Altenaer auf dem Katholikentag: Bürgermeister zu Attentat - Pastor kritisiert Kardinal

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Dr. Andreas Hollstein sprach beim Katholikentag in Münster in der barocken Clemenskirche

Altena -Einen Tag nach der Rückkehr aus seinem Urlaub berichtete Bürgermeister Dr. Andreas Hollstein (CDU) am Samstag beim Katholikentag in Münster rund 100 Zuhörern von der Messerattacke gegen ihn im vergangenen November.

Von Simone Toure

Vor der üppigen Kulisse der barocken Clemenskirche gab Hollstein im Rahmen der „Erzählkirche“ zum Thema Gewalt gegen Amtsträger zunächst einen kurzen Überblick über das „Kleinstadtidyll“ Altena und die Idee, angesichts des örtlichen Bevölkerungsverlustes mehr Flüchtlinge aufzunehmen als vorgesehen. „Für mich als Christ hat Angela Merkel damals die richtige Entscheidung getroffen“, betonte der Katholik mit Blick auf die viel kritisierte Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. Am Altar stehend schilderte Hollstein dann den Abend des 27. November 2017, als er wegen seiner eigenen Flüchtlingspolitik in einem Döner-Imbiss von einem Bürger der Stadt mit einem Messer angegriffen und verletzt wurde. „Meine erste Reaktion war: Ich verkrieche mich“, berichtete er von dem Medienrummel in den Tagen nach dem Attentat.

Geschichte öffentlich machen

Dann aber habe er sich doch entschieden, mit seiner Geschichte öffentlich auf die zunehmende Gewalt auf Feuerwehr- und Rettungskräfte, auf Bürgermeister und andere Amtsträger hinzuweisen – und sich klar dagegen zu stellen. „So etwas macht man einfach nicht“, sagte Hollstein in Münster und bekam für seine Schilderungen in der Clemenskirche lange anhaltenden Applaus. Nach dem Ende seines Vortrags wurde der Bürgermeister von mehreren Katholikentags-Besuchern angesprochen und bekam von ihnen viel Zuspruch für seine Politik und auch für seine Persönlichkeit. „Ich möchte ihnen sagen, dass ich es ganz toll finde, was sie tun“, sagte ihm zum Beispiel ein Zuhörer aus Polen, der inzwischen schon lange in Deutschland lebt.

Viel Zuspruch erlebt

Den Nachmittag nutzte Hollstein, der zuvor noch nie auf einem Katholikentag war, um sich beim Glaubenstreffen in Münster umzuschauen. Zum Beispiel interessiere ihn die Ausstellung mit Bildern von Udo Lindenberg zu den Zehn Geboten, verriet er. Zu einem ebenfalls für Samstag angesetzten und im Vorfeld des Katholikentags heftig umstrittenen Religions-Podium mit Vertretern aller Bundestagsfraktionen, auch der AfD, zeigte Hollstein sich unentschlossen. „Es ist gewagt“, sagte er. „Aber vielleicht kann es einen Beitrag leisten.“ Grundsätzlich halte er es aber für wichtiger, mit den Wählern der AfD zu sprechen und nicht nur mit den Funktionären.

Ärger über Kardinal aus Köln

Pfarrer Ulrich Schmalenbach war zuletzt vor mehr als 30 Jahren auf einem Katholikentag. 1986 war das, in Aachen. Nun hat er sich mehrere Tage lang in Münster unter die Gläubigen gemischt und festgestellt: Es hat sich viel verändert. „Ich vermisse die Jugend, sie fehlt“, sagt der 62-Jährige. Früher seien viel mehr junge Menschen zu den Katholikentagen gekommen. Beim zentralen Gottesdienst zu Christi Himmelfahrt vor dem Münsteraner Schloss sei ihm aufgefallen, dass das Durchschnittsalter der Teilnehmer deutlich gestiegen sei. Das Problem kennt er aus seiner Pfarrei, der die Gemeinden St. Matthäus Altena, St. Josef Nachrodt und St. Theresia Evingsen angehören. Schmalenbach würde in den Gemeinden gerne mehr für Jugendliche anbieten, ihnen Freiräume geben, in denen sie sich ausprobieren können – doch es sind nicht viele, die solche Angebote der katholischen Kirche überhaupt nachfragen.

