Bei Schulen, Einzelhändlern, Firmen und Verbänden

Corona-Gipfel sorgt für großes Kopfschütteln: Fassungslosigkeit in Altena

Gründonnerstag Angela Merkel
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Gründonnerstag doch kein Ruhetag oder Feiertag? Angela Merkel überrascht am Mittwoch in einem neuem Corona-Gipfel mit einer Hammer-Nachricht.

Die Entscheidungen des jüngsten Corona-Gipfeltreffens in dieser Woche treffen in Altena und Nachrodt-Wiblingwerde auf wenig Zuspruch. Schulen, Einzelhändler, Firmen und Verbände sind entsetzt oder völlig überrumpelt von den Ideen der führenden Politiker.

Altena/Nachrodt – Fassungslosigkeit – so lassen sich die Reaktionen von Altenaern und Nachrodt-Wiblingwerdern auf den Zick-Zack-Kurs in Sachen Osterruhe wohl am ehesten beschreiben. Eine Auswahl:

Supermarkt

Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln: So empfindet Kai Kantimm, Chef der Edeka-Filialen in Nachrodt und Lüdenscheid-Brügge, die Beschlüsse der Regierung. Er hatte sich schweren Herzens auf den geschlossenen Gründonnerstag eingerichtet, sieht die Rücknahme der Anordnung aber positiv. „Es ist eine Entzerrung der Problematik“, so Kai Kantimm und ergänzt: „Jetzt muss ich alles wieder umplanen, auch die Arbeitseinsatzpläne.“

Eine halbe Stunde, bevor Kanzlerin Merkel gestern zurückruderte, hatte Kai Kantimm sehr deutliche Worte für die Schließung am Gründonnerstag gefunden. „Ich habe wirklich schon lange kein Verständnis mehr für die Maßnahmen“, so der Nachrodter. Wäre die angeordnete Schließung am Gründonnerstag gekommen, hätte es einen riesigen Kundenandrang am Mittwoch und Samstag gegeben, was für die Corona-Schutzmaßahmen eher kontraproduktiv gewesen wäre.

Kantimm hatte bereits seine Bestellungen geändert. Mittwoch statt Donnerstag sollte es den Fisch geben, auf den viele Kunden sich für Karfreitag freuen. Gegenüber der Belegschaft hat der Geschäftsinhaber die Devise „durchhalten“ ausgegeben.

Drahtwerk

Fabian Schmidt, Geschäftsführer der Firma Lüling, hatte zunächst die Füße stillgehalten. „Was eine Osterruhe ist, weiß keiner – der Begriff ist überhaupt nicht definiert“, sagte der Unternehmer, der dringend auf weitere Informationen wartete und heilfroh war, als der arbeitsfreie Donnerstag nach gut 24 Stunden wieder abgeblasen wurde.

„Gerade jetzt hätten wir das nicht gebrauchen können“, sagte er mit Hinweis darauf, dass die Auftragslage langsam wieder anziehe und die Firma Lüling Lieferverpflichtungen auch mit Kunden im Ausland eingegangen sei. Denen hätte man kaum erklären können, dass Deutschland mit einer Woche Vorlauf arbeitsfreie Tage einführt.

Walzwerke

„Wir haben Ruhe bewahrt, abgewartet und sind jetzt froh, dass die Beschlüsse zurückgenommen wurden“, sagt Henryk Leitzke, technischer Geschäftsführer der Walzwerke Einsal. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte nach massiver Kritik entschieden, den Bund-Länder-Entscheid zur sogenannten Osterruhe zu kippen. Bei den Walzwerken hatte man noch keine Vorkehrungen für einen möglichen Stopp an Gründonnerstag getroffen. Und so waren auch alle Schichtpläne „normal“ geschrieben.

„Etwas absagen kann man leichter, als Leute doch wieder zur Arbeit zu holen. Das hätte nur für Verwirrung gesorgt“, so Henryk Leitzke. Ob die Osterpause inklusive Gründonnerstag im Kampf gegen das Infektionsgeschehen etwas gebracht hätte, möchte Henryk Leitzke nicht beurteilen, aber er sagt klipp und klar: „Bevor man so eine Maßnahme veröffentlicht, sollte man auch abklopfen, ob man es wirklich umsetzen kann.“

Die Walzwerke hatten auf die diskutierten Ausnahmeregelungen für die Industrie gehofft, „denn wir haben große Anlagen, die man nicht mal eben an- und abschalten kann. Wir brauchen den Tag für die Produktion.“

Discounter

Aufatmen auch im Nachrodter Netto. Olga Smirnov, stellvertretende Filialleiterin, hatte einen Riesenansturm am Mittwoch und Samstag vor Ostern befürchtet: „Die Schließung am Gründonnerstag hätte auf keinen Fall das Infektionsgeschehen positiv beeinflusst.“ Das Geschäft ist mit Waren „pickepacke voll“, denn „nächste Woche werden wir kaum dazu kommen, etwas zu bestellen.“ Einen Security-Dienst gibt es im Netto nicht. 70 Einkaufswagen stehen zur Verfügung, jeder Kunde muss einen nehmen, auch wenn Paare einkaufen.

