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Gehen, wenn es am schönsten ist: BGA-Schulleiter Holtkemper vor seinem letzten Schultag

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Von: Volker Heyn

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Schulleiter Hans-Ulrich Holtkemper freut sich auf seinen Ruhestand. Seit 1993 ist er am Burggymnasium beschäftigt, nach ein paar Jahren in Bayern ist ihm das BGA 29 Jahre lang so etwas wie Heimat gewesen. Aus Altena will der Mann aus dem Münsterland nicht mehr weg.
Schulleiter Hans-Ulrich Holtkemper freut sich auf seinen Ruhestand. Seit 1993 ist er am Burggymnasium beschäftigt, nach ein paar Jahren in Bayern ist ihm das BGA 29 Jahre lang so etwas wie Heimat gewesen. Aus Altena will der Mann aus dem Münsterland nicht mehr weg. © Heyn, Volker

„Veränderungen sind notwendig, damit man sich weiterentwickelt. Sonst bleibt das System stehen.“ Mit dieser Feststellung geht Oberstudiendirektor Hans-Ulrich Holtkemper in den Teil des Gesprächs, der auf seine Pensionierung hinführt.

Der Mann mit dem Schnäuzer ist jetzt 63 und ein halbes Jahr alt, 29 Berufsjahre hat er als Lehrer am Burggymnasium gearbeitet. Die vergangenen 15 Jahre leitete und prägte er Altenas Oberschule – nach seinem Geschmack ein paar Jahre zuviel, zumindest auf ein und derselben Stelle. „Alle acht bis zehn Jahre sollte man eigentlich was anderes machen“, sinniert er. Nach einer bestimmten Zeit werde alles zur Routine, dann sei es gut, aufzuhören.

Am Freitag, 24. Juni, hört Holtkemper auf, dann ist sein letzter Schultag und gleichzeitig seine offizielle Verabschiedung. Danach ist Holtkemper Pensionär – ein neuer Lebensabschnitt, die gewünschten Veränderungen warten auf ihn. „Gehen, wenn es am schönsten ist“, so hat jemand aus dem Kollegium den Abgang des Chefs kommentiert. Der Satz gefällt Holtkemper.

Inneres Engagement des Kollegiums

Beruflich gesehen trifft es das: Holtkemper kann sein Burggymnasium beruhigt verlassen. Die Schule sei organisatorisch und personell so gut aufgestellt, sie würde im schlimmsten Fall auch ohne einen Schulleiter funktionieren. Holtkemper: „Der Laden läuft eigentlich von ganz allein.“ Für sein Kollegium hat er ausschließlich Lob. Er spricht von „innerem Engagement“, von sehr guten Kolleginnen und Kollegen. Holtkemper hat sein Team offenbar im richtigen Maß gefördert und genug Freiheiten gelassen. Was ihn eben zur Erkenntnis führt, dass das Team zumindest für eine Zeit ihn, die Schulleitung, ersetzen könne.

Doch dazu wird es nicht kommen, ein Nachfolger ist ausgesucht und steht in einer Schule in der Umgebung in den Startlöchern. Wie immer im Schuldienst ist alles streng bürokratisiert und höchst vertraulich. Dem Neuen fehlt noch die Ernennungsurkunde, erst dann darf sein Name genannt werden.

Auch der ständige Vertreter geht

Gleichzeitig mit Holtkemper wird auch Jost Ritzenhoff, ständiger Vertreter des Schulleiters, in den Ruhestand verabschiedet. Auch für ihn gibt es eine gesetzte Nachfolge, die aber vom BGA kommt. Auch diese Frau hat noch keine Ernennungsurkunde und darf deshalb nicht öffentlich benannt werden.

Zeitsprung von der Pensionierung in 2022 zurück zur Einschulung 1965: Hans-Ulrich Holtkemper ist ein waschechtes Lehrerkind. Mit fünf Jahren zog seine Familie von Greven nach Münster-Nienberge. Das erste Schuljahr hätte Traumata auslösen können: Der sechsjährige Hans-Ulrich wurde von seiner eigenen Mutter als Klassenlehrerin unterrichtet. „Verrückt“, sagt er heute dazu. Das hätte immerhin den Vorteil gehabt, dass er sich selbst nie Hausaufgaben aufschreiben musste. Er konnte ja zuhause danach fragen. Holtkemper lacht viel und gern, auch über sich selbst, der Mann hat einen trockenen westfälischen Humor.

Ehefrau Helga lehrt an der Waldorfschule

Hans-Ulrichs Vater war von Hause aus Lehrer. Der vor Jahren Verstorbene arbeitete zuletzt als Professor und Dozent für katholische Theologie. Einer der beiden jüngeren Brüder von Hans-Ulrich Holtkemper wurde ebenfalls Lehrer. Und weil es wohl so kommen musste: Holtkempers Frau Helga ist Lehrerin an der Waldorfschule Neuenrade und steht wie ihr Mann vor der Pensionierung. Von den drei Holtkemper-Kindern Jonas Tobias, David Julian und Mirjam ist lediglich die Tochter – vielleicht liegt es am hebräischen Namen – Lehrerin geworden. Vielleicht auch eine Ironie der Gene: Mirjam ist mit der Lehrerfortbildung beschäftigt.

