Schatz vom Dachboden kehrt nach Altena zurück

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Helga Mosch im Lesesaal der Universitäts- und Landesbibliothek Münster. Hier durfte die Evingserin in der Bugenhagenbibel lesen und sie sogar „ohne Handschuhe, die ich dafür eigens vorsorglich mitgenommen hatte“, in die Hand nehmen.

Altena - Wenn eine Bibel Gebrauchsspuren aufweist, deutet das darauf hin, dass der Besitzer auch im „Buch der Bücher“ liest und das Werk nicht nur im Bücherschrank steht. Das ist auch bei Helga Mosch aus Evingsen der Fall. Die langjährige Kirchmeisterin und Presbyterin besitzt gleich mehrere Bibeln.

Seit dem Jahr 2003 ist die fast 80-Jährige in Evingsen „Archivpflegerin“ der Gemeinde und hat schon so manchen Schatz gehoben. „Die Liebe zum Historischem habe ich von meinem Vater geerbt“, sagt sie heute und darf stolz sein auf ihre Archivarbeit in der Gemeinde, die sie auch immer wieder den Gemeindegliedern zugänglich macht.

Jetzt, im 500. Reformations-Jubiläumsjahr, erinnerte sie sich beim Schreiben eines Beitrages für den Gemeindebrief an einen Artikel unserer Zeitung vom 2. August 1880. Dort stand geschrieben, dass dem 1875 gegründeten Verein für Orts- und Heimatkunde im Süderland in Altena „durch die Güte des Herrn Peter Caspar Rasche in Evingsen“ ein äußerst wertvolles Geschenk zuteil wurde.

Er stiftete der Gemeinde ein Exemplar der Bugenhagenbibel, die 1533 in Lübeck in niederdeutscher Sprache gedruckt wurde. Helga Mosch hatte diesen Artikel bereits vor Jahren entdeckt und in der Akte Rasche vermerkt. Denn bei dem Spender handelte es sich um den Vater des späteren Großmäzen der Evingser Gemeinde, Fabrikant Carl Rasche.

An vielen Stellen ist die Bibel mit Holzschnitten von Erhard Altdorfer geschmückt und in einem tadellosen Zustand.

Auch wenn die Schenkung vor mehr als 136 Jahren erfolgte, „ich habe mich auf die Spur gesetzt, wollte ergründen, ob sich diese Bibel wohl noch im Kreis-Archiv befinden würde“, erzählt sie.

Akribisch forschte Mosch, nahm verschiedene Kontakte auf und erfuhr, dass das wertvolle Werk aus „Sicherheitsgründen in der Universitäts- und Landesbibliothek Münster verwahrt wird.“ Ihr Herz schlug schneller, als ihr signalisiert wurde, eine Besichtigung sei nach Absprache natürlich möglich.

Gemeinsam mit ihrem Sohn Thomas fuhr sie nach Münster. „Ich wollte diese Bibel unbedingt in der Hand halten oder zumindest ansehen.“ Vorsorglich nahmen die beiden sogar Handschuhe mit, um das Papier nicht zu beschädigen. „Aber das war nach einer Restaurierung der gesamten Bibel nicht nötig. Wir durften sie anfassen“, klingt noch heute echte Begeisterung nach.

„Ich bin noch jetzt – wir sind am 20. September 2016 in Münster gewesen – von der Schönheit des Buches beeindruckt. Es hat einen hellen Ledereinband und ist mit Illustrationen von Erhard Altdorfer versehen. Insgesamt 79 Holzschnitte sollen es sein. Gedruckt wurde das Werk von Ludwig Dietz in Lübeck.“

In Leder gebunden und restauriert macht die Bugenhagenbibel heute richtig etwas her.

Viele Fragen seien ihr durch den Kopf gegangen, etwa: Wer hatte darin gelesen? Wem hatte die Bibel gehört? Diese Fragen beantwortete der Anhang nur teilweise. Denn die Eintragungen in der Bibel-Chronik endeten 1656. Das Kreis-Archiv fand heraus, dass die Chronikeintragungen von einer vermögenden Familie der Oberschicht aus Lippstadt, nämlich den Münters, handelte. Wann sie allerdings ins nicht unbedingt hochherrschaftliche alte Raschen-Haus in Evingsen gelangte, wird sich wohl nicht mehr feststellen lassen.

Gefunden wurde die Bugenhagenbibel übrigens einst eher zufällig auf dem Dachboden des alten Pfarrhauses. Sie lag in einer Truhe, war gut in Papier eingepackt und kaum beschädigt. Obwohl weitere Dokumente in dieser Truhe damals von Mäusen zerfressen waren.

Helga Mosch freut sich jetzt, dass Kreisarchiv-Direktorin Dr. Christiane Todrowski das wertvolle Stück zurück nach Altena geholt hat. Hier soll es im Laufe des Jahres einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden.

Bedeutender Vertreter der Reformation

Johann Bugenhagen, geboren 1485, gestorben 1558, war neben Luther und Melanchthon einer der bedeutendsten deutschen Vertreter der Reformation. Er schaffte es, die bei der Reformation aufgekommenen Sprachprobleme in den Übersetzungen lösen zu helfen. Luthers ostdeutscher Zungenschlag sei in Westfalen oft nicht verstanden worden. Ohne die Übersetzung der Lutherbibel ins Niederdeutsche durch eben jenen Johann Budenhagen, da sind sich heute Historiker einig, hätte der Wittenberger Reformator auf dem Land nur wenig Resonanz gefunden.

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