Arbeitgeberverband

Horst-Werner Maier-Hunke, Vorsitzender des Märkischen Arbeitgeberverbandes (MAV), äußerte sich unmittelbar vor der Rücknahme der Ruhetagsregelung: „Wir warnen vor den massiven Problemen und Kosten, die eine Schließung aller Unternehmen bereits am Gründonnerstag mit sich bringen würde. Die Auswirkungen auf Prozesse und Lieferketten wären gravierend. Das Herunterfahren der Wirtschaft über Ostern wäre angesichts der bereits lang andauernden Corona-Krise ein falsches Signal und muss zurückgenommen werden.“ Offensichtlich ist das auf Gehör gestoßen.

Sekundarschule

Für Anne Rohde, Leiterin der Sekundarschule Altena/Nachrodt-Wiblingwerde, hatte sich bereits am Dienstag entschieden, dass sie bis zu den Osterferien nur noch für sehr wenige Schüler öffnen wird. Mit Ausnahme der Abschlussklassen und einer Notbetreuung mussten ab Mittwoch alle zurück in das Homeschooling wechseln. Das Leitungsteam habe kurzfristig reagieren müssen, berichtet Anne Rohde. „Wir konnten die Schüler nicht mehr in die Osterferien verabschieden“, bedauert sie. Darüber seien sie und die Lehrerschaft traurig.

„Wir hätten uns rechtzeitig eine sinnvolle Entscheidung gewünscht, zum Beispiel vor dem Wochenende“, stellt Rohde den Entscheidungsträgern kein gutes Zeugnis aus. Dass die Inzidenzwerte im Märkischen Kreis wieder steigen, war schon in der vergangenen Woche zu beobachten. Vor dem Hintergrund sei die Schulschließung zwar auf der einen Seite bedauernswert, auf der anderen weiß Rohde aber von Lehrern, die große Angst hatten, sich während der Arbeit mit dem Virus zu infizieren. Insbesondere während der Schnelltests, für die die Schüler ihre Masken absetzen müssen.

„Solche Aufgaben stehen auch nicht in der Arbeitsplatzbeschreibung eines Lehrers“, betont Rohde. „Die Kollegen sind es inzwischen gewohnt, weit über das Soll hinauszugehen. Die Grenze des Zumutbaren ist überschritten, die Grenze des Machbaren erreicht.“

Nach dem Beschluss zur Schulschließung wurden am Dienstag ein weiteres Mal die Stundenpläne umgestrickt und für die Wiederaufnahme des Distanzunterrichtes angepasst. „Und das drei Tage vor den Ferien“, sagt Rohde. Sie musste außerdem eine Notbetreuung einrichten, die es nun an beiden Standorten für die Jahrgangsstufen 5 und 6 gibt.

Etwa fünf Schüler pro Klasse nehmen das Angebot derzeit in Anspruch. Schüler aus Altena sollen – auch wenn sie sonst in Nachrodt zur Schule gehen – in Altena betreut werden. „Wir versuchen, unnötige Busfahrten zu unterbinden“, unterstreicht Anne Rohde, dass man bemüht sei, flexible Lösungen im Sinne des Infektionsschutzes zu finden.

Grundschulen

„Die Kristallkugel funktioniert nicht mehr“, sagt Carsta Coenen schmunzelnd. Die Schulschließung hatte sie nicht vorhergesehen. „Natürlich hätten wir gern die Kinder bis zu den Ferien begleitet und Projekte beendet, die gerade angestanden haben, aber mit Blick auf die Infektionszahlen ist die Entscheidung sicher richtig“, so die Leiterin der Grundschule Nachrodt-Wiblingwerde.

Und so sind nun wieder alle Kinder und Lehrer im Distanz-unterricht. Das häufige Wechseln zu den verschiedenen Modellen sei eine Belastung für alle Beteiligten. In der Notbetreuung wechselt die Zahl der Kinder, im Moment sind es an jedem Standort 15. „Manche Eltern schicken ihre Kinder auch tageweise, je nachdem, wie sie die Betreuung organisiert bekommen.“ Mittlerweile sind bis auf zwei alle Lehrkräfte und auch das Betreuungspersonal geimpft. Schwere Nebenwirkungen hatte niemand, durchaus aber teilweise heftige Grippesymptome.

Übrigens: Der Wechselunterricht hat an der Grundschule sehr gut geklappt. Die Kinder wurden in kleinen Gruppen unterrichtet – dienstags und donnerstags die einen, mittwochs und freitags die anderen. Montags kamen die Kinder im „Schichtsystem“ zur Schule, um den Wochenplan zu erfahren. „So hatte jedes Kind den Überblick, was in der Woche ansteht“, so Carsta Coenen. Das Beste aus der Situation machen – das gilt weiterhin. Jetzt wieder auf Distanz.

SIHK

Dr. Fabian Schleithoff leitet die „Corona-Taskforce“ der SIHK. Das zehnköpfige Team kam am Dienstag an seine Grenzen: Die Telefondrähte glühten, zeitweilig war sogar die SIHK-Homepage überlastet. „Wir haben Nachfragen aus nahezu allen Branchen erhalten. Alle wollten wissen, was die Beschlüsse für sie konkret bedeuten“, schildert Schleithoff.

Er nennt Beispiele: Gastronomen wollten von ihm wissen, ob sie ihren Lieferservice weiter anbieten dürfen, Spediteure wussten nicht, ob sie für Fahrten an Gründonnerstag eine Ausnahmegenehmigung benötigen und Industriebetriebe wollten wissen, was zu tun ist, wenn am arbeitsfreien Donnerstag doch gearbeitet werden muss, zum Beispiel wegen Lieferverpflichtungen. „Vieles war völlig unklar, es herrschte eine ganz breite Verunsicherung“, sagte der SIHK-Coronaexperte.

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