergessen, auch ein Ort der Begegnung. Da passieren zwischenmenschlich auch sehr schöne Dinge. Wir freuen uns gemeinsam über Dinge, wir lachen miteinander.
Wir sind aber, wenn es mal traurige Situationen bei Menschen gibt, auch gemeinsam traurig. Zwischenmenschlichkeit ist ein ganz großes Thema: Wir leben miteinander.
Die Virus-Varianten B.1.1.7 aus Großbritannien und B.1.351 aus Südafrika breiten sich aus. Sie sind auch im MK angekommen. In einer Senioreneinrichtung in Leverkusen, in der die als besonders ansteckend geltende Mutation B 1.1.7 nachgewiesen worden ist, sind 15 Bewohner gestorben. Wie sehr sorgen Sie sich im Scheuner-Haus vor diesen Mutanten?
Natürlich ist uns diese Entwicklung bewusst und wir wären froh, wenn es uns nicht erreicht. Wir tun auch alles dafür, um uns davor zu schützen. Hygienekonzept und Testungen von Bewohnern und Mitarbeitern sind fest in unseren Alltag integriert, auch Besucher werden getestet.
Angenommen, Sie bekämen zehn Minuten Zeit für ein persönliches Gespräch mit dem Bundesgesundheitsminister. Was würden Sie Jens Spahn sagen?
Ich würde ihm sagen, dass es mir wichtig ist, dass auch außerhalb von Applaus in und nach der Krise weiter an die Pflege gedacht wird.

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