Nach dem Abitur am Paulinum in Münster begann Hans-Ulrich Holtkemper das Studium mit den Fächern katholische Theologie, Latein, Pädagogik und Sport. Seinen Vorbereitungsdienst, das heutige Referendariat, leistete er in Dortmund ab. Ehefrau Helga stammt aus Dortmund. Zur Gesamtschule Gelsenkirchen-Buer wollte Holtkemper nach seiner Ausbildung nicht, zur Realschule auch nicht. Im bayrischen Rosenheim war eine Stelle in einem Internat frei. Die Familie zog um, zwei Kinder waren schon geboren, das dritte kam in Rosenheim zur Welt. Der Job war schön, aber auch extrem fordernd. Holtkempers lebten quasi mit den Jugendlichen in der Schule, Ehefrau Helga arbeitete dort als Pädagogin. Nach ein paar Jahren übernahm Holtkemper die Internatsleitung. „Das ist eine Arbeit für eine alleinstehende Person“, sagt er heute. Der dreifache Familienvater wollte also weg, am liebsten wieder in die westfälische Heimat.

Es geht nach Altena

1993 rief jemand von der Bezirksregierung an. Holtkemper: „Die wollten eigentlich nur wissen, dass ich den Lehrerjob in Altena im Sauerland nicht will.“ Dass er erst Altona bei Hamburg verstanden hatte, machte die Sache nicht besser. Helga Holtkemper aber kannte Altena aus ihrer Dortmunder Zeit. Und nachdem der Familienrat getagt hatte, war die Entscheidung getroffen: Es geht nach Altena. Rückblickend aus Versehen kaufte die Familie ein Haus in Schwerte, Holtkemper begann als normaler Lehrer seinen Dienst am Burggymnasium. Seine erste Stunde als katholischer Religionslehrer hat er nicht vergessen: „Von 20 hatten 15 den Kurs abgewählt, weil sie dachten, dass da ein bayrischer Lehrer kommt.“

Holtkemper ist zielstrebig, arbeitet gerne und viel, er kann gut organisieren und sich einbringen. Der damalige Schulleiter Uwe Muhs merkte schnell, was Holtkemper kann: Er bat ihn darum, den umfangreichen Stundenplan auszutüfteln. Erst gemeinsam mit Reinhardt Hunger entstand diese Puzzle-Arbeit, später machte es Holtkemper allein. So ging es weiter nach oben. 1996 die Beförderung zum Oberstudienrat, 1998 die Bestellung zum kommissarischen Stellvertreter. Mit dem Titel „kommissarisch“ musste sich Holtkemper viele Jahre herumplagen, Stellenbesetzungen im Schulwesen sind äußerst kompliziert. 2000 wurde er offiziell ständiger Vertreter, ab 2007 vertrat er den vom Amtsarzt in den vorzeitigen Ruhestand geschickten Muhs in der Schulleitung – aber eben nur kommissarisch. Der teils juristisch geführte Streit um die Schulleiterstelle wurde ab 2008 zu einer öffentlich geführten Schlammschlacht. Ein anderer Bewerber focht das Verfahren an, vier Jahre dauerte es, bis Holtkemper im Februar 2012 die Ernennungsurkunde als Leiter in Händen hielt. Heute schmunzelt Holtkemper: „Ich hatte eben vier Jahre Probezeit.“

Gesellschaftliches Ehrenamt

Seit 29 Jahren wohnen Holtkempers in Altena, ihr Haus steht gerade einmal 100 Meter vom Burggymnasium entfernt. Abends und an Wochenenden in Ruhe in der Schule zu arbeiten, das hat er als Vorteil begriffen. Altena sei eine tolle Stadt, schwärmt er den Kollegen vor. „Die Fahrerei hierhin stresst sie alle, ich weiß gar nicht, warum die nicht hierher ziehen.“

Zwei Ämter will er im Ruhestand auf jeden Fall weiterführen: Den Vorsitz des Rotary-Gemeindienstes und den Vorsitz beim Freundeskreis Kulturgüter Haus Nachrodt. Holtkemper hat aus persönlicher Überzeugung heraus immer auch anderen Menschen gedient. Deshalb auch sein „geliebter Rettungsdienst“. Holtkemper hat eine zweite Berufsausbildung und ist Rettungsassistent. Nach wie vor drei Mal im Monat übernimmt er eine Zwölf-Stunden-Schicht im Regelrettungsdienst des DRK für die Dortmunder Kliniken. Zusatzausbildungen hat er absolviert, die ihm erlauben, als direkter Mitarbeiter des Notarztes im Notarzteinsatzfahrzeug Leben zu retten.

Einblick in völlig andere Lebenswelten

„Da ist völlig was anderes als Lehrer, das hilft mir bei der Work-Life-Balance.“ Holtkemper wird nachdenklich: „Ich sehe Lebenswirklichkeiten, die sich die meisten überhaupt nicht vorstellen können.“ Im Einsatz hat Holtkemper Totgetrampelte, Erschossene und Erstochene beim Sterben versorgen müssen. Solche Lebenswirklichkeiten will er unbedingt weiterhin bei sich einziehen lassen: „Das mache ich, solange ich körperlich fit bin.“

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