Pfarrer Ulrich Schmalenbach beim Katholikentag.

 „Man müsste mehr mit denen reden, die es angeht“, sagt er. Beim Katholikentag hat er diese jungen Gesprächspartner jedenfalls nicht gefunden. Auch die Suche nach Frieden – so das Motto – des Glaubenstreffens – war nicht an allen Tagen von Erfolg gekrönt, wurde manchmal vom Ärger über zu wenige Busse, ein unübersichtliches Programm oder zu lange Warteschlangen überlagert. „Die Organisation ist an vielen Punkten an Grenzen gestoßen“, berichtet Schmalenbach, nachdem er eine Stunde für eine Podiumsdiskussion zum Thema „Störfaktor Religion“ angestanden hat – ohne zu wissen, ob er tatsächlich einen Platz bekommen wird. Am Ende wird er reingelassen, lauscht dem grünen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, dem Mediziner und TV-Star Eckhard von Hirschhausen, der Berliner Moscheegründerin Seyran Ates – und ärgert sich schon wieder. Diesmal über „unseren eigenen Mann“, den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki.

Bischöfe bei Kommunion uneinig

Der Katholik nimmt ebenfalls teil am Podium und verteidigt dort seine Kritik am Beschluss der Deutschen Bischofskonferenz, protestantische Ehepartner in Einzelfällen zur katholischen Kommunion zuzulassen. Woelki hatte den Streit in der Woche vor dem Katholikentag sogar bis nach Rom zu Papst Franziskus getragen. Dieser spielte den Ball jedoch zurück und beschied den deutschen Bischöfen, selbstständig zu einer Einigung zu kommen. Für Schmalenbach ist klar, wie der Konflikt ausgehen sollte: „Man muss auch in der Kirche lernen, Demokratie zu akzeptieren“, sagt der Altenaer Pfarrer. Er selbst sei immer ökumenisch unterwegs gewesen. Den feierlichen Schlussgottesdienst des Katholikentags in Münster erlebt Schmalenbach am Sonntag nicht persönlich mit. Da ist er selbst wieder im Dienst und feiert Erstkommunion mit acht Kindern in St. Josef in Nachrodt. Vielleicht gelingt es dem Pfarrer, in diesem Kreis einige Teilnehmer zukünftiger Katholikentage zu finden.

Weitere Gäste aus Altena in Münster

Christiane Frebel, Gemeinderat St. Matthäus, war erstmals auf einem Katholikentag. Ihr Fazit: „Es war toll!“ - Teilgenommen hat die engagierte Gemeindemitarbeiterin „an verschiedenen Foren“ und sich aktiv in die Gestaltung des Abschluss-Gottesdienstes eingebracht. „Singen ist mein Hobby.

Stefan Kemper.

Und da habe ich mich spontan einbringen dürfen. Ein schönes Erlebnis.“ Stefan Kemper, Katholikenrat Lüdenscheid-Altena, war mit seiner Frau Mittwoch und ab Donnerstag zu Gast in Münster. Er fand ein Privatquartier „bei uns völlig Unbekannten. Eine schöne Erfahrung. Irgendwie gelebter Glaube“, sagt der Kämmerer der Stadt. Auch er hatte sich im Vorfeld „viele Foren, Aktivitäten und Gesprächsangebote“ herausgesucht. Höhepunkt für ihn: Das Erleben der Bundespolitker-Runde zu Fragen des Glaubens. Kemper interessierte sich dabei besonders für das Statement des AfD-Sprechers. Nach Leipzig war es für Kemper „der zweite Katholikentag.

Christiane Frebel

„Er sei aber mit Sachsen nicht vergleichbar. „Dort war es eher beschaulich, klein. Hier in Münster waren mehr als 75 000 Christen über die Tage.“ Für ihn ein „kraftvolles Zeugnis des Glaubens.“ Frebel und Kemper: „Wir nehmen Impulse mit.“ (Job)

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